Vom Persönlichen und Politischen

Homeland (2011) hatte mit der ersten Staffel eine erstaunlich differenzierte Sichtweise auf die USA nach dem 11. September 2001 geschaffen. Nun ist in Deutschland die zweite Staffel angelaufen.

Es ist schon sehr bezeichnend für das politische Klima der letzten Jahre in den USA, dass eine nuancierte Behandlung des sogenannten „war on terror“ erst zehn Jahre nach dem 11. September im Fernsehen möglich war. Eine Betrachtungsweise, die nach der Bush-Parole „Entweder mit uns oder gegen uns“ lange Zeit noch nicht einmal den US-amerikanischen Medien vergönnt war. Homeland hat diese überfällige differenzierte Aufarbeitung eines nationalen Traumas und komplexer politischer Vorgänge 2011 geliefert. Sie ist eine Serie ohne Helden geworden und größtenteils ohne Schwarz-Weiß-Malerei. Auch wenn manchmal an vielen Straßenecken eine US-Fahne zu wehen scheint. Doch sie zeigt eindeutig viele Grautöne in einer Situation, die von offizieller Seite lange Zeit als ein Entweder-Oder dargestellt wurde. Sie zeigt, gespiegelt am Privatleben der handelnden Personen, sowohl das Trauma durch die Anschläge als auch das Trauma, das aus der Reaktion darauf erwuchs. Über Schuld und Unschuld, Wahrheit und Verrat muss der Zuschauer in Homeland selbst entscheiden.

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Die erste Staffel bezieht ihre Spannung hauptsächlich aus dem Spiel mit der Glaubwürdigkeit. Ein Kriegsgefangener (herausragend: Damian Lewis als Nicholas Brody) kommt nach acht Jahren Gefangenschaft nach Hause und eine psychisch instabile CIA-Agentin (nicht minder großartig: Claire Danes als Carrie Mathison) verdächtigt ihn, in Gefangenschaft die Seiten gewechselt zu haben. Aus dieser Grundkonstellation erwächst ein Konflikt, der es dem Zuschauer lange Zeit offen lässt, der einen oder anderen Seite zu glauben. Und Homeland mag eine Serie ohne Helden sein, aber sie ist durchaus eine Serie mit Sympathieträgern – man möchte gern beiden Seiten glauben. Als dann allerdings klar wird, dass Brody tatsächlich auf einen Anschlag hinarbeitet, werden einem gleichzeitig die Motive für sein Handeln auf eindringliche Weise vorgeführt. Es zeugt schon von sehr tragischer Ironie, dass Brody sich die ganze Zeit in Gefangenschaft nicht umdrehen lässt, bis das US-Militär bei einem Einsatz den Tod von 82 Kindern als Kollateralschaden hinnimmt und diesen vertuscht. Unter den Opfern ist auch der Sohn Abu Nazirs, des al-Qaida-Anführers, der Brody inzwischen in seinem Haus gefangen hält. Da den Gefangenen inzwischen eine innige Zuneigung mit dem Kind Issa verbindet, wechselt er die Seiten. Das Politische ist in Homeland sehr persönlich und das Persönliche immer sehr politisch. Agentin Carrie Mathisen erkennt am Ende genau das und auch den einzigen Weg, Brody zu stoppen. Sie spielt, wenn auch unwissentlich, die Liebe für ein totes Kind gegen die Liebe für ein lebendes aus. Erst am Ende der letzten Folge, im Krankenhaus – kurz vor einer Schocktherapie gegen ihre bipolare Störung – fällt ihr auf, dass Brody den Sohn Nazirs gekannt haben muss. Ob diese Information wieder auftaucht, wird die zweite Staffel zeigen. Die letzte Folge der ersten Staffel lässt so einige Stränge offen. Brody findet seine Geständnisaufnahme zum Anschlag nicht wieder und Saul Berenson (äußerst beeindruckend: Mandy Patinkin), Carries Boss und Mentor, findet heraus, was die USA damals vertuscht haben. Der Zuschauer sieht dort an verschiedenen Stellen Puzzleteile fallen, die aber von niemandem mehr zusammengeschoben werden können.

Das fühlt sich wie eine fehlende Auflösung an und natürlich auch wie ein Cliffhanger, auch wenn dem Zuschauer alle diese Informationen bereits bekannt sind. Für einige der Figuren ergeben sie erst zu Beginn der zweiten Staffel endgültig einen Sinn. Denn, dass Carrie die ganze Zeit recht hatte, wird erst hier klar, womit der ursprüngliche Grundkonflikt in der ersten Staffel verschwindet. Und es wird auch Zeit. Denn wenn die Serie ihren hohen inhaltlichen Anspruch weiter einlösen will, so muss sie einen Ersatz für diese Konstellation finden. Homeland hat damit ein ähnliches Problem wie etwa Prison Break (2005) es hatte. Die Grundidee lässt sich nicht ewig in die Länge ziehen. In einer Serie, in der es um einen Gefängnisausbruch geht, muss irgendwann einmal ausgebrochen werden. Und das Katz-und-Maus-Spiel zwischen dem CIA und Brody kann auch nicht ewig vorangetrieben werden, ohne irgendwann alle Seiten unglaubwürdig erscheinen zu lassen. Dieses Spiel mit Glaubwürdigkeit und Wahrheit, eingebettet in einen drohenden Terroranschlag und Carries Bemühungen, diesen zu stoppen, gab Stoff für eine Staffel. Doch was jetzt? Wenn man das Szenario einfach nur mit denselben Spielern wiederholen würde – neuer Plan, wiederum vereitelt oder auch nicht – dann würde sich die Serie im Nu totlaufen. Sie würde auch massiv an Komplexität verlieren. Denn dann wäre es nur noch ein klassischer Agententhriller mit klaren Gegenspielern – gut und böse.

Doch auch wenn die zweite Staffel vielleicht keinen so ausgeklügelten psychologischen Kniff in petto hat wie die erste, so wird in Homeland auf vielen Ebenen gekämpft, die das aufwiegen könnten. Was sich nach den ersten Folgen schon ankündigt, ist eine noch stärkere Präsenz der Politik. Schon die erste Staffel thematisiert die Heldenstilisierung einer US-Administration, die einen Krieg zu rechtfertigen versucht, der kaum noch zu rechtfertigen ist. Der angebliche Kriegsheld aus dem Irak ist der feuchte Traum eines jeden Politikers. Kaum zu Hause, wird Brody als Kongressabgeordneter verplant und die Familie einem äußerst unerwünschten Medieninteresse ausgesetzt. Sie werden wie Schachfiguren und Aushängeschilder amerikanischer Werte vorgeführt. Die Familie scheint sich zu Beginn der zweiten Staffel jedoch einigermaßen mit der öffentlichen Rolle abzufinden. Was angesichts der Tatsache, dass Brody möglicherweise der nächste Vizepräsident der USA werden soll, vermutlich auch besser ist. Allerdings werden die familiären Konflikte nach wie vor eher unter Verschluss gehalten als gelöst. Das Rampenlicht ist dafür eine willkommene Ausrede. Hoffentlich werden wir einen detaillierteren Umgang damit seitens der Drehbuchautoren sehen. Allerdings muss Brody seine Existenz vor Abu Nazir mit seinem politischen Kapital rechtfertigen. Die zweite Staffel wird sich denn wohl noch mehr in den Fluren der Macht verirren. Interessant ist, welche Rolle Brodys Tochter Dana (Morgan Saylor) spielen wird. Sie war bisher eine Art moralischer Lackmustest für das Verhalten der Erwachsenen. Gespiegelt an ihrer Figur muss sich der Zuschauer hin und wieder fragen, ob es nicht ab und an doch so etwas simples wie richtig oder falsch gibt.

Bei den Kritikern in den USA fand die zweite Staffel weniger Anklang als die erste. Doch offenbar war das Meckern noch auf hohem Niveau. Denn dort ist inzwischen schon die dritte Staffel angelaufen. Die erste Folge war sogar schon einen Monat vor Ausstrahlung illegal ins Netz gelangt. Ungeduldig erwartet wurden bzw. werden also wohl beide Staffeln – hier und jenseits des großen Teichs.

Die zweite Staffel Homeland läuft seit dem 29. September sonntags ab 22.15 Uhr in Doppelfolgen in Sat.1. Und ProSiebenMaxx zeigt seit dem 02. Oktober um 20.15 Uhr alle Folgen der zweiten Staffel im Original mit deutschen Untertiteln.

Über Katja Dallmann

Katja Dallmann hat ein Übersetzer-Diplom und einen Bachelor in Publizistik- und Kommunikationswissenschaft abgeschlossen. Sie ist freie Übersetzerin und Autorin, hat als Online-Redakteurin gearbeitet und verschiedentlich in Print und Online publiziert. Katja ist leidenschaftlicher Serienfan und bloggt sonst unter Serielle Schnittstelle.

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