Von Schippen, Haisprüngen und Piloten, die durch die Hintertür kommen

Die Serie Sherlock hat es ins altehrwürdige Oxford English Dictionary geschafft. Wie? In einem Beispielsatz. Dieser Beispielsatz lautet folgendermaßen: „I will always ship Sherlock and Molly.“ Dabei handelt es sich nicht um den Wunsch, die zwei beliebten Seriencharaktere irgendwohin zu verschiffen, sondern um den Wunsch, dass sie zueinanderfinden mögen. Das Serienumfeld ist ein fruchtbarer Boden für allerlei linguistische Kreativität und „to ship“ ist definitiv eine der kurioseren Pflanzen, die darauf gediehen ist. „Ship“ ist hier die Abkürzung für „relationship“, also für Beziehung. Wobei in diesem Kontext keinerlei Zweifel daran besteht, dass es sich um eine romantische Liebesbeziehung handelt. Aus dem abgekürzten Substantiv wurde das Verb „to ship“ und die Fans, die sich Liebesbeziehungen zwischen ihren Lieblingsfiguren wünschen, sind die „shipper“. „To ship“ hat allerdings insofern was mit schippen gemein, als dass es eine manchmal recht mühselige Angelegenheit ist. Denn die herbeigesehnten Liebschaften haben oft nichts mit dem eigentlichen Handlungsverlauf der Serie zu tun. Sherlock und Molly etwa werden vermutlich nie zueinanderfinden, auch wenn von der ersten Sekunde an klar war, dass sie aber sowas in ihn verknallt ist. Nur Sherlock ist halt … na ja … Sherlock eben. Und so toben sich die „shipper“ auf dem Feld der Fanfiction aus, wo es von Molly-und-Sherlock-Fankunst und -Fanliteratur nur so wimmelt. Allerdings nicht so sehr wie von Fanliteratur zu Sherlock und Watson. Ich glaube, auf Tumblr wird nichts so sehr „geschippt“ wie dieses nichtexistente schwule Paar. Während die Serie mit der Möglichkeit einer homoerotischen Spannung zwischen diesen beiden Ikonen der Weltliteratur nur spielt, indem Watson permanent bekräftigt, nicht schwul zu sein, gibt es ein ganzes Meer von zum Teil sehr explizit visualisierten und vertexteten Phantasien zum Verhältnis der beiden. „To ship“, also sich zu wünschen, zwei mögen sich kriegen, erwächst oft auch aus erotischen Spannungen, die Serien zwar anlegen, aber die Figuren nie ausleben lassen.

Eine weitere nette Formulierung, über die ich bei diversen Serienrecherchen gestolpert bin, ist „to jump the shark“ bzw. „to have jumped the shark“, denn in der Regel wird die Phrase rückblickend verwendet. Dabei beschreibt der Haisprung nicht nur ein bestimmtes Serienphänomen, sondern er entstammt auch einer Serie. „Jumping the shark“ meint den Moment in einer Serie, an dem sie ihren Zenit überschritten hat. Denn wie jeder weiß, soll man aufhören, wenn es am schönsten ist. Nur das viele Serienmacher sich daran nicht halten und sich Serien manchmal im wahrsten Sinne des Wortes totlaufen. Der Haisprung markiert die Folge, die nach Meinung des Radiomoderators John Hein der Anfang vom Ende der Serie Happy Days war; einer US-Kultserie aus den 70ern. Zu Beginn der fünften Folge sprang eine der Figuren mit Wasserskiern über einen Hai.

Fonzie jumps over the shark © bubblews.com
Fonzie jumps the shark © bubblews.com

Und dann folgten laut Wikipedia nur noch Staffeln, die Beleg für die Fantasielosigkeit der Autoren waren. Ein Ableger von „jumping the shark“ ist „nuking the fridge“, der dasselbe Phänomen in der Filmindustrie beschreibt: den Punkt, an dem eine Filmreihe zu absurden Mitteln greift, in dem verzweifelten Versuch, interessant und attraktiv zu bleiben. Seinen Ursprung nahm „nuking the fridge“ in dem von Fans verhassten vierten Teil der Indiana-Jones-Saga, in der Indie in einen Kühlschrank springt, um sich vor dem Einschlag einer Nuklearrakete zu schützen. Dem gibt es wirklich nichts hinzuzufügen, außer, dass sie es bei drei Teilen hätten belassen sollen.

Wortneuschöpfungen entstehen oft dort, wo eine neue Erscheinung benannt werden muss. Und so ist die Terminologie aus dem Serienumfeld immer auch ein Spiegel bestimmter Entwicklungen. Wie etwa „backdoor pilot“. Der Hintertürpilot ist die Folge in einer Serie, die dazu dient, die Handlung und Figuren eines Ablegers einzuführen. In der neuen Serie The Originals, die eine Abzweigung der Vampire Diaries darstellt, gab es deswegen den bizarren Effekt, dass eine Folge fast zweimal gedreht wurde. Denn der eigentliche Serienpilot war fast eine Eins-zu-Eins-Wiederholung des Hintertürpiloten. Die Webseite tvtropes.org nennt Hintertürpiloten auch „schlecht maskierte Pilotfolgen“, wegen der Verwirrung, die dadurch entsteht, dass die Handlung plötzlich von ungewohnten Figuren getragen und an eigentlich serienfremde Orte verlegt wird. Andere Beispiele sind die Folgen, in denen Grey’s Anatomys Addison Montgomery nach Los Angeles reist, wo sie am Ende auch hinzieht, um sich einer Private Practice anzuschließen: voilà, der Ableger.

Der vermutlich im Deutschen bereits bekannteste Begriff ist „Binge-Watching“, manchmal als „Komaglotzen“ übersetzt. „Binge-Watching“ ist trotzdem eine Erwähnung wert, weil es im Grunde die Serienentwicklung der ganzen letzten Jahre zusammenfasst. Dieses Dauergucken ist etwas, was erst mit dem Aufkommen diverser Speichermedien wie DVDs und Blue-Rays aufkam und natürlich auch des Onlinestreamings. All das sind Dinge, die die Entwicklung von Qualitätsserien massiv befördert haben. Denn die Tatsache, dass man Serien zu Hause in so großen oder kleinen Happen genießen kann, wie man will, hat stark zur deren Popularität beigetragen, aber auch die Ansprüche an Serien erhöht. Je besser die Serie, desto größer das Suchtpotenzial. Sogar jemand wie 12-Years-a Slave-Regisseur Steve McQueen bekannte sich in einem Interview einmal dazu, dass er Breaking Bad nicht abschalten konnte. Und natürlich verbindet sich der Begriff „Binge-Watching“ auch stark mit dem Onlinestreaming-Portal Netflix und dessen revolutionärem Einstieg in die Serienproduktion, was ein neues Kapitel im TV-Geschäft aufgeschlagen hat. Es bleibt zu hoffen, dass das Goldene Serienzeitalter noch keinen Haisprung hingelegt hat und weiterhin überraschend spektakuläre Serien- und „Wort-Neuheiten“ bieten wird, die zum Komaglotzen und Dauerschippen einladen, auch wenn ich auf sich anschleichende Piloten nun wirklich verzichten kann.

Über Katja Dallmann

Katja Dallmann hat ein Übersetzer-Diplom und einen Bachelor in Publizistik- und Kommunikationswissenschaft abgeschlossen. Sie ist freie Übersetzerin und Autorin, hat als Online-Redakteurin gearbeitet und verschiedentlich in Print und Online publiziert. Katja ist leidenschaftlicher Serienfan und bloggt sonst unter Serielle Schnittstelle.

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