Der wundervolle Scully-Effekt

Gefühlte Wahrheiten sind eine tückische Sache. Beispielsweise bin ich überzeugt, dass gerade Unterhaltungssendungen einen ungeheuren Einfluss auf unsere Wahrnehmung haben. Gäbe es in jedem Fernsehfilm, jeder Fernsehshow, jeder Serie ganz selbstverständlich Menschen mit Migrationshintergrund, Frauen, Männer und Kinder mit unterschiedlichen Körperformen, mit und ohne Behinderungen würde sie ganz natürlicher Teil unseres Alltags. Aber gefühlte Wahrheiten sind nicht belegt. Doch nun wurde eine diese Überzeugungen nachgewiesen: der sogenannte Scully-Effekt.

Seit Ausstrahlung der Fernsehserie Akte X wurde immer wieder behauptet, dass der Erfolg der Sendung und insbesondere die Figur Dana Scully (gespielt von Gillian Anderson) dazu beitragen hat, dass sich mehr Frauen für eine Karriere im Bereich Naturwissenschaft und Technik interessieren. Das klingt fast zu gut, um wahr zu sein, ist es aber! Denn nun hat eine Studie vom Geena Davis Institute on Gender in Media in Zusammenarbeit mit 21st Century Fox und J. Walter Thompson Intelligence den Einfluss von Dana Scully nachgewiesen. Es wurden rund 2000 Frauen gefragt, die in einem Alter sind, in dem sie bereits arbeiten, aber auch zwischen 1993 und 2002 Akte X gucken konnten. Das Ergebnis ist eindeutig: Wer Scully kennt, entscheidet sich eher dafür, in den Bereichen Naturwissenschaft und Technik zu arbeiten. 63 Prozent der Frauen, die in diesem Bereich tätig sind, sagen sogar, dass Scully ihr Vorbild ist. Ähnlich viele haben angegeben, dass Scully sie bestärkt hat, in dieser männlich dominierten Arbeitswelt zu bestehen. Und die Hälfte sagte, dass ihr Interesse an diesem Bereich durch Scully gewachsen ist.

Kurzum: Scully war ein Vorbild für sie. Sie hat sie inspiriert und beeinflusst. Tatsächlich war (und ist) diese Figur eine Ausnahmeerscheinung im Fernsehen. Sie ist die weibliche Hauptfigur von Akte X, sie steht Fox Mulder zur Seite, zusammen sollen sie außerirdische Phänomene untersuchen.

Aber sie ist die Skeptikerin, die nicht einfach glaubt – im Gegensatz zu Mulder. Sie ist rational, taff und selbstbewusst, sie lässt sich von Fakten leiten, behauptet sich in einer Männerdomäne – und zwar nicht durch körperliche Kraft oder indem sie ihr Verhalten anpasst, sondern durch ihren Intellekt, ohne Emotionalität zu unterdrücken.

Scully ist emanzipiert, ehrgeizig und kompetent, sie entwickelt ihre Stärke aus sich heraus. Sie ist das perfekte Vorbild – und sie hat auch bewiesen, dass Medien Einfluss auf unsere Wahrnehmung haben, dass fiktionale Figuren unsere Vorstellungswelten beeinflussen. Oder wie es der eingängige Slogan des Geena Davis Institute ausdrückt: If she can see it, she can be it. Das in einer Zeit zu erfahren, in der immer wieder diskutiert werden muss, warum es eine Rolle spielt, dass Arbeiten von Frauen weniger präsent sind und geringer geschätzt werden, ist ungemein wohltuend. Und dass dieser Einfluss nun nachgewiesen wurde, hätte Dana Scully sicherlich gefallen.

Über Sonja Hartl

Sonja Hartl studierte Deutsche Sprache und Literatur, Medienwissenschaft und Sozial- und Wirtschaftsgeschichte in Marburg und schreibt seither als freie Journalistin über Film, Fernsehen und Literatur. Außerdem betreibt sie das Blog Zeilenkino und ist Chefredakteurin von Polar Noir.

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