Antiflirting: Im Kampf gegen Sexismus und Belästigung

Dating-Apps wie Tinder, Lovoo und Baboo zeigen uns, wie Flirten im digitalen Zeitalter funktionieren kann. Person A findet ein Bild von Person B gut, schreibt Person B an und mit ein bisschen Glück ergibt sich nach ein paar netten Nachrichten ein Treffen. „Matchen, Chatten, Daten“ – so beschreibt Tinder das so scheinbar einfache und oberflächliche Flirt- und Kennenlernprozedere. Und obwohl Dating-Apps wie Tinder immer beliebter werden, zieht das Online-Schäkern manchmal auch eher negative Aspekte nach sich, wie uns der Instagram-Account Antiflirting auf ungeschönte Art und Weise verdeutlicht.

 

Antiflirting – Wenn der Name Programm ist

Antiflirting – das ist ein Projekt, das von Caro und Kim aus Wien ins Leben gerufen wurde, nachdem sie selbst immer wieder anzügliche Nachrichten und Bilder auf Tinder, Instagram und Co. erhalten hatten. Die beiden jungen Frauen wollten ein Zeichen setzen, ein Zeichen gegen Sexismus, sexuelle Gewalt und Beleidigungen. Das Prinzip hinter der polarisierenden Instagram-Seite: es werden Screenshots von Nachrichten, Chatverläufen und Bildern gepostet, die gescheiterte Flirtversuche und ihre Reaktionen darauf abbilden. Caro und Kim fordern hierfür ihre Followerinnen und Follower auf, ihre eigenen negativen Erfahrungen zu teilen. Das Feedback darauf ist riesig: im funk-Format TRU DOKU erzählt Kim, dass sie mittlerweile bis zu 200 Nachrichten und Mitschnitte erhalten. Die zugesendeten Gesprächsverläufe kommen insbesondere von bekannten Messenger- und Social-Media Diensten, wider Erwarten jedoch auch von Seiten wie Ebay oder Quizduell.

Alle Nachrichten verdeutlichen, wie schnell und schonungslos die Grenzen des einvernehmlichen Flirtens überschritten werden und was passiert, wenn Betroffene sich zu wehren versuchen. Ein entschlossenes „Nein“ wird nicht akzeptiert und als Ansporn für weitere Annäherungsversuche verstanden. Auf ein freundliches, aber bestimmtes „Kein Interesse“ wird mit Beleidigungen und teilweise sogar sexuellen Androhungen reagiert. Antiflirting ist wie eine Art Sprachrohr für Betroffene, gleichzeitig sensibilisiert die Seite aber auch für Themen wie Bodyshaming, sexuelle Gewalt und sexuellen Missbrauch und geht damit über das Aufzeigen gescheiterter Flirtversuche hinaus.

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Sexismus als Alltagsproblem

Vor Veröffentlichung werden alle Nachrichten und Bilder zunächst anonymisiert und zensiert, denn Caro und Kim geht es in erster Linie nicht ums Bloßstellen der Täterinnen/Täter, vielmehr wollen sie aufzeigen, dass Sexismus im Onlinebereich kein Einzelfall, sondern mittlerweile ein Alltagsproblem ist, welches viele Facetten hat. So verdeutlichen die verschiedenen Screenshots, dass sexistisches Verhalten und sexuelle Belästigungen online oftmals unterschwellig und verdeckt stattfinden, ihre Wirkung dennoch enorm ist.

Gepostet werden soll alles, was von Betroffenen zugeschickt wird. Dabei wollen die beiden jungen Frauen nicht entscheiden, was sie persönlich als wichtig oder unwichtig erachten. Entscheidend ist die Wahrnehmung der Empfängerinnen und Empfänger. „Wenn ich „Kleinigkeiten“ schlimm finde, dann darf ich sie schlimm finden, auch wenn die nächste Person sie nicht schlimm finden würde“, so Caros Aussage dazu.

Alle zugesendeten Bilder und Nachrichten werden von den beiden Betreiberinnen mit einer Caption (Bildunterschrift) versehen. Hierbei ist die Wortwahl teilweise humorvoll und ironisch, eine bewusste Entscheidung, so Caro und Kim. Laut eigener Aussage hilft Humor ihnen, aber auch ihren Followerinnen und Followern oftmals dabei, mit der Thematik umzugehen und die Nachrichten zu „verdauen“. Dennoch richtet sich die Entscheidung danach, ob eine Bildunterschrift auch mal zum Schmunzeln einladen darf, immer nach dem konkreten Beispiel, denn: Antiflirting und die Intention dahinter sollen in erster Linie auch ernst genommen werden.

In den Kommentaren zeigt sich eine enorme Solidarität. Viele Leserinnen und Leser schreiben, dass sie oft schon ähnliche Nachrichten bekommen haben. Es wird sich gegenseitig ermutigt, stark und selbstbewusst zu sein und sich nicht einschüchtern zu lassen. Ein wichtiger Aspekt, schließlich kann bei Betroffenen von sexuellen Verbalangriffen schnell Scham ausgelöst werden, was dazu führt, dass sie ihre eigene Onlineaktivität bewusst einschränken.

 

Vom Offlinemodus zu Antiflirting 2

Nachdem Antiflirting bereits nach kurzer Zeit großen Zuspruch auf Instagram bekommen hatte und auch schon die ersten Nachrichtenportale berichteten, kam dann Ende 2019 der Schock für Caro und Kim: ihr mit Herzblut aufgebautes Projekt wurde von Instagram gesperrt. Der Grund: Verstoß gegen die Instagram-Richtlinien. Im tru Doku-Format berichten die Betreiberinnen von zunächst gescheiterten Kontaktaufnahmen mit den Verantwortlichen der Plattform, um den genauen Grund der Account-Sperrung zu erfahren. Enttäuschung, Unverständnis und Kritik machten sich breit: „Das Schlimmste war, wir hatten vorher nie eine Vorwarnung bekommen, wir hätten ja irgendwas ändern können, wir hätten mehr zensieren können.“ Doch der Wille weiterzumachen ist größer.

Acht Wochen nach Sperrung des ursprünglichen Accounts arbeiteten Caro und Kim bereits an einem neuen Account: Antiflirting 2. Die Devise bei der neuen Seite: stärkere Zensierung und Verpixeln. So werden beispielsweise vulgäre Begriffe und Schimpfwörter durch Schwärzung einzelner Buchstaben verändert, damit der Instagram-Algorithmus diese nicht erkennt und meldet. Auch Nacktbilder werden nun noch stärker als schon zuvor verpixelt. Zudem finden sich auf der neuen Seite regelmäßige Trigger-Warnungen.

Der neue Account Antiflirting 2 geht schließlich wieder online. Mittlerweile folgen ihm 13,5 Tausend Menschen. Für Caro und Kim war klar, dass sie weitermachen, auch wenn dies bedeuten würde, einen dritten, vierten oder zehnten Account aufzubauen. Sie wollen nicht leise sein, sich nicht in die Opferrolle fügen und andere Betroffene ermutigen, das Gleiche zu tun.

Auch aus medienpädagogischer Perspektive hat Antiflirting eine besondere Relevanz. Der Account ist ein gutes Beispiel dafür, wie zielgruppenübergreifend für das Thema Sexismus und sexuelle Belästigung im Netz sensibilisiert und aufgeklärt werden kann. Die Seite ist praxisnah und knüpft insbesondere an der Lebenswelt von jungen Menschen an, die viel Zeit auf Social Media, allen voran Instagram, verbringen. Neben Antiflirting arbeiten auch andere Projekte daran, für die gleichen Themen mehr Aufklärung und Transparenz zu schaffen. So zielt beispielsweise die Kampagne #DigitalRespect4Her darauf ab, ein stärkeres Bewusstsein für das Thema Gewalt gegen Frauen zu schaffen. Auch hier bekommen Frauen die Möglichkeit, mit dem Hashtag DigitalRespect4Her ihre negativen Erfahrungen mit Sexismus im Netz zu teilen.

In der Zwischenzeit, nach Veröffentlichung von Antiflirting 2, haben Caro und Kim übrigens auch ein Statement von Instagram erhalten: ihr alter Account wurde gesperrt, da sie Bilder von nackten Personen zu wenig zensiert hatten. Durch die Verschärfung ihrer eigenen Policy steht jedoch einem weiteren Accountbestehen hoffentlich nichts mehr im Wege.

 

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Quellen/weiterführende Artikel:

Alle Links wurden zuletzt abgerufen am 16. April 2020.

Über Lena Wandner

Lena Wandner studierte Kommunikationswissenschaft und Romanistik an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, bevor sie ihren Master in Kinder- und Jugendmedien an der Universität Erfurt begann. Ihr Interesse gilt insbesondere der Medienwirkungsforschung und dem Jugendmedienschutz, weswegen sie sich auch für ein Praktikum bei der FSF entschied, zeitweise als freie Blogautorin arbeitete und seit März 2020 als studentische Hilfskraft für uns tätig ist.

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