Up from the skies …

… fiel meine erste Single. Ich war ein kleiner Junge und hörte Jimi Hendrix auf meinem transluzenten „Mister Hit“-Plattenspieler von Telefunken. Mono mit schepperndem Klang. Das war nicht so schlimm, denn immerhin hielt der Sound das Gefühl am Leben, dass ich bei den Hippies empfand, zwischen denen ich in verfallenen Vorort-Villen herumwuselte. Sie trugen seltsame Klamotten und waren schön und edel wie mein Held Jimi. Seine kreischende Gitarre führte mich in eine Welt von Romantik und Traum. Es lief immer Musik in diesen seltsamen Kommunen. Ob vom Plattenspieler, Tonband aus Röhren-Marshalls und Vox-Boxen. Vielleicht empfand ich bei Whiteroom und Nights in White Satin etwas, das man mit einer permanenten Marienerscheinung vergleichen könnte.

Musik war nicht irgendetwas. Musik war Religion, Erweckung und Ekstase. Nie wieder habe ich in meinem Leben so sehr das Gefühl gehabt, dass einfach alles stimmte.

Mit She Wandred Through the Garden Fence und Salty Dog navigierte ich ein paar Jahre später durch mein Leben: Ich saß auf dem Gepäckträger eines Vespa-Ciao-Mofas, meine Hände um den Bauch der Fahrerin geschlungen, nachdem ich das erste Mal Riders on the Storm gehört hatte, und wir brausten durch die Nacht.

Das Leben wie einen tollen Film mit einem Soundtrack zu unterlegen, hatten schon die Rock-’n-Roll-Fans mit ihren auf der Schulter getragenen Kofferradios versucht. Ich hatte nur einen Kassettenrekorder mit T-Schaltung auf dem Gepäckträger meines Fahrrads, um beim Radeln den Soundtrack von Easy Rider zu hören. Später versuchten wir es mit einem Uher Report und riesigen Kopfhörern. Ansonsten lagerten wir Männer und Frauen stumm vor Bose-Boxen und beteten die Stereowirkung von Pink Floyds Ummagumma und Atom Heart Mother an.

Der Kassettenrekorder im Auto war früher da als der Walkman und kombinierte Licht und Sound. Der Sound von Grateful Dead und das Licht der Welt der vorbeiziehenden europäischen Landschaft, das durch die Dunkelheit über die lange, glänzende Motorhaube und den Mercedesstern blitzte. Von einer orangenen Lichtkuppelstadt zur nächsten über das mondbeschienene Band der Landstraßen und Autobahnen.

Im Radio gab es täglich den Club auf NDR 2 und der begann immer mit einem Riff aus Layla von Derek and the Dominos. Das muss man sich mal vorstellen: Der NDR! Als wenn aus irgendeinem deutschen Radio vor zwei Uhr Nachts noch je ein anständiger Ton quellen würde …

Der Grad der Korruptheit einer Gesellschaft lässt sich immer an der Qualität ihrer kulturellen Erzeugnisse messen.

Die Zeiten wurden bitter und ich steuerte nicht mehr den Mercedes Ponton, auf dem dicken Fahrersofa sitzend meine Feundin an mich gekuschelt zu Drifting von den Youngbloods, sondern knallte mir in meiner Heckflosse Clashs Guns of Brixton rein: „When they tick on your front door how you gonna come whith your hand on your head or on the trigger of your gun?“ Dieselte zwischen Kohlfeldern wichtig auf die nächste düstere, tränengasvernebelte Brokdorf-Demo.

Horses von Patti Smith trampelte sich wie eine zu starke Droge in unsere Gehirne.

Im Prinzip aber blieb ich den Ikonen der Sixties für immer treu. Eine meiner Freundinnen zog schließlich mit den Worten: „Jetzt reicht’s!“,die Kassette mit World of Pain von Cream aus dem Recorder und schmiss sie auf die Autobahn …

Zwischendurch hörte ich eine Zeit lang nur türkischen Pop. Immerhin schon von CDs. Der ist wenigstens noch so arabesk wie früher die Kleidung meiner elfenhaften Helden.

Mittlerweile wohne ich auf dem Land. Axt und Kettensäge sind ebenso zu meinen besten Freunden geworden, wie Calexico, 16 Horsepower, Woven Hand und Social Distortion. The music never stops …

Über Uli Wohlers

DiplSoz Päd. Prüfer bei FSK und FSF studierte u.a. Publizistik und Filmwissenschaft in Dublin und Lüneburg. Lebt als freier Autor in Hamburg, Berlin, Dänemark und on the road. Aktueller Kriminalroman: Die Spur der Schweine Rasmussen und Papuga ermitteln bei Braumüller/Wien.

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