„Messer, Gabel, Schere, Licht sind für kleine Kinder nicht“

Herausforderung Internet – Eltern zwischen Schutz und Kontrolle

 

Als Kind war das der Spruch schlechthin, wenn man gerade dabei war, ein scharfes Messer aus dem Küchenschrank zu holen, mit Begeisterung die Streichholzpackung entdeckte oder der Finger kurz davor war, die Steckdose zu erkunden. Doch gibt es diese Gefahren heute noch? Mit dem stumpfen Kinderbesteck aus Plastik sind Schnittwunden verschwunden, brennende Kerzen werden durch LED-Kerzen ersetzt. Kinder wachsen in einem behüteten Umfeld auf und ihnen kann eigentlich fast gar nichts passieren, oder doch?

 

Früher konnte man einfach den Schrank verschließen …

Wenn dann doch mal versehentlich die spitze Schere ausgepackt wird, dann können wir sofort eingreifen. In Steckdosen gehören Kindersicherungen und Feuerzeuge dürfen nicht in unmittelbarer Reichweite der Kinder sein – da sind sich alle einig. Aber was ist mit den Gefahren, die wir eben nicht sehen können? Das Internet ist ein fester Bestandteil unseres heutigen Lebens und birgt genauso Risiken, dennoch werden diesbezüglich kaum Schutzmaßnahmen ergriffen. Solange wie die Kinder sich nicht physisch verletzen, scheint es ihnen gutzugehen und mit YouTube und Tablet vor der Nase haben sie Spaß und sind friedlich und vergnügt.

Streichholzpackung mit Kindersicherung © Elisa Hoth
© Elisa Hoth

Was wir ausblenden, sind die Suchtpotenziale des Internets, Cybermobbing und der ausgehende Druck von den Sozialen Medien. Wir sehen nicht, in welche „Filter Bubbles“ unsere Kinder geraten, indem sie durch Algorithmus gesteuerte Videoplattformen surfen oder welchen drohenden Kettenbriefen sie auf WhatsApp ausgesetzt sind. Eine Recherche von Techbook zeigt, dass man durch Hashtags wie #porno direkt auf pornografische Inhalte stößt. Diesem versucht Instagram entgegenzuwirken, aber so schnell und aktiv können die ganzen Inhalte gar nicht gelöscht werden, wie sie neu hochgeladen werden. Was ist mit den gewaltvollen Videos, die im Internet kursieren oder den neuesten Horror-YouTube-Trends, die jedes Kind mit einem Klick im Internet erreichen? Das sind Bedrohungen der modernen Welt, welche oft schwierig zu erfassen sind, weil sie so individuell und unbemerkt auftreten. Deswegen ist es unabdingbar, sich zusammen mit den Kindern mit den Medien auseinanderzusetzen, ihnen zu erklären, was Fake News sind und wie sich Hate Speech und Cybermobbing äußern. Dies bedarf eine gute Medienkompetenz sowohl auf Seiten der Kinder, als auch auf Seiten der Eltern. Früher wurden die Messer einfach im Schrank verschlossen, heute wird von den Eltern mehr gefordert. Sie müssen mit ihren Kindern gemeinsam die Medienwelt erkunden, ein Bewusstsein entwickeln, auf welchen Seiten ihre Kinder unterwegs sind und zumindest ihre Grundstruktur verstehen.

 

Schutzprogramme und Software

Doch Eltern werden dabei nicht allein gelassen. Auf Internetseiten wie „Schau Hin“ stellen zahlreiche Artikel verschiedene Social-Media-Kanäle oder Apps vor und geben Tipps für eine sinnvolle Medienerziehung. Verschiedene Kinderschutzprogramme in Form von Browser-Einstellungen oder expliziten Schutz-Softwares wie „Kindersicherung 2018“, der Filtersoftware „JusProg“ (Jugendschutzprogramm) oder dem „Windows Application Blocker“ verhindern einen unkontrollierten Netzzugang. Auch Plattformen selbst, wie YouTube beispielsweise, bieten kinderfreundliche Nutzungsbedingungen. „YouTube Kids“ oder ein Kids-Account auf Netflix garantieren kindgerechte Inhalte. Das schließt nicht aus, sich die Plattformen und deren Angebote einmal im vorhinein anzuschauen, da unterschiedliche Altersfreigaben nicht sofort ersichtlich sind.

Smartphone Kind+ Foto: pexels.com
Foto: pexels.com

Noch Schutz oder schon Kontrolle?

Die Herausforderung in der Medienerziehung für die Eltern besteht aber im Besonderen darin, ihre Kinder zwar vor Gefahren im Internet zu bewahren, ihnen aber dennoch Freiräume zu lassen. Schnell kann ein „Schützen“ auch in „Kontrolle“ ausarten. Die Kinderschutzplattform „Kaspersky Safe Kids“ bspw. ermöglicht den Eltern sogar Zugang zu den privaten Nachrichten der Kinder und wirbt mit „Überwachung der Anrufe und Textnachrichten auf Android-Geräten, um unerwünschte Kontakte zu erkennen“ und mit „Berichten über öffentliche Facebook-Aktivitäten Ihrer Kinder einschließlich Posts und neu hinzugefügter Freunde“. Den sogenannten “Helikoptereltern” geben Parental-Control-Apps wie “KidGuard”, “mSpy”, Spyzie” usw. die Möglichkeit, alle digitalen Bereiche der Kinder zu überwachen. Für den einen mag dies als ein Zeichen elterlicher Sorge gelten, genau genommen ist es aber ein sehr tiefer und unerlaubter Eingriff in die Privatsphäre der Kinder. Denn genauso wie das Internet Risiken bereithält, verleitet es ebenso, alles zu kontrollieren und nachvollziehbar zu machen. Und genau das machen sich Unternehmen zu Nutze, indem sie an die Fürsorge der Eltern appellieren und den Schutz der Liebsten mit ihrer App garantieren. Allein mit ihrem Smartphone oder Tablet tragen Kinder quasi ihr Leben und all ihre Geheimnisse offen mit sich. Kontakte, Standort, Nachrichten – alles verfügbare Daten, auf die auch die Eltern zugreifen könnten, wenn sie es wollten. Neuester Trend ist das “geofencing”, hier kann über eine App der Standort des Kindes verfolgt werden und es erfolgt eine automatische Benachrichtigung, sobald das Kind eine vorher festgelegte Zone verlässt.

 

Datenschutz vs. Spionage

Das Problem dabei ist nicht nur, dass die Privatsphäre der Kinder missachtet wird, sondern auch, dass diese Daten von Dritten gesammelt werden und somit intime Nachrichten und Standorte in den Händen Externer liegen. Im Hinblick auf das Weihnachtsfest sei erwähnt, solch sensible Daten können auch über vernetzte Alltagsgegenstände wie Smart Toys, Smartwatches oder Staubsaugerroboter mit Kamera und intelligenten Lautsprechern erfasst werden. Die Bundesnetzagentur warnt vor solchen Spielzeugen, die zudem teilweise – z.B. wie die Puppe Cayla – in Deutschland verboten sind.

Fakt ist bei allem Bedürfnis für Schutz und Sicherheit, Kinder und Jugendliche brauchen auch Raum für sich, haben ein Recht auf Privatsphäre. Und wie im analogen Leben, so müssen sie auch in der digitalen Medienwelt ihre Erfahrungen sammeln. Natürlich sollten sie dabei nicht allein gelassen werden, aber Überwachung ist nicht der richtige Weg. Am besten sind immer noch Gespräche und gemeinsame Mediennutzung, Absprachen über sichere Seiten und u.U. auch Zeitbegrenzungen zur Nutzung der digitalen Medien. Kinder müssen wissen, dass sie über Ängste und Drucksituationen mit ihren Eltern sprechen können und die Eltern müssen lernen, das Internet als Teil der Lebenswelt ihrer Kinder zu akzeptieren.

Über Elisa Hoth

Elisa Hoth ist Studentin an der Martin-Luther-Universität in Halle. Vor dem Studium absolvierte sie ein Praktikum bei einem Radiosender in Berlin, betreute anschließend vier Monate lang den Internetauftritt einer Musikproduktionsfirma in München und unterstützte deren Projekte. Dies führte sie letztendlich zum Bachelor-Studiengang der Medien- und Kommunikationswissenschaften sowie Erziehungswissenschaften. Hier verbinden sich ihre Interessen an der medialen Welt und den darin lebenden Menschen.

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