Rammstein. Erregt Euch!

Seit Ende März rauscht und raunt es in Sachen Rammstein mal wieder gewaltig im deutschen Feuilleton. Am 26. März 2019 tauchte im Netz ein 35-sekündiger Teaser-Clip zur ersten Single  des neuen Rammstein-Albums auf. Bei Instagram waren Teaser zu finden, in denen die Schauspielerin Ruby Commey als Germania zum Beispiel mit Till Lindemanns abgeschlagenem Kopf und mit Schäferhunden posiert. Am 28. März hatte dann um 18.00 Uhr das über 9 Minuten lange Video Deutschland auf dem YouTube-Kanal von Rammstein Premiere und erreichte binnen 24 Stunden mehrere Millionen Klicks.



All dies ist Teil eines ausgeklügelten und zuverlässigen Marketings, das wie immer auf Ambivalenz und Provokation setzt. Insbesondere der Teaser-Clip, in dem in düster dräuender Atmosphäre die Bandmitglieder in KZ-Kleidung am Galgen stehen, sorgte für erwartbare Aufmerksamkeit und Erregung. Schnell war von „roten Linien“ die Rede. Der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung Felix Klein sah diese überschritten, wenn „das Video nur zur Provokation und Verkaufsförderung erstellt wurde, um zu skandalisieren und Aufmerksamkeit zu erzeugen“ (Interview auf RadioEins).

Die ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, kritisierte in der BILD-Zeitung, dass Rammstein „das Leid und die Ermordung von Millionen zu Entertainmentzwecken“ missbrauche, was „frivol und abstoßend“ sei. In der Münchener Abendzeitung brandmarkte Robert Braunmüller das Video als „billige, perverse Reklame“. Iris Rosenberg, die Sprecherin der Yad Vashem-Gedenkstätte kommentierte etwas zurückhaltender, dass sie nicht generell künstlerische Arbeiten kritisiere, die an Holocaust-Bilder erinnern. Eine respektvolle künstlerische Darstellung könne legitim sein, wenn sie die Erinnerung an den Holocaust nicht beleidige, herabsetze oder schände.

Rammstein polarisiert – Fürsprecher aus den unterschiedlichsten Bereichen

Polarisierer Henryk M. Broder, bekannte in der Welt klar, dass dieses Video ein Meisterwerk sei. Arno Frank kommentierte bei SPON, der Teaser triggere als „Honeypot“ die „Bedenken der Bedenkenträger“, denen aber dann „das volle Video mit Anlauf in die Hände“ spiele. Und Jo Schück vom ZDF-aspekte-Magazin positionierte sich mit der Meinung, dass in Zeiten, in denen Nationalismus und „Deutschtümelei ein Wiedererstarken“ erfahren, dieses Video der „Kommentar zur rechten Zeit“ sei. Kurzum, das Meinungsspektrum ist gespreizt und rammsteinmäßig imposant.

(ZDF aspekte vom 29.03.2019)

Hyperventilierendes Medienecho

Man mag vom neuen Rammstein-Video halten was man will, aber das hyperventilierende Medienecho spricht Bände. Von weltläufiger Gelassenheit kaum eine Spur. Noch immer wird der Band ein unkritisches Verhältnis zur Nazikultur vorgeworfen, wird ihre Herkunft aus dem Osten sofort mit brauner Stumpfheit assoziiert.
Musikjournalist Klaus Walter spricht in FAZIT von „Affektmobilisierung mit KZ-Ästhetik“ und „Nazi sells“ und schiebt seinen Betrachtungen noch ein klagendes Geschmacksurteil hinterher: Er müsse Schmerzensgeld bekommen, weil er sich das Video mehrfach angetan habe. Manch Feuilletonist tut sich wirklich schwer mit Rammsteins Budenzauber. Dabei ist die Band ein interessanter Seismograph deutscher Befindlichkeiten. Sie fungiert als teutonisches Superstereotyp, als künstlerisches Hochglanzprodukt, als Identifikationsmaschine im Osten und als Business-Superlativ. Ambivalenz als Marke ist fest verwoben mit Rammstein. Und sie wussten, was sie taten, als sie den Teaser veröffentlichten. Natürlich gelang es der Band mit den KZ-Aufnahmen eine falsche Fährte zu legen. Nationalsozialismus und KZs funktionieren nach wie vor als Provokation, weil der Zivilisationsbruch immer noch provoziert. Er lässt sich ikonografisch an solchen Bildern festmachen. Der Vorwurf eines besinnungslosen und geschichtsvergessenen Marketings läuft allerdings ins Leere, denn der Clip stellt in seiner Düsterkeit die Grausamkeit in den Vordergrund. Er ironisiert nicht, er ist nicht lakonisch, er zielt auf eine Erschütterung des Publikums, das dem Entsetzlichen beiwohnt und durch die Besetzung der geschundenen Opfer mit den Rammstein-Musikern durchaus ein subtiles Identifikationsangebot unterbreitet bekommt, das sich eben nicht auf die Täterseite schlägt, sondern in der Grausamkeit des Moments verharrt. Der Nationalsozialismus als klaffende Wunde der deutschen Geschichte wird hier in ein modernes Popnarrativ übersetzt, das definitiv mehr Menschen erreicht, als ein didaktisch korrektes Lehrangebot. Identifikation und Anschauung, also Erfahrung, sind oft eindringlicher als rationale Erklärungen.



Reflexive Bedeutsamkeit und alles drin, was Diskussionsstoff bietet

Man erinnere sich doch bitte auch nochmal an das Boulevard-Zeitungscover der B.Z. vom 28. Januar 2015, als sie mit dem Eingangsportal von Auschwitz aufmachte, versehen mit der Überschrift „Das ist Deutschland“. Insofern lässt sich dem Clip eine gewisse reflexive Bedeutsamkeit beimessen. Nationale Traumata und Kontroversen deutscher Geschichte dominieren auch Rammsteins neues Video. Und da ist alles drin, was Diskussionsstoff bietet: Germanicus Feldzüge im Jahr 16 n. Chr., Hexenverfolgung, Novemberrevolution, die Goldenen Zwanziger, Hindenburg-Katastrophe, NS-Zeit, DDR-Apparatschicks, RAF.
Regisseur Eric „Specter Berlin“ Remberg entwirft hier einen opulenten, wahnwitzigen Ritt durch die deutsche Geschichte, in dem geschlachtet, geschwitzt und angedeutet wird – eine Netflix-Serie gepresst in 9’22“. Aber es ist dabei wichtig, den Liedtext in die Betrachtung einzubeziehen. Rammstein distanzieren sich in ihrer ambivalenten, pathetischen Art deutlich von den nationalistischen Jubelorgien, die nicht erst seit dem Fußballsommermärchen 2006 allgegenwärtig scheinen. Auch der „entspannte“ deutsche Nationalismus positioniert sich heutzutage gern zwischen Augenzwinkern, Selbstüberhöhung oder „man wird doch noch mal sagen dürfen“. Das Lied scheint geradezu ein Gegenentwurf dazu zu sein. Rammstein setzen dem Nationalpathos ein Bild des Schindens und Leidens entgegen. Hier wird kaum gelacht. Fratzen sind zu sehen. Es mutet seltsam an, dass Rammstein dieser differenzierende Blick auf Geschichte vom Feuilleton abgesprochen wird, ein Blick, in dem die Zerrissenheit dominiert. Wenn Kommentatoren sofort darauf verwiesen, dass der Refrain „Deutschland“ bei der kommenden Stadiontour weltweit als Mitgrölangebot gefeiert werden wird, so ist dies eine Verkürzung des komplexen Wirkungszusammenhanges des Videos. Auch die Besetzung Ruby Commeys als Germania funktioniert gut als irritierender Affront gegen die Blut-und-Boden-Ideologie, die eben nicht nur latent durchs deutsche Gemüt schwappt. Vielleicht ist das Video eher in eine Reihe mit vieldeutigen, medialen Angeboten zu stellen, die dem hellen, selbstüberschätzenden Bild der guten Deutschen ein düsteres entgegenstellen, das eher fratzenhaft und grausam ist. Fatih Akins Der goldene Handschuh ist auch ein solch irritierendes Angebot. Es hat nur weniger Zuschauer. Bei Rammstein ist also alles beim alten – Pomp, Anmaßung, Kunst und Ambivalenz – und doch auch nicht, denn die Band verortet sich deutlicher antinationalistisch als zuvor. Eine gute Nachricht für Deutschland.

Über Uwe Breitenborn

Dr. Uwe Breitenborn, Publizist und Autor zahlreiche Veröffentlichungen zur Medienkultur, Fernsehgeschichte und zur Kulturwirtschaft. Musikbeobachter und Feedbackliebhaber. Von 2014-2019 Vertretung der Professur Onlinejournalismus an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Zuvor unter anderem Studiengangskoordinator des Masterstudienganges "Online-Radio" an der Martin-Luther-Universität Halle.

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2 Kommentare zu “Rammstein. Erregt Euch!

  1. Das sind Künstler, last sie machen was sie machen. Die Ramsteine sind alles andere als zufällig so erfolgreich. Musikalisch ist es bei Lichte betrachtet, kein Hokuspokus. Magisch wird es dann, wenn sie aufhören die Instrumente zu benutzen und mit der Öffentlichkeit spielen. Sie drücken die richtigen Tasten und ziehen die richtigen Saiten und das Volk ist elektrisiert. Ob vor Wohlgefallen oder Bestürzung, lasse ich ungeklärt. Edvard Monk, Arno Schmidt oder aktuell Bansky machten es mit den Mitteln ihrer Wahl. Die Ramsteine sind Teil der medialen Aufregung. Für mich ist das die Kunst die sie am besten beherrschen.

  2. Sehr richtig – guter Text. Zeitgemäßes Video, gute (endlich ist es völlig klar) Band. Fast linksautonom. Hut ab!