Über das Sehverhalten

Ich bin eine derjenigen Zuschauerinnen, die das Fernsehen (fast) an das Internet verloren hat. Dafür gibt es drei Gründe: 1. Ich möchte meinen Zeitplan nicht nach dem Fernsehen ausrichten. Deshalb gehörte erst der Videorekorder, dann ein Festplattenrekorder zu den wichtigsten Geräten in meinem Leben. Die zahllosen Streamingplattformen und Mediatheken sind mittlerweile noch hinzugekommen. 2. Ich liebe OmU. Habe ich die Wahl zwischen Originalton und Synchronfassung, entscheide ich mich für ersteres. Habe ich die Wahl zwischen Originalton und Originalton mit Untertiteln entscheide ich mich für letzteres. 3. Ich schaue bei Serien gerne eine beliebige Anzahl Episoden hintereinander. Den Fernseher schalte ich deshalb fast nur noch für Live-Events ein, bei denen der Ausstrahlungszeitpunkt und das – auch durch soziale Netzwerke ermöglichte – gemeinsame Erleben fast so wichtig ist wie die Sendung an sich.

Mit diesem Nutzungsverhalten bin ich nicht alleine, vielmehr steigt der Umsatz der digitalen Kauf- und Leihangebote, und Prognosen sehen weitere Steigerungen in den nächsten Jahren. Derzeit erfolgt die Steigerung vor allem auf Kosten der klassischen Videothek, langfristig wird sich aber auch auf dem Fernsehmarkt etwas ändern. Erste Anzeichen gibt es bereits: Bei vielen Privatsendern kann ich beispielsweise bei Serien wie Grey’s Anatomy die verpasste Folge eine Woche im Internet nachträglich schauen. Außerdem stehen mir – gegen Entgelt – weitere Folgen zur Verfügung. Vor dem Start der jeweiligen neuen Staffel von House of Cards ermöglichte Sky das binge watching der älteren Folgen an einem Wochenende oder per Abruf und orientiert sich damit am Sehverhalten der Nutzer von Streamingportalen (und DVD-Besitzern), die eine Staffel schon einmal an einem Wochenende sehen.

Vorabausstrahlung im Netz

Sogar das ZDF hat mittlerweile reagiert und stellte die Serien The Team und Schuld zwei Wochen vor Beginn der Ausstrahlung im Fernsehen in der Mediathek zur Verfügung. Die letzte Folge von The Team sollte erst freigeschaltet werden, wenn ein entsprechender Hashtag bei Twitter 25.000-mal benutzt wurde – sie war letztlich im Internet zu sehen, bevor die erste Folge im Fernsehen lief. Im Anschluss haben sie einige Zahlen veröffentlicht: Bei Schuld nutzten im Schnitt 144.000 Zuschauer diese Möglichkeit, bei The Team 242.000, die Vorabnutzungen machen 51 Prozent bzw. 59 Prozent aus (erfasst wurden die Abrufe über Computer oder Laptop, bei mobilen Endgeräten werden die Zahlen nicht gemessen). Bei der TV-Ausstrahlung waren die Quoten dann innerhalb des erwarteten Rahmens.
Diese Zahlen mögen nicht spektakulär wirken (in der FAZ kommt man zum Schluss, dass den „überkommenden Fernsehgewohnheiten noch erstaunlich wenig Gefahr“ drohe), jedoch können sie nicht erfassen, ob es sich bei über 120 000 Zuschauern, die The Team vorab im Internet gesehen haben, um zusätzliche Zuschauer handelt oder sie lediglich die Plattform gewechselt haben. Auch ist nicht festzustellen, ob die Serie durch die Vorabausstrahlung mehr Aufmerksamkeit bekommen hat.

Ich war eine der Vorabnutzerin und bin eine Plattformwechslerin: Eine Serie, die von einer europäischen Ermittlungseinheit erzählt, möchte ich im O-Ton sehen. In diesem Fall spielte der Zeitpunkt der Abrufbarkeit daher keine Rolle. Hätte ich die Folgen mit Ausstrahlung im Fernsehen in dieser Sprachfassung sehen können, hätte ich sie eben aufgenommen oder bei Ausstrahlung gesehen. Sicher spielt nicht für alle die Sprachfassung eine so große Rolle wie für mich, alleine bin ich damit nicht. Tatsächlich wird auch die Auswahl der Sprachfassung bei Nutzen von On-Demand-Plattformen wie Watchever und Netflix als entscheidendes Kriterium gesehen. Deshalb darf man die Unterschiede bei den Nutzungszahlen von Schuld und The Team nicht allein der horizontalen Erzählweise von The Team zuschreiben.

Eine Filmreihe auf Tour – die Nordlichter

Das geänderte Nutzungsverhalten betrifft nicht nur das Fernsehen, sondern auch das Kino – wenngleich auch hier immer noch der Eventcharakter als etwas besonderes angesehen wird. Längst haben Kinobetreiber reagiert, es gibt Übertragungen von Opern- und Theateraufführungen, Wiederaufführungen von Klassikern, Kino mit Kinderbetreuung und eigene Filmreihen. Dazu gehören bspw. Französische Filmtage, die u.a. in Bonn und Köln recht erfolgreich liefen. Darüber hinaus gibt es nun mit der Nordlichter-Filmreihe, in der sechs skandinavische Filme seit März 2015 bundesweit durch Kinos touren und in den verschiedenen Städten jeweils für ein- bis zwei Wochen zu sehen sind – als Original mit Untertitel selbstverständlich. Diese Reihe bietet eine Abwechslung und ist ein weiterer Schritt hin zur Individualisierung des Kinoprogramms. Außerdem haben skandinavische Filme in Deutschland ein treues Stammpublikum, das jedoch (noch) nicht groß genug ist, um mehr Filme aus Nordeuropa für Kinobetreiber rentabel werden zu lassen. Doch auch daran könnten die Nordlichter etwas ändern, zudem sehr deutlich werden lassen, dass die Filmemacher mehr können als schwarze Komödien, die im Winter spielen. Deshalb läuft dort auch der Film, der meines Erachtens schon längst hierzulande ins Kino gehört hätte: Jeg er din (I am yours) von der Norwegerin Iram Haq.

Weiterleitung zum Trailer Jeg er din auf YouTube © 2013 Mer Film - SF Norge
Weiterleitung zum Trailer Jeg er din auf YouTube © 2013 Mer Film – SF Norge

Eine Revolution wird weder im Fernsehen noch im Kino stattfinden, aber Versuche wie die Vorabausstrahlung von The Team und die Nordlichter-Filmreihe zeigen, dass sich auf dem Markt etwas bewegt. Das sollte man bei all den Klagen über die Qualität des Fernsehens und Kinoprogramms im Hinterkopf behalten – und nach Kräften und Präferenzen unterstützen.

Über Sonja Hartl

Sonja Hartl studierte Deutsche Sprache und Literatur, Medienwissenschaft und Sozial- und Wirtschaftsgeschichte in Marburg und schreibt seither als freie Journalistin über Film, Fernsehen und Literatur. Außerdem betreibt sie das Blog Zeilenkino und ist Chefredakteurin von Polar Noir.

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