Verlieben 2.0

Warum Tinder, WhatsApp und Co. uns das Gefühl geben, keine Zeit bei der Partnersuche zu haben

 

Jeder kennt die romantische Vorstellung der zufälligen Begegnung zweier Menschen, wie sie in einer Warteschlange plötzlich ins Gespräch kommen, wie sich beide unabgesprochen beim nächsten Konzert wiedertreffen und sie beim Kinobesuch erstaunt feststellen, dass ihnen zwei benachbarte Plätze zugewiesen wurden. Schließlich können sie nicht anders, als den ganzen Film lang Händchen zu halten und sich am Ende mit einem Kuss zu verabschieden.

Aber sind wir mal ganz ehrlich – es hält heute kaum jemand aus, fünf Minuten lang nichts zu tun. In einer Warteschlange versteckt sich also fast jeder hinter seinem Smartphone. Begegnungen werden über soziale Datingportale wie Parship oder Tinder organisiert. Und wer jemanden „zufällig“ begegnen will, kann auf Facebook schauen, zu welcher bevorstehenden Veranstaltung der Schwarm zugesagt hat – zugegeben, das ist dann schon ein höheres Level in der organisierten Begegnung.

Fakt ist, wir überlassen einfach nichts mehr gern dem Zufall und gerade in einer so wichtigen Frage wie die der Partnerfindung wollen wir keine Chance ungenutzt lassen. Es muss eben meist genau DIE oder DER Richtige sein. Für „Umwege“ bleibt uns keine Zeit. Denn es heißt nicht mehr: Augen auf im Alltag und mal sehen, wer uns so über den Weg läuft, sondern: die große Liebe kann jederzeit über Social Media, Twitter, Whatsapp und Co. erreicht werden. Wenn ich nicht schreibe, tut es vielleicht jemand anderes gerade in diesem Moment. Es gibt kein Warten auf die nächste Party oder das nächste Konzert, übers Handy können wir uns jederzeit kontaktieren.

Love Heart Made With Hands At Sunset, Photo by: Ed Gregory // Copyright: CC0, https://stokpic.com/project/love-heart-made-with-hands-at-sunset/
stokpic.com: Love Heart Made With Hands At Sunset, Photo by: Ed Gregory

Sobald dieser Schritt erreicht ist, wird’s knifflig: Wie komme ich rüber beim Schreiben? Bin ich witzig, authentisch, unnahbar und dennoch offen? Der nächste Satz ist gut durchdacht, aber so darf er natürlich auf keinen Fall wirken! Und dann fangen wir an, uns zu fragen, warum die Person nicht sofort antwortet. Zwei blaue Pfeile bei WhatsApp signalisieren eindeutig, dass die Nachricht gelesen wurde. Außerdem war die Person schon seit meiner Nachricht wieder zweimal online. Hat sie einfach keine Zeit? Macht sie das mit Absicht? – Warum machen wir uns so viele Gedanken?

Na ganz einfach, weil wir eben genau mit den gleichen Strategien schreiben. Kommt eine Antwort, wollen wir am liebsten sofort reagieren, aber halten uns zurück, um uns interessant zu machen. Wir schreiben provozierend, flirtend, antworten zwei Tage nicht, um uns wieder spannend zu machen. Und natürlich unterstellen wir diese Strategien auch unserem Gegenüber. Wir beginnen Antworten genauestens zu analysieren, jeder Smiley wird gedeutet und jeder fehlende ausgewertet.
Ziemlich anstrengend, oder? Wie wäre es also mit einer größeren Portion Ehrlichkeit? Jeder schreibt halt, wenn er Lust darauf hat und es zeitlich passt. Brauchen wir Smileys oder kennen wir die Person irgendwann einfach so gut, dass wir schon wissen, wie es gemeint ist?

Wir verbringen so viel Zeit mit unseren Smartphones, überbrücken jede Langeweile und jedes einsam fühlen mit sozialen Kontakten über Social Media und Messengerdienste. Es ist mittlerweile schon ganz eigenartig, wenn wir am Morgen keine neue Nachricht auf unserem Handy entdecken – von niemandem. Ist es ein Zeichen dafür, dass wir allein sind? Dass niemand an uns denkt? Manchmal fühlt es sich kurz so an – zumindest mir geht das so. Dabei wissen wir doch ganz genau, dass wir in einer halben Stunde zum Frühstück mit der Mitbewohnerin verabredet sind – wir sind also definitiv nicht einsam. Wir könnten so viel Zeit sparen, wenn wir weniger schreiben und mehr aktiv am Leben teilnehmen würden. Nutzen wir die Messengerdienste doch einfach mehr für Verabredungen oder zur Vereinbarung von Telefondates. Dann vergeuden wir keine Zeit mit dem Analysieren, Deuten und Interpretieren einzelner Nachrichten. Wir sparen uns Zeit beim Ausdenken kreativer und authentischer Antworten und nehmen uns die aufkommenden Sorgen, sobald wir keine Antwort erhalten.

Dafür müssen wir uns aber wieder bewusst machen, dass wir Zeit haben. Nur weil wir jederzeit jeden erreichen können, müssen wir das nicht automatisch tun. Sobald sich zwei Personen kennenlernen und sympathisch finden, werden sie sich auch nach zwei Wochen immer noch sympathisch finden. Nichts spricht dagegen, einer Person mal eben zu schreiben, wenn man an sie denkt. Manchmal will man einfach bloß loswerden, was man am Tag so erlebt hat und es ist ja auch schön, möglichst unkompliziert Kontakt zu Menschen aus aller Welt halten zu können. Aber WhatsApp und andere Messenger bieten auch Potenzial, Dinge überzuinterpretieren und Geschriebenes falsch zu verstehen. Schnell kann daraus ein Konflikt entstehen, weil man selbst anfängt, provokativ und verletzend darauf zu reagieren. Wir sollten gerade bei schriftlichen Aussagen nicht gleich überreagieren und notfalls die Person direkt darauf ansprechen – meist zeigt sich, dass die Unsicherheiten total unbegründet waren.

Es geht im Prinzip nicht darum, dass jeder sein Tinderprofil löschen sollte oder jeglicher Kontakt zwischen zwei Menschen persönlich funktionieren muss. Aber wir könnten wieder anfangen, in der Warteschlange das Smartphone in der Tasche zu lassen und die Menschen um uns herum wahrzunehmen. Vielleicht sind die romantischen Vorstellungen dann manchmal gar nicht so unrealistisch.

Über Elisa Hoth

Elisa Hoth ist Studentin an der Martin-Luther-Universität in Halle. Vor dem Studium absolvierte sie ein Praktikum bei einem Radiosender in Berlin, betreute anschließend vier Monate lang den Internetauftritt einer Musikproduktionsfirma in München und unterstützte deren Projekte. Dies führte sie letztendlich zum Bachelor-Studiengang der Medien- und Kommunikationswissenschaften sowie Erziehungswissenschaften. Hier verbinden sich ihre Interessen an der medialen Welt und den darin lebenden Menschen.

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