Queer as US-Serien

1990 war die Welt noch eine andere: Deutschland war im Fußball richtig gut, ich ging zur Schule und fand Texte schreiben ziemlich doof, und beim WDR brach die Zuschauerhotline zusammen, weil Carsten Flöter einen anderen Mann küsste. Mal abgesehen vom Fußball war früher also doch nicht alles besser. Anfang diesen Jahres gab Georg Uecker, der Schauspieler, der Carsten Flöter seit Folge 6 der Lindenstraße spielt, ein Interview in der taz, in dem er sich an die Zeit kurz nach Ausstrahlung der besagten Szene erinnert: „Es gab extrem heftige Reaktionen auf diesen Kuss. […] Das ging von Beschimpfungen über Beleidigungen bis hin zu Bedrohungen. Viele dieser Briefe landeten im Giftschrank des WDR. Viele gingen aber auch an mich. Und die Bekloppten, die wirklich mit massiven Mord- und Bombendrohungen daherkamen, schickten teilweise Briefe an die „Dreckslindenstraße München“ – und die kamen trotzdem an.“

Derart aufgeheizte Reaktionen wegen Menschen, die im Fernsehen Menschen des gleichen Geschlechts küssen, gehören heute weitestgehend der Vergangenheit an – wenngleich es natürlich immer noch Personen gibt, deren Weltbild einzig das „klassische“ heterosexuelle Beziehungsmodell akzeptiert, so ist der Umgang insgesamt doch entspannter geworden. Das Problem ist mittlerweile nicht mehr, dass kaum Homosexuelle im Fernsehen vorkommen, das Problem ist vielmehr, dass Homosexuelle im Fernsehen oft nur als Stereotype gezeichnet werden. „Die mediale Präsenz Schwuler ist stärker geworden“, erkennt auch Georg Uecker. „Die Quantität ist gestiegen, die Qualität nicht unbedingt.“

Die Amerikaner – ausgerechnet – sind uns diesbezüglich ein ganzes Stück voraus. Einen Meilenstein markiert hier die Sitcom Ellen, in der die Titelfigur zu Beginn der Serie heterosexuelle Beziehungen führt, ehe sie sich in Staffel 4 als lesbisch outet – parallel zum realen Coming Out der Ellen-Darstellerin Ellen DeGeneres.

Die Ausstrahlung der Outing-Folge am 30. April 1997 zog auch hier wüste Beschimpfungen und Proteste vor allem konservativer Kreise nach sich. Doch ebnete Ellen als erste offen lesbische Hauptfigur in einem Hauptabendprogramm den Weg für viele weitere LGBT-Charaktere im amerikanischen Fernsehen.

Seit Anfang des Jahrtausends wurden in US-Serien diverse Figuren und Konstellationen etabliert, die vom klassischen Familienmodell abweichen, ohne dabei zu überzeichnen oder reine Klischees zu bedienen: In Six Feet Under führt ein weißer Mann eine Beziehung zu einem (farbigen) Polizisten, zusammen adoptieren sie zwei afroamerikanische Kinder. Die kanadisch-amerikanische Serie Queer as Folk spielt in der homosexuellen Szene und hat nur schwule bzw. lesbische Hauptfiguren. Bei Will & Grace ist ein schwuler Mann Hauptfigur in einer Sitcom. Aktuell läuft mit Modern Family eine weitere Sitcom, in der ein schwules Paar ein vietnamesisches Baby adoptiert. In der Netflix-Serie Grace and Frankie müssen die titelgebenden Frauen lernen, dass ihre Männer seit Jahrzehnten eine Beziehung miteinander führen und nun im Rentenalter als offen schwules Paar zusammen leben möchten, und in der Amazon-Produktion Transparent schließlich outet sich die Hauptfigur Mort als transsexuell und lebt fortan als Maura weiter.

Dies sind nur einige Beispiele, die die Bandbreite von LGBT-Charakteren im US-Fernsehen widerspiegeln. Deutsche Produktionen können da – sowohl was die Charaktere angeht als auch bezüglich der Formate und Genres, die sie verarbeiten – noch nicht mithalten. Meist sind es handlungsschwere Dramen, die die Themen aufnehmen, wie der Anfang November in der ARD ausgestrahlte Fernsehfilm Unser Kind, in dem ein lesbisches Paar per künstlicher Befruchtung ein Kind bekommt, doch die Mutter wenig später bei einem Verkehrsunfall stirbt. Für die verwitwete Partnerin beginnt danach ein Kampf um das Sorgerecht des Sohnes, das sie – anders als in heterosexuellen Ehen – ohne Adoption nicht automatisch besitzt. In den ZDF-Mehrteilern Ku’damm 56 und Ku’damm 59 von 2016 bzw. 2018 verleugnet ein Mann in den prüden Anfangsjahren der Bundesrepublik seine Homosexualität und versucht, ein „gutbürgerliches“ Leben mit Ehefrau zu führen.

Was Produktionen wie diesen fehlt, sind die Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit, mit denen Serien wie Grace and Frankie oder Six Feet Under ähnliche Themen wie unterdrückte Sexualität oder rechtliche Konsequenzen behandeln. Mal davon abgesehen, dass es das Genre der Sitcom in Deutschland so nicht gibt, wäre es für die Zukunft wünschenswert, einen gelösteren, weniger bedeutungsschweren Umgang mit LGBT-Charaktere zu finden. Denn nicht nur die Formen der sexuellen Identität sind verschieden, auch die Menschen sind es. In Deutschland dagegen dominieren, wie Georg Uecker feststellt, noch immer zwei klassische Stereotype: „Das eine ist die aufgekratzte hysterische Tunte, zur Belustigung aller. Die einfach auch mal nur nervig ist. Das andere Stereotyp ist der junge, leckere Twink-Emo.“ Damit meint Uecker den gutaussehenden Schwulen, den Männer wie Frauen gleichermaßen anziehend finden. Das mag überspitzt ausgedrückt sein, trifft im Kern aber durchaus die Wahrheit. – Was sehr schade ist, denn gerecht werden diese Stereotype der LGBT-Gemeinschaft nicht.

Über Jens Dehn

Jens Dehn studierte Film- und Theaterwissenschaft sowie Kulturanthropologie an der Universität Mainz. Seit 2007 arbeitet er als freier Journalist für Print- und Online-Medien und schreibt hauptsächlich über Film und Fernsehen.

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