Vom staubigen Weg ins gelobte Land

Die Hitze flimmert über dem Grenzstreifen und in ihr zerschmilzt die Sehnsucht nach einem besseren Leben wie ein weggeworfenes Erdnusseis. Zwischen eine seufzende Gitarre schiebt sich trockene Erde, Stacheldraht, die blinkenden Fassaden eines Rotlichtstrips, Holzkreuze. Die Melodie begleitet einen Gringo mit breitkrempigem Cowboyhut, dem ein Latino die Schuhe poliert. Im tiefschwarzen Grenzgebiet Mexikos, hinter der „Bridge of the Americas“, verglimmen die Rückleuchten der Buicks auf ihrem Weg ins gelobte Land.

Soviel zum Intro von The Bridge – America – zwischen der und ihrer Vorlage Bro(e)n (dt: Die Brücke – Transit in den Tod, 2011) tausende Kilometer, einige Kilo Pathos und viele Grad Celsius liegen. Aber auch wer Bro(e)n gesehen hat, kann beim amerikanischen Remake einschalten. Denn The Bridge – America nimmt sich – abweichend vom Original – einem seit Jahrzehnten schwelenden Problem an: illegale Einwanderung im amerikanisch-mexikanischen Grenzgebiet. Tausende versuchen es jährlich, die meisten scheitern. Aber unmöglich ist es nicht, das kann man an der wachsenden Anzahl der Wellblechdächer in den texanischen Ghettos ablesen. Für die nötige Spannung angesichts dieser politischen Komplikationen treibt in The Bridge – America zudem ein Serienkiller sein Unwesen, der im Namen der Gerechtigkeit junge Frauen zerhackt.

Wenn sich Sonya Cross dann am Tatort nach Überbleibseln des Killers bückt, stiert ein ausgeblichener Pferdekopf vom Rückenteil ihrer Lederjacke. Man stellt sich den Gaul vor, wie er tumb hinter dem Stacheldraht zwischen den vertrockneten Wohngebieten in El Paso steht – sein leerer Blick sagt den Eindringlingen: „Bleibt draußen. Die Mühe lohnt sich nicht.“ Vielleicht soll der Pferdekopf aber auch schlicht den Charakter der an einer Persönlichkeitsstörung leidenden Kommissarin unterstreichen? Vom Krankheitsbild zeugt auch deren Kleidungsstil – aber vielleicht finde auch nur ich, dass eine Lederjacke in Wüstengebieten ein eher ungünstiges Markenzeichen ist.

THE BRIDGE – AMERICA © 2013 FX NETWORK. All rights reserved.
THE BRIDGE – AMERICA
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Auf der anderen Seite patrouilliert Kommissar Marco Ruiz seinen Staat Chihuahua und schmunzelt über die Naivität der Gringos, die keine Ahnung zu haben scheinen von den Kartellen, die den Moloch der Grenzstadt, Drogen-, Waffengeschäfte und Prostitution unter sich aufteilen.

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Als auf der Brücke zwischen El Paso und Juárez eine Leiche gefunden wird, werden Cross und Ruiz unfreiwillig zu Partnern. Die Tote, die exakt auf der Grenzlinie liegt, besteht aus zwei Teilen: der Oberkörper gehört zu einer amerikanischen Richterin, die Beine sind tiefgekühlt und stammen aus Mexiko. Cross und Ruiz beginnen die Jagd nach dem Täter, der an seine Morde den Vorwurf der brutalen amerikanischen Grenzpolitik knüpft. Die Spur führt von einem amerikanischen Journalisten, der vom Täter bislang nur als Kurier missbraucht wird, zu einem einsamen, schäbigen Trailer im Grenzgebiet. Nebenbei müht sich auf einer Pferderanch die zu Reichtum gekommene Hostess Charlotte Millwright mit den Hinterlassenschaften ihres Mannes, dessen florierendes Unternehmen zu ihrem Unmut nicht nur aus Pferdehandel bestanden hatte. Dazu treiben sich eine ganze Reihe von Verdächtigen herum: ein texanischer Verrückter mit irrem Blick und dreckigem Holzfällerhemd, ein öliger und vom vielen Kokain nervös gewordener Mexikaner und ein ominöser Sheriff, dessen feistes Gesicht wie eine prachtvolle Speckschwarte glänzt.

THE BRIDGE – AMERICA © 2013 FX NETWORK. All rights reserved.
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Charaktere und Storyline von The Bridge – America sind durchaus gelungen, allein die Besetzung der Hauptfigur mit Diane Kruger lässt mich zunächst zweifeln. In der Rolle als unterkühlte Autistin Sonya Cross ist sie vergleichsweise gut – allerdings wird der Unterschied zum Original hier mehr als deutlich. Schwedin Sofia Helin porträtiert in Bro(e)n einfühlsam ihre Figur der Saga Norén, eine in ihre Arbeit verbissene Kommissarin, die mitunter zwischenmenschliche Defizite aufweist, aber durchaus in der Lage ist, Emotionen zuzulassen. Diane Krugers Darstellung fehlt dieser Feinsinn, auch auf den Anflug einer vielschichtigen Persönlichkeit muss man bei ihr leider verzichten. Vielleicht liegt es aber auch am amerikanischen Publikum, das im Hinblick auf psychische Krankheiten die Totschlagdiagnose braucht – Europäer hingegen scheinen spätestens seit Kommissarin Lund an verschrobene skandinavische Polizistinnen gewohnt.

Dafür gibt Marco Ruiz überzeugend den sympathischen Kommissar, der die Schuhe auf den Tisch legt und für fettiges Frühstück sorgt. Ruiz flirtet mit der kessen Sekretärin. Im Wilden Westen träte er die Saloon-Tür auf, um effektiv in den Spiegel zu schießen – gnadenlos ist er nur im Notfall. Kurz taucht auch Lyle Lovett auf, ihm baumelt eine Bolotie vor dem schwarzen Westernhemd, der hagere gibt die edle Persiflage des Totengräbers – er spielt einen Anwalt.

Sieht man The Bridge – America, bekommt man Lust auf Enchiladas und eine kalte Coke. Man will wissen, wie lange der großkotzige Journalist noch durchhält und wann der Killer wieder zuschlägt – natürlich hofft man auch, dass Cross irgendwann in der Wüste ihre Lederjacke ablegt. Später sucht man nach einer Platte von Willy Nelson und während sie abspielt, malt man sich aus, dass es endlich den fetten Patrone erwischt, von den selbstgefälligen Gringos ganz zu schweigen.

The Bridge – America läuft bereits seit dem 18. Juli 2013, immer donnerstags um 22:05 Uhr,  in der Deutschlandpremiere auf FOX.

Über Lena Ackermann

Lena Ackermann teilt sich ihren Geburtstag mit Michael Jackson und hoffte jahrelang auf eine Einladung nach Neverland. Sie hat in Köln Geschichte studiert, in Hamburg bei einer Filmproduktionsfirma gearbeitet und in Berlin ein Volontariat beim Rolling Stone gemacht. Sie schreibt für Erwachsene und Kinder. Mittlerweile hat sie Graceland besucht – auf die Einladung nach Neverland wartet sie weiterhin.

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