Winnie Whoo?

Kinder- und Jugendmedienschutz als Vorwand für Zensur

 

Haben Sie es auch mitbekommen? Da lässt sich die Weltmacht China doch tatsächlich von einem kleinen Zeichentrickbären verunsichern. Genau genommen der Staatspräsident der Volksrepublik China, Xi Jinping. Der soll nach Meinung der Online-Community nämlich eine gewisse Ähnlichkeit zum pummeligen Bären Winnie Puuh haben. Anstatt sich über diese Feststellung zu amüsieren, nutzte Jinping seine Macht über die Informationslandschaft Chinas aus und ließ den Zeichentrickbären und alles, was mit ihm zusammenhängt, restlos verbannen. So geschah es auch mit der zynischen Folge von South Park, in der genau auf diesen Vergleich zurückgegriffen wird, um auf die Missstände der chinesischen Zensur und die Billigung durch international verknüpfte Märkte, wie der US-amerikanischen Filmbranche, hinzuweisen. Nun ist die komplette Serie aus dem chinesischen Netz verbannt worden. Und dies ist nur eines der vielen Beispiele medialer Zensur, die in letzter Zeit durch die Nachrichten gingen.

 

Collage: Winnie Whoo von Janina Pickel © FSF
Collage: Winnie Whoo von Janina Pickel © FSF

Zensur in und durch China

Es dürfte mittlerweile gemeinhin bekannt sein, dass die chinesische Regierung ein besonders striktes Vorgehen pflegt, was die Medienkontrolle angeht. Durch strenge Überwachung des medialen Outputs baut die Regierung Druck auf Firmen auf, die, um nicht benachteiligt zu werden, den unethischen Vorgaben Folge leisten. Sie richten ganze Zensurabteilungen ein oder sourcen den Geschäftsbereich in auf Zensur spezialisierte Firmen out. Diese wirtschaftliche Absicherung geht sogar über die Grenzen Chinas hinaus.
Wie in der South Park-Folge Band in China beschrieben, gehen auch internationale Partner Chinas auf Nummer sicher, wenn es um politische Meinungsäußerungen geht. Ein Beispiel dafür lieferte die beliebte US-Schuhmarke Vans. In einem Wettbewerb wurde ein Pro Hong Kong“-Design veröffentlicht, welches kurz nach Veröffentlichung wieder von der Seite genommen wurde. Auf Nachfragen rechtfertigte sich die Marke mit ihrer seither unpolitischen Haltung, allerdings ist auch denkbar, dass ihr Herstellungsort einen Einfluss auf diese Entscheidung gehabt haben könnte.
Auch Markenriese Apple hat wiederholt auf Druck chinesischer Behörden diverse Apps rund um die Proteste aus ihrem Angebot gelöscht, unter anderem eine Karten-App, die es Demonstranten ermöglicht, den Standort von Polizeieinheiten zu übermitteln, welche auch für kriminelle Zwecke einzelner verwendet worden sein soll. Andererseits jedoch auch Nachrichten-Apps, die u.a. über die Proteste berichten.

 

„Social Scoring System“

Auch Privatpersonen beteiligen sich mehr oder weniger freiwillig an den Überwachungsstrategien der Regierung. Das sogenannte Social Scoring System“ beispielsweise wurde offiziell dafür entwickelt, um die Rechtschaffenheit der Bürgerinnen und Bürger zu belohnen und zu gutem Verhalten zu motivieren. In dem System, das zunächst freiwillig, später jedoch verpflichtend sein soll, wird jedem Mitglied ein Punktekonto zugeteilt, das sich bei gutem Verhalten füllt und bei schlechtem leert.
Das Problem ist, dass regierungskritische Äußerungen zu einer Reduzierung von Punkten führen sollen und dass daraus ernsthafte wirtschaftliche und soziale Nachteile für den Einzelnen drohen. So sollen kritische Äußerungen dazu führen können, dass man bei einer medizinischen Behandlung beispielsweise zweitrangig behandelt wird.

Mit der Zeit bildete sich das, was als „Außennetz“ (Orig.: Waiwang) bezeichnet wird. Das Wort wurde von den Leuten geprägt, die sich der umfassenden Zensur und das Existieren eines von der Außenwelt isolierten chinesischen Netzes bewusst sind. Um wirtschaftlich nicht abgehängt zu werden, soll die chinesische Regierung ihren Unternehmen, Wissenschaftlern und Parteimitgliedern die Nutzung sogenannter Tunnelsoftware gewähren. Alle anderen müssen sich mit dem zufrieden geben, was die Regierung ihnen zu sehen erlaubt.

Das schließt derzeit Kinder- und Jugendserien wie Winnie Puuh und South Park komplett aus. Nicht selten werden Argumente aus dem Jugendschutz herangezogen, um politische Motivationen zu verschleiern.

 

Über Chinas Grenzen hinaus …

Auch die Türkei lieferte kürzlich ein Paradebeispiel für die Zensur angeblich jugendgefährdender Kindermedien. Das Buch Good Night Stories for Rebel Girls (zu Deutsch: 100 außergewöhnliche Frauen“), das die Geschichten verschiedener Frauen erzählt, die als Vorreiterinnen ihrer Zeit gelten und eine Botschaft der Emanzipation vermitteln. Von den türkischen Behörden wurde es als obszön eingestuft und wird demnach wie Pornografie behandelt, darf also weder beworben, noch an Minderjährige verkauft werden. Zuvor hatte das Buch bereits auf dem russischen Markt mit der Zensur eines Kapitels über ein Transgender-Mädchen zu kämpfen.

Auch im Iran sollen Websites von der Regierung beliebig gesperrt oder die Geschwindigkeit von Internetverbindungen stark gedrosselt werden können, um bspw. die Kommunikation während Wahlen zu erschweren. Ähnlich in Ägypten, wo lokale Nachrichtenseiten sogar komplett geblockt sein sollen.

 

Gegenbewegungen

Doch wo Verbote – da auch Rebellen, die sich dem System nicht unterwerfen wollen, bspw. die in den Nachrichten viel behandelten Proteste in Hongkong, die aufgrund einer Missbilligung der stärker werdenden Einflussnahme der kommunistischen Partei Chinas erwuchsen. Hier finden sich auch Beispiele für friedliche Demonstrationen gegen mediale Zensur, z.B. mit einem öffentlichen Screening der verbotenen South Park-Folge auf den Straßen Hongkongs oder auch dem Abfotografieren kritischer Posts, um sie nach dem staatlich verordneten Löschvorgang weiterzuverbreiten.

Allerdings seien die chinesischen Zensuralgorithmen mittlerweile so effizient, dass sie selbst Bilder mit bestimmten Informationen aus den Datenmengen filtern können. Es ist ein andauerndes Katz-und-Maus-Spiel.

 

Differenzierung von Jugendmedienschutz und Zensur

Es lassen sich einige Vergleiche internationaler Zensur ziehen, wenngleich diese auf unterschiedlichen Problematiken beruhen.

In den Fällen der Länder Türkei und Russland scheint sich die Zensur darin zu begründen, konservative Geschlechterrollen und Beziehungskonzepte zu bewahren. Diversität in Medien wird als Gefahr gesehen und bedrohe in einem weiteren Schritt auch die politische Ordnung.

Beim Beispiel China geht es um eine vermutete Untergrabung der politischen Macht, des Respekts oder der Ehrfurcht vor der Regierung. Das für das Regime funktionierende Kontrollsystem soll nicht kritisch hinterfragt werden. Nun hat die South Park-Folge Band in China ihrem Wesen als satirische Trickserie gemäß wissentlich provoziert und die Reaktion Chinas und das öffentliche Interesse am Thema „willkommen geheißen“. Wie sich zeigte, gibt es allerdings auch immer wieder Fälle, in denen „unschuldige“ Kindermedien unter Zensur leiden, weil Regierungen sie als Gefahr betrachten.

Im Fall von Indonesien scheint es fast eher um eine Fehladaptation von Leitkriterien zur Bewertung von (u.a.) Gewaltdarstellungen zu gehen.  Denn dort wird selbst vor der Zensur von Kinderserien und -filmen wie Spongebob Schwammkopf nicht halt gemacht. Angeblich enthalten diese „Gewalt, dämonische Besessenheit, Horror sowie sinnlicher (…) Bewegungen“, die als jugendgefährdend eingeschätzt wurden. Anders lässt sich die kritische Überbewertung einer Kuchenschlacht in einem Animationsfilm für Kinder kaum erklären. Wobei es mit Blick auf die ungebrochen strengen Regeln für Medieninhalte in Indonesien wiederum nicht wirklich überrascht. Dem 2008 erlassenen Anti-Porno-Gesetz“ fielen auch andere Verteiler wie Tumblr und Netflix bereits zum Opfer. Spongebob wurde deshalb schon zensiert, weil das Eichhörnchen „Sandy Cheeks“ in einem Bikini zu sehen war.

Ob nun ein veraltetes Bewertungssystem, Unsicherheit oder schlecht adaptierte (Gewaltbewertungs-)Kriterien für fiktionale, animierte Comedyserien den Ausschlag geben, der Jugendschutz wird hier beispielhaft als Legitimation vorgeschoben. Dass bspw. sexuelle Identität ein weltweit diskutiertes Leitkriterium im Jugendmedienschutz ist, verschleiert leider immer wieder, wann es sich um Zensur und somit einen unethischen Eingriff in Kunst-, Meinungsfreiheit und mediale Vielfalt handelt. Oft genug müssen sich Einrichtungen des Jugendmedienschutzes rechtfertigen, nicht zuletzt, weil sich Zensurbegründungen oftmals auf den Jugendschutz stützen.

 

Fazit

Anhand der aktuellen Zensurbeispiele zeigt sich zum einen primär die direkte Einflussnahme auf politische Meinungsbildung und -kommunikation und sekundär der Wunsch nach kontrollierter Mediensozialisation im Allgemeinen. Beides steht in einer Wechselwirkung und beruht auf dem Wissen, wie stark Medien die Ausbildung der individuellen Persönlichkeit und die Tendenzen einer Bevölkerung beeinflussen können.

Letztlich ist dies auch die Basis für unseren Jugendmedienschutz, jedoch mit einem entscheidenden Unterschied: im Jugendmedienschutz muss es darum gehen, scharf zwischen dem Schutzbedürfnis Heranwachsender, aber auch dem Recht auf mediale Diversität, Meinungsbildung und der Kunst- und Pressefreiheit zu unterscheiden. Denn letztlich soll vor allem die „Entwicklung von Kindern oder Jugendlichen zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit“ (§5 Abs. 1 JMStV) geschützt, und die Fähigkeit zur individuellen Auseinandersetzung und Meinungsbildung gefördert werden, statt sie – wie in genannten Beispielen – einzuschränken oder bewusst zu lenken.

 

Quellen und Artikel:

Zur umstrittenen South Park-Folge, southpark.de vom 02.10.2019: Band in China

Alle Artikel wurden zuletzt abgerufen am 10.12.2019.

Über Janina Pickel

Janina Pickel ist Masterstudentin der Filmwissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz. Im Februar 2018 wurde sie als ehrenamtliche Prüferin der FSK tätig und arbeitet seit Juni 2019 nebenbei als Filmvorführerin des F.W. Murnau Filmtheaters in Wiesbaden. In ihrer Bachelorarbeit zum Thema Der Horrorfilm für Kinder spiegelt sich ihr besonderes Interesse für mediale Grenzgänger und Themen des Jugendmedienschutzes wider. Dies bewog sie u.a. dazu, ein Praktikum bei der FSF zu absolvieren. Mittlerweile wurde sie auch zur Prüferin der FSF benannt.

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