„Der einsame Trail in die Ewigkeit“

„Können Sie uns etwas über den amerikanischen Traum, wie er sich im Hollywood-Film widerspiegelt, erzählen?“ So lautete die Anfrage einer politischen Stiftung, die zum entsprechenden Großthema ein Wochenendseminar veranstalten wollte. Das Honorarangebot klang verlockend, der Termin passte in meinen Kalender und eine gewisse Vorstellung vom gefragten Sachverhalt hatte ich auch. Also begann ich vertiefend zu recherchieren.

Bei der vorgegebenen Fragestellung führte mich die Suche fast zwangsläufig zu John Wayne, in dessen Darstellung von Westernfiguren sich die Wertevorstellungen der amerikanischen Pionierzeit wie in einem Brennglas verdichten. Der schwarze Falke, Rio Bravo, Alamo – ich hatte den Einstieg in meinen Vortrag. Nebenher habe ich etwas gefunden, das für mich in ganz anderer Weise Bedeutung erlangte. Eine alte Schallplattenaufnahme aus dem Jahr 1979 wurde mit Bildern versehen und findet sich nun im grenzenlosen Medienarchiv von YouTube. Arnold Marquis, die deutsche Synchronstimme von John Wayne, spricht einen Nachruf auf seinen Freund und Meister. Am Ende ist die Rede vom einsamen Pfad in die Ewigkeit, der dem großen Cowboy bevorsteht und der, so schwingt es im sonoren Bass von Marquis deutlich mit, sowohl auf den Sprecher als auf jeden von uns wartet.

John Wayne in El Dorado © 1966 - Paramount Pictures. All rights reserved.
John Wayne in El Dorado © 1966 – Paramount Pictures. All rights reserved.

Es ist selten geworden, dass jemand wie der immer wieder verborgene Gefühlslagen seiner Zuhörer aufspürende Sänger Reinhard Mey in seinem Lied Mein Testament öffentlich über jene Stunde nachdenkt, „die man halt nicht vorher kennt“. Uns umgibt eine sehr sachlich orientierte Kultur, und jener Trost, der früher durch den Glauben an das Jenseits gegeben war, der scheint abhandengekommen zu sein. Wir klammern uns an die Verheißungen der Gesundheitsindustrie und geben uns dem Gefühl hin, wir müssten uns nur an die entsprechenden Empfehlungen halten, dann könnte unser irdisches Dasein geradezu grenzenlos sein. Doch im Inneren weiß natürlich jeder, dass irgendwann auch er abgerufen wird. So ist es nicht verwunderlich, dass ein Roman wie Mitch Alboms Die fünf Menschen, die dir im Himmel begegnen, den Lloyd Kramer 2004 verfilmte, zu einem Bestseller werden konnte.

Hier begegnet der alte Eddie, der ein Leben lang im Vergnügungspark Ruby Pier gearbeitet hat, nach seinem Tod im Jenseits Menschen, die ihm bisher nicht begreifbar gewesene Wendepunkte seines Erdendaseins erklären. So etwas erwarten zu können, ist eine schöne Hoffnung. Natürlich weiß niemand, wohin der Weg, der anzutreten ist, führt. Wie man aber durch die Pforte treten möchte, das liegt in der eigenen Hand. Zumindest wäre das wünschenswert.

In jüngster Zeit haben sich zwei enge Freunde von mir von dieser Welt verabschiedet. Beide hatten ein gutes Stück intensiven Lebens bereits hinter sich, doch es fehlte noch Beträchtliches, um das hierzulande durchschnittliche Sterbealter zu erreichen.
Einer von ihnen war inmitten der Kriegswirren im Sudetenland geboren. Nach 1945 floh seine große Familie Richtung Westen. Die Wege trennten sich. Sowohl regional – man lebte fortan in Düsseldorf, Hamburg, auf Sylt oder im Westen Berlins – als auch hinsichtlich der politischen Überzeugungen. Als wir uns nun auf dem Friedhof in Berlin-Steglitz von ihm verabschiedet hatten, waren alle überrascht, als es hieß, dass die Urne in Radebeul bei Dresden beigesetzt werden sollte. Dort waren nach dem Krieg die Großeltern geblieben, und dem Freund war es wichtig, durch eben die Pforte in die Ewigkeit zu gehen, durch die auch sie gegangen sind. Ein letzter Moment als Familienzusammenführung, die zu Lebzeiten nicht glücken konnte.

Der andere Freund ist unmittelbar nach der Schulzeit in der Oberlausitz der Enge seiner Herkunft entflohen. Später widmete er sich mit seinen Forschungen als Historiker dem Anarchismus. Was er dabei bei Rudolf Rocker, Peter Kropotkin oder Otto Rühle gelesen hatte, blieb nicht ohne Einfluss auf seine eigene Lebenshaltung. Eine der letzten Inseln deseinstigen alternativen Lebens im Prenzlauer Berg ist die Kneipe „Rumbalotte“ des Lyrikers Bert Papenfuß. Hier hat er gern sein Feierabendbier getrunken und hier haben im Kreise der aktuellen Berliner Anarchistengemeinde alle, die ihm nahestanden, einen letzten Becherovka auf sein Wohl getrunken. Die Urnenbeisetzung fand dann in Löbau, wo er ursprünglich herkam, im kleinen Kreis statt. Als ich dort mein aus der Ferne bestelltes Grabgesteck abholte, meinte die Blumenhändlerin, sie habe jene Farben ausgewählt, die der Verstorbene so gerne hatte. Ja, der nette Mann sei im letzten Jahr öfter im Ort gewesen und sie hätten sich immer gut unterhalten. Offenbar hatte sich der Freund mit Ausbruch der Krankheit Gedanken darüber gemacht, von wo aus er den Weg in die Ewigkeit antreten möchte. Er, der immer in ausgesprochen weltläufigen Zusammenhängen dachte und lebte, wollte im letzten Moment in aller Stille dort sein, wo er ursprünglich zu Hause war.

Keiner der beiden Freunde hat zu Lebzeiten über die Vorstellungen von der letzten Pforte sprechen können oder wollen. Dennoch hatten sie sehr konkrete, individuell geprägte Wünsche und für jeden war es wichtig, einen Platz zu finden, der einen Bezug zu den eigenen Wurzeln hat und der gleichzeitig für den auffindbar ist, der über die Zeit hinaus Kontakt zu ihnen sucht. Andererseits erlebe ich immer öfter, dass gerade ältere Verwandte darauf bestehen, auf einem der sich mehr und mehr ausbreitenden anonymen Gräberfelder beigesetzt zu werden. Meist heißt es dann, sie wollten Kindern oder Verwandten nicht über den Tod hinaus zur Last fallen. Von der Hand zu weisen ist solches Argument nicht so einfach. Die Alten haben erlebt, wie sich die Familien angesichts der Anforderungen immer mobiler werdender Arbeitsstrukturen mehr und mehr in aller Welt verstreut haben und wie kostbar freie Zeit geworden ist. Wer sollte da ihr Grab, so wie sie es sich traditionell vorstellen, pflegen? Doch es scheint gar nicht so leicht möglich zu sein, entgegen aller praktischen Erwägungen, anonym aus der Welt zu verschwinden. Jüngst habe ich an einer Führung über den Südwestkirchhof Stahnsdorf, der 1909 vom Berliner Synodalverband außerhalb der Stadtgrenzen angelegt worden war, teilgenommen. Viele der hier erhaltenen Begräbnisplätze ermöglichen den Nachgeborenen Zwiesprache mit bedeutenden Vertretern deutscher Kultur- und Wissenschaftsgeschichte. Ich wollte speziell zum Grab des Stummfilmregisseurs Friedrich Wilhelm Murnau. Als wir beim Rundgang an dem Areal für anonyme Bestattungen vorbeikamen, meinte der Erklärer, dass hier die Friedhofsarbeiter an jedem Montag alle Hände voll zu tun hätten, um Blumen und andere Gedenkzeichen der Wochenendbesucher wegzuräumen.

Selbst angesichts effizienter Beerdigungsrituale unserer Zeit bleibt der Friedhof ein wichtiger und, wie ich meine, notwendiger Ort der Begegnung. Wenn der Weg in die Ewigkeit auch einsam ist, zurück bleiben immer Menschen – ganz gleich, ob der Schreitende prominent oder weniger öffentlich bekannt war –, die in aller Stille in Gedanken bei dem Gegangenen sein wollen.

Über Klaus-Dieter Felsmann

Studium der Germanistik und Geschichte. Klaus-Dieter Felsmann ist freier Publizist, Medienberater und Moderator sowie Prüfer bei der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF).

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