Serien Down Under – Reisen ins Herz der Dunkelheit unserer Zeit

Die Berlinale Seriensektion 2020

Die Berlinale Series fächert auch dieses Jahr wieder ein interessantes und schillerndes Themenspektrum auf. Erklärtermaßen will die neue Doppelspitze der Berlinale dieser noch recht jungen Sektion auch in Zukunft den Raum geben, der ihr gebührt. Das serielle Erzählen birgt unendliche Möglichkeiten, in horizontaler Breite, langen Spannungsbögen und mit tiefer Figurenentwicklung Geschichten zum Leben zu erwecken, und beeinflusst und bereichert damit das aktuelle Filmschaffen.

 

„Unterhaltsamer Budenzauber“

Um es gleich vorwegzunehmen: Die österreichisch-deutsch-tschechische Koproduktion Freud aus der Feder von 4 Blocks-Showrunner Marvin Kren wird sicher ihren Weg auf den Weltmarkt finden, schießt aber übers Ziel hinaus. Zwar wurde die Weltpremiere angemessen gefeiert, und dem Wien des Fin de Siecle mit viel Bombast und Zeitkolorit neues Leben eingehaucht. Die Dekadenz des untergehenden Kaiserreichs wird mit dem modernen – und damals höchst umstrittenen – wissenschaftlichen Bestreben Freuds um die Entdeckung des Unbewussten kontrastiert. Doch dann verliert sich die Serie in Mysterygrusel, dichtet der aufschlussreichen Geschichte eines Vordenkers seiner Zeit einen blutigen Krimiplot an, würzt das Ganze mit Kokainrausch und Séancen eines ungarischen Mediums – eine schöne junge Ungarin, die in hysterischen Anfällen Visionen hat. Hier wäre aus mehr Realismus die interessantere Geschichte entstanden, unterhaltsam ist dieser pompöse Budenzauber aber allemal.

 

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„Das Persönliche ist politisch“

Auffällig sind die vielen radikal persönlichen Geschichten. So zeigt die britische Serie Trigonometry eine Dreiecksgeschichte im Milieu des intellektuellen Prekariats von London. Die Grenzen sexueller Identität verschwimmen, Respekt und Gleichberechtigung im persönlichen Miteinander der Mittdreißiger federn den Kampf mit der harten Realität, mit Verdrängung und Gentrifizierung ab. Auch die französische Produktion The Eddy entführt in einen ähnlich realitätsnahen Kosmos, der die dunkle Seite des Pariser Nachtlebens in Jazzsongs erzählt. Hier muss der Barbesitzer Elliot ums Überleben kämpfen, sein Kompagnon wird von Geldeintreibern ermordet, die Bar steht vor dem Aus, und die jugendliche Tochter ist auf der Jagd nach Liebe und Drogen. Die wegen ihres schlichten Titels Sex und eines aufreizenden Pressefotos mit Spannung erwartete dänische Comedyserie behandelt das Lebensgefühl der ganz jungen Generation. Der von zwei Frauen entwickelte Beitrag erzählt in kurzen und sonnig heiteren Kapiteln von Orientierungslosigkeit, der Suche nach Sinn durch Beziehungen und Sex, und stellt dabei Geschlechterrollenklischees auf den Kopf.
In seiner liebenswerten Mysteryserie Dispatches From Elsewhere interpretiert der US-amerikanische Comedian Jason Segel den Zauberer von Oz im New York von heute neu, und das mit überbordender Fantasie. Auch hier wird Diversität mit großer Selbstverständlichkeit miterzählt. In all diesen intimen Geschichten ist das Persönliche politisch, zeigen sich in den individuellen Lebensentwürfen die aktuellen Diskurse in einer kompliziert gewordenen Welt.

 

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„Das Herz der Dunkelheit unserer Zeit“

Die nachhallensten Beiträge kommen in diesem Jahr aus Australien, da sie ins Herz der Dunkelheit unserer Zeit gehen. In Mystery Road 2 ermittelt der wortkarge Maori-Nachfahre Detective Swan in den Outbacks in einem rätselhaften Mordfall, der ins Drogenmilieu führt, während sich die Kolonialgeschichte und Ausbeutung des indigenen Australiens in einer Ethnologin fortsetzt, die eine heilige Stätte der Maori ausgraben will und dafür von Nachfahren der Ureinwohner bekämpft wird. Gewalt hat viele Gesichter.

 

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Stateless, ein Herzensprojekt von Cate Blanchett, die hier als Koautorin, Produzentin und Nebendarstellerin fungiert, befasst sich mit den drängendsten Themen unserer Zeit. Die Serie stellt der verzweifelten Flüchtlingsgeschichte einer afghanischen Familie die Verlorenheit einer psychisch desolaten jungen Stewardess gegenüber, die in einer seltsamen Selbstoptimierungssekte Halt sucht und dann entmündigt und ohne Pass im selben Flüchtlingslager landet. Die Serie berührt die Themen Heimat, Flucht und Vertreibung, Sinnentleerung im Westen versus nackte Existenzbehauptung, und entwickelt vielschichtig einen komplexen Serienkosmos.

Über Christiane Radeke

Studium der AV-Medienwissenschaften an der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF, arbeitete für Filmfirmen und Festivals. Tätigkeit als Publizistin u.a. für das Kinder- und Jugendfilmzentrum in Deutschland. Ausbildungen zum Creative Producer, zur Synchronbuchautorin und in Creative Writing. Seit einigen Jahren Autorin von Jugendbuchtexten. 2013 erschien ihr Romandebüt Herz Schlag Zeit im Thienemann Verlag.

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