47 Jahre alt und kein bisschen müde

In der Zeit vom  25. bis 29. April 2018 fand in Potsdam Babelsberg in der Filmuniversität KONRAD WOLF das International Student Film Festival Sehsüchte statt. Nachdem wir vor wenigen Tagen einen Rückblick auf das Kinder- und Jugendprogramm des Festivals gaben, präsentieren wir heute abschließend einige Eindrücke der Festivalteilnehmer Fabrice Laroche, Henrike Rau und Sandra Marquardt in einem kurzen Interview.

FSF: Was findet ihr am Sehsüchte-Festival so besonders?

Henrike Rau: Das Sehsüchte-Festival existiert bereits seit 47 Jahren mit einem sich ständig wandelnden Team aus Studierenden, die alles vom Kleinen bis ins Große hin planen. Dadurch ist es unglaublich konstant und doch immer in Bewegung. Jedes Jahr passiert etwas anderes, werden andere Entscheidungen getroffen und doch bleiben Motivation und Leidenschaft gleich. Auch wenn es etwas steif klingt, wenn man sagt, es ist auch Teil des Studiums, sorgt das gleichzeitig dafür, dass die Sache des Organisierens und die Erfahrung einen wichtigen Teil des Festivals ausmacht. Jeder, der dieses Festival mit veranstaltet, will diese ganzen verschiedenen Erfahrungen machen. Auch wenn mal nicht alles glatt läuft – das gehört eben dazu. Umso überraschender professionell ist es dann doch meistens.

Organisatoren Sehsüchte 2018 © Frieder Unselt

Einige vom Organisationsteam © Frieder Unselt

Sehsüchte 2018 © Frieder Unselt

Sehsüchte 2018 © Frieder Unselt

Auf jeden Fall genoss ich die entspannte Atmosphäre. Filmemacher/-innen, Zuschauer/-innen etc. alle sitzen bunt gemischt im Kinosaal und trinken danach in der Sonne im Hinterhof oder im Foyer ein Bierchen.

Fabrice Laroche: Man sieht wirklich tolle Filme von Studierenden auf der ganzen Welt, die man ansonsten nirgendwo anders findet. Man merkt, dass viele Debütwerke dabei sind, und das meine ich keinesfalls despektierlich. Es sind erfrischende, manchmal auch experimentelle Filme, mit echt tollen Konzepten und Ideen. Aber vielmehr noch – dass das Festival auch von den Studierenden selbst organisiert ist, hat einen wirklich einzigartigen Charme. Da sind viele junge Menschen dran beteiligt, von denen die meisten noch nie zuvor ein Event dieser Größenordnung professionell organisiert haben. Ich finde, das ist eine bemerkenswerte Leistung.

Abschluss Sehsüchte 2018: das Festivalteam © Frieder Unselt

Abschluss Sehsüchte 2018: das Festivalteam © Frieder Unselt

FSF: Welche Filme oder Kurzfilme sind euch besonders in Erinnerung geblieben?

Fabrice Laroche: Wie auch im letzten Jahr waren für mich persönlich ein paar wirkliche Highlights dabei. Dieses Jahr war ich zum ersten Mal im Kids-Block und obwohl ich anfangs skeptisch war, haben mich zwei Filme wirklich nachhaltig begeistert. Zum einen Everybody Else Is Taken aus Neuseeland, ein wirklich rührender Film über ein Mädchen mit einer unsicheren Geschlechteridentität, welches deswegen von allen an der Schule gehänselt wird. Der Film hat ein gutes Erzähltempo und es steckt total viel Herzblut drin, dank dem anschließenden Q&A (Questions&Answers) weiß ich, dass die Geschichte teilweise autobiografisch ist.

Und dann noch der Animationsfilm Made In France, der eine ganz neue Theorie zum Zusammenhang von verschwundenen Socken und dem guten Geschmack von französischem Käse aufstellt. Da musste ich wirklich schmunzeln, und das laute Gelächter der Kinder im Publikum bestätigte mich.

Sehsüchte 2018: Filmemacher auf der Bühne © Frieder Unselt

Sehsüchte 2018: Filmemacher auf der Bühne © Frieder Unselt

Sandra Marquardt: Mich haben einige Filme sehr stark beeindruckt, die sowohl ernstere Themen enthielten, aber auch die auf lustige Weise verpackten. Zumindest bei den komödiantischen konnte ich miterleben, dass auch die anderen Zuschauer begeistert waren. So sind mir vor allem vier Titel in sehr, sehr positiver Erinnerung verblieben: Der Sieg der Barmherzigkeit, Mr. Uppercut – How To Be A Champion?, Death Of A Fruit Fly und Merry-Go-Round. Wer die Möglichkeit hat, sich die Filme anzugucken, sollte sie nutzen – es lohnt sich in jedem Fall!

Vier betrunkene Männer auf einem Karussell inmitten eines in der Nacht verwaisten Vergnügungsparks und die Frage, wer es denn abschaltet, wenn sich alle Beteiligten auf dem laufenden Fahrgeschäft befinden, zeigt der Titel Merry-Go-Round. Ob sich der russische Filmemacher Ruslan Bratov beim Entwickeln der Filmidee in einem ähnlichen Zustand befand? Wir haben Tränen gelacht.
Genau wie beim Animationsfilm mit einem einzigartigen Soundtrack Death Of A Fruit Fly, der das kurze und harte Leben einer Fruchtfliege im imaginären Körper eines Operntenors auf sehr witzige und animierte Weise vorführte. So hartnäckig widersetzt sich der kleine „Startenor“ den Tötungsversuchen der Menschen, dass er schwerverletzt ohne Gebeine – aber umso lauter singend weiterfliegend das Leben zelebriert – nur um wenige Sekunden später mit dem IQ einer Fruchtfliege geradewegs ins Licht zu fliegen und somit … ? Ihr könnts euch denken – in die heiße Glühbirne und dann doch in den sicheren Tod. Herrlich erfrischend.

Bei den ernsteren Themen waren es vor allem zwei Arbeiten, die mich sehr stark mitnahmen. Zum einen die niederländische Dokumentation Kristians Prelude, die auch mit dem Preis für den besten Dokumentarfilm kurz gekürt wurde. Hierin dokumentiert der Filmemacher Winand Derks van de Ven, der gleichzeitig auch Kristians Freund und Bandkollege ist, den vielleicht bisher schwierigsten Lebensabschnitt des 23-jährigen Kristian, denn er erhält die Diagnose: Hirntumor. Trotz des traurigen Sujets gelingt dem Regisseur Winand Derks van de Ven mal mit einem ordentlichen Schuss trockenen Humor und mal mit erzählerischer Zurückhaltung eine sehr gefühlvolle Dokumentation – nicht zuletzt auch durch Kristian selbst.

Der Spielfilm Die beste aller Welten basiert auf autobiografischen Erlebnissen des Filmemachers Adrian Goiginger. Rührend beleuchtet Goiginger rückblickend seine eigene Geschichte und die Beziehung zu seinen drogenabhängigen Eltern. Der Film hat mich sehr ergriffen, die sanftmütig-emotionale Inszenierung dieser doch schwierigen Zeit ist dem jungen Filmemacher ausgezeichnet gelungen, vor allem auch wegen einiger sehr plastisch wirkenden Fantasyelemente, die die Lebhaftigkeit und die Angst, die Adrian als Kind erlebte, hervorragend widerspiegeln. Bei den Umständen, unter denen er aufwuchs, hätte man annehmen können, er werfe der Mutter Helga Wachter etwas vor. Doch es fühlt sich eher wie das Gegenteil an, man spürt förmlich die tiefe Verbundenheit zwischen Mutter und Sohn. Jahre nach ihrem Entzug erlag Helga Wachter 2012 einem Krebsleiden. Trotz ihrer Sucht und den vielen Herausforderungen, das Leben zu meistern, lehrte die junge Mutter ihrem über alles geliebten Sohn, für alles zu kämpfen, was er erreichen möchte. Denn natürlich kann er von Beruf Abenteurer werden, wenn er nur ganz fest daran glaubt. Zu meinem persönlichen Bedauern erhielt Goigingers Film nicht den Preis für den besten Langspielfilm, aber er wurde schon einmal mit dem First Step Award, den deutschen Nachwuchspreis für Filmemacher, geehrt.

Henrike Rau: Mir ist wie Sandra auch der Film Die beste aller Welten von Adrian Goiginger sehr ans Herz gewachsen. Der österreichische Langspielfilm war sehr berührend, traurig, aber auch lustig. Das Leben von Adrian und seiner heroinsüchtigen Mutter Helga konnte man ganz nah mitverfolgen und ihre starke Verbindung zueinander spüren. Wenn ich sonst oft das Gefühl habe, drogensüchtige Menschen im Film werden meist wie Kreaturen präsentiert, so wird hier jegliche Distanz durchbrochen. Schon allein die Kamera baut eine unglaubliche Nähe zu den Figuren auf. Die Schauspieler sind beeindruckend. Der Film ist autobiografisch, was einem eine Gänsehaut verschafft.

FSF: Hattet ihr bei den vielen angebotenen Filmblöcken Zeit, in das Rahmenprogramm reinzugucken?

Fabrice Laroche: Im letzten Jahr war ich beim Kickern dabei, dieses Jahr leider nicht. Aber es hat sich mir mal wieder gezeigt, dass man nach einem wirklich langen Tag voller toller Filme nicht mehr die geistige Aufnahmefähigkeit für fast 2-stündige Experimentaldokumentationen hat *lacht*. Deshalb und aus großem technischen Interesse habe ich mich entscheiden, dieses Jahr den VR-Workshop zu besuchen. Hier hätte ich mir allerdings mehr Gespräche und Erklärungen zum Thema Film bzw. filmisches Erzählen in Virtual Reality gewünscht. Beim Workshop ging es eher um erste Erfahrungen mit unterschiedlichen VR-Brillen in einem Showroom.

Sehsüchte 2018: VR-Lab © Frieder Unselt

Sehsüchte 2018: VR-Lab © Frieder Unselt

Sandra Marquardt: Yoga, Fussball und Karaoke habe ich dieses Mal links liegen gelassen (haha) und mich stattdessen wieder in das Schreibsüchte-Kopfkino reingesetzt. Da geht es ja auch um Geschichten, aber die Bilder dazu entwickelst du anhand der von den hervorragenden Synchronsprechern eingelesenen Drehbuchauszügen selbst – im eigenen Kopf. Da können die Augen mal ruhen. Und wenn ich doch auf die Bühne gucke, begeistern die Synchronsprecher mit mehr körperlichen, also schauspielerischen Einsatz, als ich erwartet hätte – soweit ihnen das hinter dem Mikro sitzend möglich ist. Bei keinem der vorgelesenen Drehbücher hatte ich das Gefühl, die Story könnte verfilmt nicht aufgehen. Auch dieser Bereich besticht mit Kreativität und Professionalität.

Sehsüchte 2018: Kopfkino mit den Synchronsprechern (v.l.n.r.): Jacob Weigert, Kaya Marie Möller, Alexander Leopold Schank, Elmar Gutmann, Alexander Weise, Ulrike Lau, Antje von der Ahe, Charlotta Bjefvenstam © Frieder Unselt

Sehsüchte 2018: Kopfkino mit den Synchronsprechern (v.l.n.r.): Jacob Weigert, Kaya Marie Möller, Alexander Leopold Schank, Elmar Gutmann, Alexander Weise, Ulrike Lau, Antje von der Ahe, Charlotta Bjefvenstam © Frieder Unselt

In der Rubrik Showcase 2018 lag der internationale Schwerpunkt auf der University of Witwatersrand Johannesburg, South Africa, und den Arbeiten der Studierenden der School of Arts. Passend zum Festivalthema befassten sich auch die Studies Johannesburgs mit den Themen Transformation, Gender und Racial Identity. Das war sehr interessant. Und ebenfalls relativ neu wurden in diesem Jahr zwei Projekte basierend auf Filmgeschichte präsentiert, in denen die Studierenden des Masterstudiengangs Filmkulturerbe in der Rubrik Retrospektive ältere studentische Filme aus dem hauseigenen Filmarchiv vorführten – z.B. teils noch in der DDR oder auch kurze Zeit nach dem politischen Zusammenbruch der DDR aufgenommenes Filmmaterial, das es technisch und gesellschaftlich zu erhalten gilt. Als Filmwissenschaftlerin halte ich Projekte wie diese natürlich von unschätzbarem Wert und war positiv überrascht, dass auch eine solche Sektion beim Sehsüchte-Festival angeboten wurde. Somit hält das Festival für jeden etwas bereit.

Hier gibt es einen Einblick in das komplette Sehsüchte-Programm. Welche Filme erhielten einen Preis? Hier gehts zur Auflistung aller Gewinnerfilme 2018.

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Die FSF ist Festivalpartner von Sehsüchte.
*** Bilder © Frieder Unselt ***

Über Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen

Die Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen (FSF) ist ein gemeinnütziger Verein privater Fernsehanbieter in Deutschland. Ziel der FSF ist es, einerseits durch eine Programmbegutachtung den Jugendschutzbelangen im Fernsehen gerecht zu werden und andererseits durch Publikationen, Veranstaltungen und medienpädagogische Aktivitäten den bewussteren Umgang mit dem Medium Fernsehen zu fördern. Seit April 1994 lassen die Vereinsmitglieder ihre Programme bei der FSF prüfen, seit August 2003 arbeitet die FSF als anerkannte Selbstkontrolle im Rahmen des Jugendmedienschutz-Staatsvertrags (JMStV).

17. Mai 2018 von Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen
Kategorien: Filmfestivals | Schlagwörter: , , | Schreiben Sie einen Kommentar

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