Im Grunde eine gute Idee! Aber…

Als Kinder haben wir immer geglaubt, Lehrerinnen und Lehrer haben nur die Aufgabe, uns im Unterricht zu piesacken oder uns mit einem Batzen an Hausaufgaben von den „wichtigen Sachen“ im Leben abzuhalten. Und auch als Erwachsener sieht man oft nur die vielen Vorurteile, die mit dem Beruf des Lehrenden einhergehen. Sie haben gefühlt immer frei und kommen sie mal zur Schule, stehen sie nicht im Klassenzimmer, sondern sind auf einem Ausflug. Zugegeben, momentan sieht es ein bisschen anders aus, Corona verändert auch die Schulwelt. Aber gerade vor dem derzeitigen Homeschooling-Szenario bedeutet ein Pauker zu sein, doch deutlich mehr Verantwortung, als die meisten denken. In „normalen Zeiten“ steht man von Montag bis Freitag vor 20 oder 30 mehr oder weniger interessierten Mädchen und Jungen, denen in möglichst kurzer Zeit ein vorgeschriebener Lehrplan vermittelt werden soll. Gerade gestaltet sich diese Zielsetzung als viel schwieriger und ist mit erheblichem Mehraufwand und Nervenstärke verbunden. Hinzu kommt, dass nur wenige Lehrende die Gabe besitzen, Inhalte verständlich oder anschaulich zu vermitteln oder die Schüler zu motivieren. Die Folgen daraus sind nicht nur demotivierte Kinder, sondern auch schlechte Noten. Die logische Konsequenz ist, dass die ungeliebte Pädagogin bzw. der ungeliebte Pädagoge zum „Staatsfeind Nr. 1“ ernannt wird und nur noch die Eltern zwischen den beiden Parteien vermitteln können. Eine App soll nun den Schülerinnen und Schülern die Chance geben, anonym Lob oder Kritik an der Schule und dem Lehrkörper zu äußern.

 

Das Bewertungssystem ist nicht neu

Seit dem 24. Februar 2020 kann die App mit dem Namen Lernsieg von Apple- als auch von Android-Nutzerinnen und -Nutzern kostenlos heruntergeladen werden. Befindet sich das blaue Icon mit einer kleinen Rakete erst einmal auf dem Handy, geht der Rest wie von selbst. Gleich zu Beginn werden unterschiedliche Schulen aufgelistet, unter denen man wählen kann. Wer jedoch seine eigene Schule bewerten will, nutzt die Suchfunktion und muss seine eigene Handynummer angeben, um sich zu registrieren – denn ohne Registrierung ist keine Bewertung möglich. Wenn die eigene Bildungseinrichtung fehlt, lässt sich diese ganz einfach zu der Liste hinzufügen und dann können auch hier Mensa oder Sauberkeit bewertet werden.

Die Art und Weise der Bewertung ist einfach und nicht unbekannt, denn egal ob der Unterrichtende nun für Fairness, Geduld oder Durchsetzungsfähigkeit bewertet wird oder das vor Kurzem gekaufte Bügeleisen bei Amazon eingeschätzt werden soll, das Prinzip ist dasselbe: Bewertet wird anonym und mit Sternen. Fünf Sterne bedeuten den besten Wert und ein Stern ergibt die niedrigste und schlechteste Einstufung. Doch wie soll konstruktiv gelobt oder kritisiert werden, wenn man nur Sterne vor den Augen hat?

Photo by National Cancer Institute on Unsplash
Photo by National Cancer Institute on Unsplash

Ausnahmen bestätigen die Regel?

Die App, die schon 2019 kurzzeitig auf den Markt kam und aufgrund von Droh-E-Mails wieder verschwand, wurde von dem Österreicher Benjamin Hadrigan entwickelt. Der heute 18-Jährige, der noch vor seinem Abitur ein Studium an der Universität in Wien begann, nahm seine eigenen Erfahrungen seiner Schulzeit als Inspiration für seine App. Denn er war nicht immer der brillante Schüler, sondern ein Junge, dessen Aufmerksamkeit Instagram und Co. galt. Dieses Hobby brachte ihm den Titel eines „schlechten Schülers“ ein. Erst ein Kommentar seiner Lehrerin änderte seine Lernbereitschaft. Sie  zweifelte offen an seinen Fähigkeiten, in dem kommenden Vokabeltest genug Punkte sammeln können. Diese Kritik motivierte Hadrigan und er änderte sein Lernverhalten komplett: „Ich wollte es dieser Frau beweisen.“
So sehr seine Erfolgsgeschichte beeindruckt, muss man davon ausgehen, dass nicht jede/-r Schüler/-in, die/der mit diesen oder ähnlichen Worten konfrontiert wurde oder noch wird, exakt denselben Erfolg verzeichnen kann. Die Lernsieg-App hat er unter der Prämisse entwickelt, den Schülerinnen und Schülern des 21. Jahrhunderts eine Stimme zu geben. Doch kann die virtuelle Stimme eine reale Aussprache mit dem Lehrenden ersetzen?

 

Die Idee und die Juristen

Die Idee hinter dieser App ist nicht neu. Schon 2007 bekam die „Generation Internet“ die Möglichkeit, Lehrende auf der Plattform spickmich.de zu bewerten. Damals wie heute sind die Reaktionen auf diese Option eindeutig. Trotz vereinzelt positiver Stimmen sprechen sich immer mehr, primär jedoch die Unterrichtenden, gegen die App und das Bewertungssystem aus. Sie kritisieren, dass mit der Veröffentlichung der Namen ihr Recht auf Datenschutz und das Persönlichkeitsrecht verletzt werde. Das hatte 2019 zur Folge, dass die Lehrenden juristisch gegen die App-Betreibenden vorgegangen sind. Der Erfolg blieb jedoch aus. Das Gericht schmetterte die Klage mit der Begründung ab, dass das „Grundrecht auf Meinungsäußerung“ stärker wirke.

 

Kritik muss man aushalten

Aus einer Not heraus haben sich seit November 2019 rund 500 Lehrerinnen und Lehrer der Facebook-Gruppe „Lehrer/innen helfen Lehrer/innen bei Lernsieg“ angeschlossen, um sich zur Wehr zu setzen. Schlecht „benotete“ Lehrer/-innen wenden sich an ihr Kollegium, die negative Bewertung mit einer Positiven auszugleichen. Dieses Vorgehen mag eine interessante Idee sein, doch die Ergebnisse werden dadurch deutlich verfälscht.
Das scheinen auch die fast 200.000 Nutzer der App zu finden. Insgesamt ist die Resonanz der App, trotzdem sie am ersten Wochenende nach Veröffentlichung auf Platz 1 der Downloadcharts stand und sogar an Instagram vorbeizog, nicht so erfreulich, wie vielleicht erhofft. Durchschnittlich kommt die App nur auf 2,2 Sterne, ergänzt wird diese Einstufung um eine Vielzahl an kritischen Kommentaren. Hier hätte man vielleicht, wie schon in der Lernsieg-App, auf die „Kommentar-Funktion“ verzichten sollen.

Es scheint, als müssen nicht nur die Unterrichtenden Kritik einstecken, sondern auch diejenigen, die den Stein dazu ins Rollen gebracht haben. Die Entwickler haben jedoch schon angekündigt, dass das Konzept noch einmal überarbeitet werden soll. Bleibt die Frage, ob in einer Welt, in der digitale Inhalte unser Leben beherrschen und immer wichtiger werden, nicht ein persönlicher Austausch – wenn er denn wieder besser möglich ist – zwischen den Menschen sinnvoller wäre als ein Stern in einer App.

Und vielleicht sollte unter den derzeitigen erschwerten Bedingungen für alle auch mit mehr Nachsicht an eine möglichen Bewertung herangegangen werden.

 

Quellen:

Alle Links wurden zuletzt abgerufen am 14. Mai 2020

Über Sarah Boost

Sarah Boost hat Geschichte und Deutsche Literatur an der Humboldt Universität zu Berlin studiert. Ihr Interesse an Medien bewog sie dazu, ein Praktikum bei der FSF zu machen.

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