Das gespaltene Publikum

Die dritte Folge der neuen HBO-Serie True Detective hatte jüngst ein cineastisches Schmankerl für seine Zuschauer parat. Eine sechsminütige Szene, die komplett ohne Schnitte auskam. Plansequenz nennt sich das im Fachjargon. Ein Stilmittel, das nicht oft eingesetzt wird und in TV-Serien erst recht nicht. Während die Kamera zwei Protagonisten verfolgt, die von einem Ort fliehen, der sich um sie herum langsam in eine Art Kriegsgebiet verwandelt, hält man fast den Atem an. Das spektakuläre Finale der Folge. Ich persönlich konnte die Augen nicht abwenden. Aber es soll ja Leute geben, die da nebenher noch twittern können.

Das Kommentieren von TV-Sendungen in sozialen Medien während sie laufen ist ein Phänomen, das sich Second Screen oder auch Social TV nennt. Ein großer Bildschirm vorne, ein kleinerer in der Hand, oder wo auch immer. Für Großbritannien bringt die Analysebude SecondSync inzwischen wöchentliche Statistiken heraus, die sich vor allem mit dem Tweetaufkommen während bestimmter Sendungen beschäftigen. Die einzelnen Folgen der dritten Staffel Sherlock etwa generierten jeweils zwischen 200.000 und 400.000 Tweets. Allein auf der Insel hatte jede Folge um die neun Millionen Zuschauer. In den USA wird der Erfolg von TV-Sendungen inzwischen unter anderem an ihren Trends in den sozialen Medien gemessen, Sendungen haben unten einen offiziellen Hashtag eingeblendet, damit sich die Zwitschergemeinde im Netz auch findet.

Und auch in Deutschland wird gern so getan, als wenn das eine bedeutende Entwicklung wäre. Für die Tatorte gibt es seit einiger Zeit eine neue Art der Nachberichterstattung. Da werden dann einige Tweets der Zuschauer, die während der Ausstrahlung gesendet wurden, nach der Sendung in einem Artikel zusammengefasst und zusätzlich noch vom Autor kommentiert. Das ist so spannend wie der Satz, den Sie gerade gelesen haben. Ein Blick auf die Nutzerzahlen sozialer Medien in Deutschland zeigt zudem, dass nur sechs Prozent der Internetnutzer aktiv auf Twitter unterwegs sind. Bei der Riege von Tatorten rund um den Jahreswechsel etwa sah das Tweetaufkommen folgendermaßen aus: Von 8,03 Millionen Zuschauern der Fetten Hoppe aus Weimar twitterten 3.338 Leute und beim Türkischen Honig kamen auf 7,98 Millionen Gucker 1.413 Zwitscherer. Letztere generierten insgesamt 3.831 Tweets, andere Tatorte zwischen 8.000 und 10.000 für die gesamte Sendung.
SecondScreennutzung

Dennoch führte die Tatsache, dass Menschen neben dem Fernsehen darüber kommunizieren, was sie sehen, dazu, dass sich die beiden Tatort-Kommissare Udo Wachtveitl und Miro Nemec beschwerten. Das Schlimme sei, dass die Leute diskutierten, während der Film noch liefe, so Nemec. Und Wachtveitl setze drauf: „Ich kann mich doch auf keinen Film einlassen, wenn ich gleichzeitig herumtippe […].“ Nun kann man diese Sorge angesichts der marginalen Bedeutung von Twitter in Deutschland belächeln. Doch sie ist die eigentliche Krux an der Sache. Was bedeutet es, wenn Leute während einer Sendung noch genug Zeit und Muße haben, Kommentare zu schreiben? Sagt es etwas über die Qualität aus? Oder über ihr persönliches Interesse? Oder doch eher etwas über unsere Sehgewohnheiten? Zumindest bei fiktionalen Formaten.

Es gibt natürlich diverse Sendungen, die sich durchaus für einen parallelen Austausch anbieten und das Zuschauen vergnüglicher machen. Beim letzten European Song Contest habe ich mich über die Kommentare in meinem Twitterfeed so sehr amüsiert, dass ich darüber zu spät ins Bett bin. Und die jüngst in Großbritannien ausgestrahlte Verleihung der BAFTAs, der britischen Filmpreise, generierte über 200.000 Tweets. Castingshows und Dschungelcamps eigenen sich ebenfalls hervorragend für diese Art des Fernsehens.

Denn bei solchen Events geht es auch immer um das Gefühl des gemeinschaftlichen Zuschauens. Und das trifft mit Sicherheit zum Teil auch auf die fiktionalen Formate zu. Es ist ausgesprochen interessant, dass die neuen Medien in diesem Fall eine Erfahrung verstärken, von der man dachte, dass sie sie überflüssig machen würden. Die Straßenfeger von früher, bei denen die gesamte Nation vor der Flimmerkiste saß, sollten abgelöst werden durch Video-on-Demand, das Internet und speichernde Festplatten. Fernsehen sollte sein Programm nicht mehr diktieren, wir sollten frei sein, das zu sehen, was wir wollen, wann wir es wollen und so oft wir es wollen. Und doch saßen am 1. Januar 2014 mehrere Millionen Briten und vermutlich noch ein paar weitere Millionen Menschen weltweit gleichzeitig vor diversen Bildschirmen und sahen gemeinsam eine Serie, auf deren Fortsetzung sie zwei Jahre lang gewartet hatten. Der US-Kabelsender NBC nutzte dieses Phänomen und veranstaltete am Wochenende vor dem Launch der neuen Staffel Hannibal unter #13HourDevour eine Zusammenkunft der anderen Art. Unter diesem offiziellen Hashtag versammelten sich alle, die sich per Komaglotzen sämtliche Folgen der ersten Staffel nochmals reinzogen. 13 Folgen à eine Stunde plus Kannibale macht oben genannten Hashtag. Beteiligt waren auch Macher der Serie wie Bryan Fuller. Wer twitterte, dem winkten diverse vom Sender ausgeschriebene Preise.

Doch zurück zu der Plansequenz am Ende der dritten Folge True Detective. Ich wiederhole: sechs Minuten! Kein einziger Schnitt! Und das ist nur das i-Tüpfelchen auf einer generell spektakulär guten Serie, die einen sehr eigenen visuellen Stil pflegt. Wenn man allerdings davon ausgeht, dass dies sowieso niemandem richtig auffällt, weil ja jeder mit Twittern beschäftigt ist, dann kann man sich die aufwendige Choreografie und die wagemutige Filmemacherei auch gleich schenken. Interessant ist in diesem Zusammenhang allerdings, dass Sherlock etwas schaffte, was SecondSync zufolge selten einer Sendung gelingt: Knapp die Hälfte aller Tweets zur letzten Folge wurden nämlich erst nach der Ausstrahlung versandt. 188.328 Tweets kamen in der ersten halben Stunde. Und auch die absolute Tweets-pro-Minute-Spitze wurde mit 10.592 direkt nach dem Ende der dritten Folge erreicht. Das mag auch an dem Cliffhanger nach dem Abspann gelegen haben, aber dennoch: Vielen Fans ging es also offenbar so wie mir, die ich erst nach der Folge meiner Begeisterung Ausdruck auf Twitter verlieh. Denn mir persönlich ist es zumindest bei anspruchsvollen fiktionalen Formaten schleierhaft, wie man sich nebenher noch auf das Schreiben von Tweets, so kurz sie auch sein mögen, konzentrieren kann. Gerade bei Serien wie Sherlock oder auch Doctor Who will ich nicht eine Sekunde verpassen. In einer Show, die von Steven Moffat geschrieben wird, ist kein Satz zu viel, kein Bild schmückendes Beiwerk, keine Geste überflüssig. Wenn man auch nur einen Moment nicht aufpasst, hat man etwas Wichtiges verpasst. „Don’t – even – blink!“ Diese Liste lässt sich mit The Wire, True Detective, Peaky Blinders, Ripper Street und vielen mehr fortsetzen, auch wenn Moffat da seine Finger nicht im Spiel hatte. Das wäre in der Tat ein äußerst grausamer Scherz des Schicksals, wenn mit dem Aufkommen des anspruchsvollen seriellen Dramas Sehgewohnheiten aufziehen würden, die eine Würdigung desselben schlichtweg nicht zulassen.

Über Katja Dallmann

Katja Dallmann hat ein Übersetzer-Diplom und einen Bachelor in Publizistik- und Kommunikationswissenschaft abgeschlossen. Sie ist freie Übersetzerin und Autorin, hat als Online-Redakteurin gearbeitet und verschiedentlich in Print und Online publiziert. Katja ist leidenschaftlicher Serienfan und bloggt sonst unter Serielle Schnittstelle.

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