Die zwei Gesichter der UN-Mission

Whistleblower ist die erschütternde Geschichte der mutigen amerikanischen Polizistin Kathryn Bolkovac (Rachel Weisz), die im Rahmen einer UN-Friedensmission die örtliche Polizei in Sarajewo unterstützen soll und dabei Ungeheuerliches aufdeckt. Ausgerechnet Offiziere der eigenen UN-Mission betreiben einen internationalen Handel mit jungen Mädchen und Frauen aus den bosnischen Nachbarländern, die unter unmenschlichen Bedingungen als Sexsklaven arbeiten müssen und dabei misshandelt und auch getötet werden. Am erschreckendsten und fast unglaublich ist, dass dieses Politdrama auf wahren Begebenheiten basiert. Kathryn sammelt Beweise und Zeugen und versucht, die Missstände öffentlich zu machen. Dabei stößt sie auf eine Mauer des Schweigens und auch der aktiven Gegenwehr, die für die jungen Frauen und auch für sie selbst höchste Gefahr bedeuten. Wem kann man in der Hierarchie noch trauen? Wer profitiert noch vom illegalen Handel?

Exkurs Realität
Zum damaligen Zeitpunkt der Aufdeckung vermuteten Experten „schätzungsweise 200.000 Frauen und Mädchen pro Jahr, die mit Gewalt und falschen Versprechungen aus Osteuropa verschleppt wurden. In Bosnien-Herzegowina, wie Mazedonien damaliges Uno-Protektorat, schätzten Hilfsorganisationen die Zahl der entführten Frauen auf etwa 5000. Dass die Soldaten und internationalen Polizeitruppen den größten Markt für den Sexhandel stellten, war bekannt. Schon 1999 sagte die damalige Uno-Sonderbeauftragte für Bosnien, Elisabeth Rehn: Ich bin nicht so naiv zu glauben, dass meine Untergebenen nicht in Bordelle gehen, in denen Frauen in Sklaverei gehalten werden.“ (Spiegel)

FSF: Hart, aber zumutbar!
Die skrupellose Gewalt gegenüber den wehrlosen, jungen Frauen, die mit der Aussicht auf ein besseres Leben im Ausland angelockt wurden, ist so authentisch und brutal inszeniert, dass sich der Sender vorab entschloss, den von der FSK (Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft) erst ab 16 Jahren freigegebenen Film umfangreich zu bearbeiten, um ihn nun im Hauptabendprogramm ab 20.00 Uhr zeigen zu können. Äußerst brutale sexuell konnotierte Gewalthandlungen und Demütigungen an den jungen Frauen wurden so abgemildert, wobei die verbliebenen Szenen immer noch so eindringlich sind, dass dem Zuschauer das Blut in den Adern gefriert.

Der FSF-Prüfausschuss stimmte der beantragten Hauptabendprogrammierung zu, da die Gewalt eindeutig als verabscheuungswürdig gezeigt wird und der Zuschauer so Empathie mit den Opfern empfindet und so auch einer Bagatellisierung der – auf wahren Tatsachen beruhenden – Umstände entgegengewirkt wird. Dass ausgerechnet das Führungspersonal der UN-Mission die Notlage der Menschen vor Ort schamlos ausnützt, um sich zu bereichern, tangiert das Gerechtigkeitsgefühl von älteren Kindern ab 12 Jahren – auf die bei einer Bewertung mit dem Ziel einer Hauptabendprogrammierung zu achten ist – in besonderer Weise. Das Bewusstsein zu entwickeln, dass die Welt nicht nur in Schwarz und Weiß einzuteilen ist, sondern in unendlich viele Grautöne, zählt zu den wesentlichen Entwicklungsaufgaben von Kindern in der Pubertät.

Zur ProgrammInfo auf der FSF-Website geht es hier.

Katryn Bolkovic, Edward Snowden, … wer noch?
Wird es Kathryn gelingen, letztlich etwas gegen diese perfiden Machenschaften zu unternehmen? Wie viele Kathryns benötigt diese Welt, um solche unrechten und menschenverachtenden Schandtaten, wie es sie jeden weiteren Tag gibt, zu stoppen oder wenigstens zu minimieren?
Kathryn Bolkovac hat bisher nie wieder eine Anstellung im öffentlichen Dienst gefunden.
Der im Jahr 2010 produzierte Film nimmt auf authentische Art und Weise die Ereignisse um den bekanntesten Whistleblower Edward Snowden vorweg. Wer Kriegsverbrechen aufdecken will und hierfür Informationen an die Öffentlichkeit spielt, lebt gefährlich – auch in lupenreinen Demokratien.

Sixx strahlt das Politdrama Whistleblower – In gefährlicher Mission am Sonntag, 19. April 2015, um 20.15 Uhr aus.

Weiterführende Links zum Thema:
Homepage von Kathryn Bolkovac
Interview mit Kathryn Bolkovac
Zeit: Freier für den Frieden

Hinweis zu den aktuellen FSF-ProgrammInfos:
Bitte beachten Sie, bei den Altersfreigaben handelt es sich nicht um pädagogische Empfehlungen, sondern um die Angabe der Altersstufe, für die ein Programm nach Einschätzung der Prüferinnen und Prüfer keine entwicklungsbeeinträchtigenden Wirkungsrisiken mehr bedeutet.

Mehr Informationen zur Programmprüfung erhalten Sie auf unserer Website. Dort veröffentlichen wir jede Woche neue ProgrammInfos zum aktuellen Fernsehprogramm. Auch diese Auswahl stellt keine Empfehlung dar, sondern zeigt einen Querschnitt der Programme, die den Prüfausschüssen der FSF von den Mitgliedssendern vorgelegt werden.

Über Nils Brinkmann

Nils Brinkmann studierte Publizistik, Kunstgeschichte und Soziologie (M.A.). In der Zeit von 1991 bis 2011 war er Prüfer bei der FSK. Seit 2002 ist er im Bereich Programmaufsicht und Telemedien der Medienanstalt Berlin-Brandenburg (MABB) tätig. Ebenso prüft er im Beschwerde- und Gutachterausschuss der Freiwilligen Selbstkontrolle Multimedia (FSM) und ist hauptamtlicher Prüfer bei der FSF.

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