Die Macht der Sprache

Lange Zeit war mein fünf Jahre älterer Cousin Heiner für mich so etwas wie ein Fixstern. Was er als Jugendlicher machte, habe ich bewundert. Wenn er etwas von mir erwartet hat, dann stellte sich für mich gar nicht erst die Frage, ob ich darauf eingehen will. Leider war dabei auch sehr viel Blödsinn. Welch interessanten Effekt hatte es gehabt, als wir in unserer stillen Wohnstraße die Gaslaternen ausgeblasen haben. Wer sich das nicht mehr vorstellen kann: Die Lampen leuchteten wirklich durch kleine Feuer und wenn man es schaffte, am Lampenpfahl hochzuklettern, dann konnte man die Gasflamme ausblasen wie Kerzen am Weihnachtsbaum. Als aber bei den Gaslaternen ein Glaskolben hernterfiel und die Nachbarn aus den Fenstern schauten, erblickten sie mich oben an der Laterne.

Wie schon oft, war ich der Depp und mein Cousin fand für sich ein passendes Hintertürchen. Er hatte sein Vergnügen und ich war sein nützliches Werkzeug. Heiner wusste seine Anliegen eloquent vorzutragen, er fand die passenden Worte, um meine Schwäche für sich nützlich zu machen, und er war ausgesprochen geschickt darin, eventuelle negative Folgen für sich abzuwenden.

Es war die Sprache, die ihm Macht verlieh, und es war mein noch sprachliches Unvermögen, das mich in eine Situation der Ohnmacht brachte. Solche Erfahrungen kratzten an meiner Würde. Sie motivierten mich aber vermutlich auch weitaus mehr als alle Deutschlehrer mit ihrem Sanktionsinstrumentarium, mich einigermaßen sinnfällig sprachlich ausdrücken zu wollen. Daran musste ich denken, als wir im aktuellen doxs!-Programm der Duisburger Filmwoche mit Jugendlichen über deutsche Geschichte anhand von DEFA-Dokumentarfilmen sprechen wollten.

Gezeigt wurde Jugend-Zeit von Roland Steiner aus dem Jahr 1978. Im Film sprechen Mädchen einer landwirtschaftlichen Berufsschule über ihr Leben, über ihre Träume und von dem, was sie von der Zukunft erwarten. Im Wissen um den weiteren Verlauf der Geschichte dachten wir, dass die Statements der Protagonistinnen interessante Fragen und Erkenntnisse provozieren könnten. Ich hatte diesbezüglich vieles vermutet, nur nicht die erste Anmerkung, die aus dem Publikum kam. Ein Schüler bewunderte schlicht und einfach die Form, in der die Mädchen in der Lage waren, über sich zu sprechen. Das würde heute niemand mehr können, so waren sich die Anwesenden mehr oder weniger einig. Ich hatte es am Tag vorher bei doxs! aber gerade anders erlebt.

How do you like my hair, Regie: Emilie Blichfeldt
How do you like my hair, Regie: Emilie Blichfeldt

Bei der Verleihung des Preises die „Große Klappe“ an die Norwegerin Emilie Blichfeldt für ihren Film How do you like my hair? entzündeten Schülerinnen und Schüler aus dem Ruhrgebiet geradezu ein sprachliches Feuerwerk. Frei und mit komplexen Ansprüchen befragten sie Preis-Paten, Politiker und die Vertreterin des Preisstifters. Höhepunkt war der Disput mit der Regisseurin. Ich habe hier so viel Erhellendes über die Denk- und Lebensweise einer Generation erfahren, die nicht anders als die Mädchen aus der Landwirtschaftsschule vor 35 Jahren ihren Platz innerhalb der Gesellschaft sucht. Bei dieser Gruppe hätte es ein Heiner sicher schwer gehabt, Gaslaternenauspuster zu finden, im anderen Fall wäre er vermutlich schnell fündig geworden.

Immerhin, die erste Gruppe hatte es bemerkt, wie schön es sein kann, wenn man Dinge, die einen bewegen, auch zum Ausdruck bringen kann. Woher kommt dann aber der Fatalismus hinsichtlich der eigenen Unzulänglichkeiten?
Im Kontext der Erinnerung an den Beginn des Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren habe ich mehrere Veranstaltungen zum Film Im Westen nichts Neues von Lewis Milestone aus dem Jahr 1930 moderiert. Für heute 16-Jährige bedeutet das eine große cineastische, aber auch zeitgeschichtliche Herausforderung. Sie wurde jedoch meist mit großem Interesse angenommen und es entwickelten sich anregende Diskussionen. Gelegentlich stellte sich der Kommunikationsfluss aber nur sehr schwer her. Gemeinschaftsschüler in Hamburg reagierten während und nach dem Film eher in einer comichaften Zeichensprache. Als sie dann nochmals mit einzelnen Schlüsselszenen konfrontiert wurden, war zu spüren, wie sie von dem gerade Erlebten dennoch betroffen waren. Sie konnten dem, was in ihnen vorging, nur keinen sinnfälligen Ausdruck geben. Zumindest nicht im Deutschen. Hätte ich arabisch, türkisch, kurdisch oder russisch gesprochen, wäre es vielleicht etwas anderes gewesen. Doch es hilft ja nichts: Wer sich in dem Umfeld, in dem er lebt, nicht artikulieren kann, der wird einsam, traurig und schließlich auch aggressiv. Ganz anders habe ich das mit einer ähnlichen Klientel beim gleichen Film in Bad Schwartau erlebt. Hier konnten die Schüler über das, was sie bewegt, in der Sprache sprechen, die in ihrem Lebensumfeld das Verbindende darstellt. Ich meine, ich konnte auch ein ganz anderes Selbstwertgefühl bei den jungen Leuten spüren.

Bei der Frage, warum sprachliche Fähigkeiten so unterschiedlich ausgeprägt sind, weigere ich mich, die einfache Antwort in der muttersprachlichen Herkunft zu suchen. Auch ich musste es lernen, meinem Cousin Heiner gewachsen zu sein. Mein Glück war, dass ich neben dem Ansporn auch die Chance dazu hatte. Wer wie ich auf einem Dorf lebt, der kann den komplexen gesellschaftlichen Kosmos anhand überschaubarer Kleinstrukturen ganz gut entschlüsseln. Da gibt es wie überall die Macher und die Mitläufer, die Wichtigtuer und die stillen Arbeiter, die Helfer und die Egoisten – und es gibt solche, die das Gemeinschaftsleben stören. Fragt man Letztere nach ihren Problemen, Wünschen oder gar Motiven, dann reagieren sie vielfach mit aggressivem Schweigen. Die Sprachlosigkeit resultiert aber nicht daher, weil sie genetisch bedingt aggressiv sind, sondern sie sind aggressiv, weil sie es nie gelernt haben, über ihre Befindlichkeiten zu reden. Wer sich nicht artikulieren kann, der entwickelt Minderwertigkeitsgefühle, er gerät in Isolation und er ist letztendlich in seiner Würde als Mensch eingeschränkt. Schlimmstenfalls konterkariert er verbale Herausforderung so wie der Schläger von Offenbach, der den Tod der Studentin Tugçe Albayrak verursacht hat.

Die Zivilgesellschaft braucht gewiss Zivilcourage. Zuerst braucht sie aber – vermittelt durch Einsicht – als elementare Voraussetzung der Verständigung die Sprache.

Über Klaus-Dieter Felsmann

Studium der Germanistik und Geschichte. Klaus-Dieter Felsmann ist freier Publizist, Medienberater und Moderator sowie Prüfer bei der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF).

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