Im Killer-Zoo

Der Untertitel des Buches The Revolution Was Televised von Alan Sepinwall über die neue Ära von Qualitätsserien bringt es auf den Punkt: „The Cops, Crooks, Slingers, and Slayers Who Changed TV Drama Forever“ – „Die Polizisten, Ganoven, Drogendealer und Killer, die das TV-Drama für immer verändert haben.“ Anders formuliert: Der Held ist tot, lang lebe der Antiheld. Kaum eine Serie, die ohne ambivalente Hauptfigur auskommt, die es dem Zuschauer schwer macht, einfach Sympathien auszuschütten und sich im Gegenzug unterhaltsam berieseln zu lassen. Antihelden tun das Richtige aus den falschen Gründen und das Falsche aus den richtigen Gründen, sie fordern unsere Vorstellungen von Gut und Böse heraus. In der allerersten und allerletzten Folge von The Killing (2011) gibt es folgenden Wortwechsel, der einen sehr passenden Rahmen dafür bildet – Mordermittler Stephen Holder (Joel Kinnaman) konstatiert vor seiner Partnerin, Sarah Linden (Mireille Enos): „We got the bad guy.“ Woraufhin diese erwidert: „Yeah? Who’s that?“ Das genau ist die Frage.

Als Prototyp des Serien-Antihelden wird meist Tony Soprano (James Gandolfini in The Sopranos, 1999-2007) genannt – ein von Alpträumen geplagter Mafia-Ganove, der sich in Therapie begibt. Seine Nachfolge trat Vic Mackey (Michael Chiklis) in The Shield (2002-2008) an: Ein Polizist, der, wie Alan Sepinwall sich ausdrückt, möglicherweise genauso krank, verkorkst und böse war wie der Kriminelle, den er verhört. Die Serie stellte das Klischee des nach seinen eigenen Regeln spielenden, aber eigentlich grundgütigen Polizisten auf den Kopf. „The Sopranos lud den Zuschauer ein, sich in eine Figur hineinzuversetzen, die ein klassischer Bösewicht war“, schreibt Sepinwall. „The Shield andererseits nahm eine traditionell positive Figur und machte sie zu jemandem, den man als Held, Monster oder etwas dazwischen sehen konnte.“ (Ü. d. Autorin)

Mittlerweile bewegen sich die Antihelden allerdings in Regionen, die nicht leichtfertig betreten werden sollten. Nach korrupten Cops, sympathischen Drogendealern, undurchsichtigen Kriegshelden, kaputten Werbeleuten und nicht zu vergessen all den Vampiren, Zombies und sonstigen Monstern, die in den letzten Jahren über unsere Bildschirme geirrt sind, haben nun die Serienmörder die Bühne betreten. Eine Idee, die auf den ersten Blick völlig abwegig, ja wahnwitzig erscheint und doch eine der erfolgreichsten TV-Serien unserer Zeit zur Folge hatte. Dexter (2006) katapultierte den Pay-TV-Sender Showtime in die ersten Ränge der neuen Seriengilde. Doch Dexter stellt dem Zuschauer einen pseudomoralischen Rahmen zur Verfügung, in dem er sich ungestraft auf das Szenario einlassen kann. Denn Dexter tötet nur böse Menschen. Um seinen unabänderlichen Drang zum Töten abzumildern, hat ihm sein Ziehvater, ein Cop, einen Kodex verpasst. Was bleibt, ist eine Art sympathischer Rächer, der in einem Dilemma gefangen ist. „Dexter mag ein Killer sein,“ schreibt Simon Brown, Filmwissenschaftler an der Kingston University, zum Thema Kultfernsehen, „aber sein Blutdurst ist nicht seine Schuld und er tötet nur die, die dem Gesetz entkommen sind. Was ihn eher zu einer Art Batman als zu einem Hannibal Lecter macht.“ (Ü. d. Autorin)

Der von Edgar Allan Poe inspirierte Serienkiller Joe Carroll (James Purefoy) war im Gefängnis nicht untätig und hat eine Art Sekte ins Leben gerufen, auf dessen Anhänger er eine enorme
James Purefoy als Joe Carroll in The Fowllowing (c) RTL

Hannibal Lecter ist genau das Stichwort, denn Dexter hat inzwischen Gesellschaft bekommen. In Gestalt des dem Zuschauer bereits bekannten Kannibalen in Hannibal (2013) und der Figur des Joe Carroll (James Purefoy) in The Following (2013). Bislang galt der Grundsatz „Du sollst nicht töten“ auch für Nichtgläubige als moralischer Imperativ, der unzweideutig war. Unabhängig von der Tatsache, dass Leichen in allen Medien geradezu überpräsent sind, und mal abgesehen von diversen gesellschaftlich sanktionierten Arten des Tötens wie im Krieg, zur Selbstverteidigung oder durch die Todesstrafe. Das sinnlose, einem pathologischen Trieb folgende Töten jedoch gehörte bisher zu den letzten eindeutig zu verurteilenden Taten – und Serienkiller zusammen mit Pädophilen und Vergewaltigern zu den letzten eindeutig negativen Figuren, denen man einen strahlenden Retter gegenüberstellen konnte. Die Ausnahme bildete allerdings schon immer Hannibal Lecter – in gewisser Weise der Prototyp des Serienkillers als Antihelden. Die Serie trägt allem Rechnung, was man bereits über ihn weiß, und spielt damit. Doch bei Hannibal wird nie ein Zweifel daran gelassen, wer er wirklich ist und was er tut. Die Serie zwingt den Zuschauer, in Abgründe zu blicken, von denen man sich vielleicht lieber ferngehalten hätte. Seine und die eigenen. Es sind weniger gesamtgesellschaftliche Fragen, wie andere Antihelden sie aufwerfen, die sich mit dieser Figur verbinden, sondern Fragen nach dem, wozu die menschliche Psyche fähig ist. Die Serie ist wie eine Katastrophe, von der man seine Augen nicht abwenden kann. Die Faszination eines Hannibal Lecter liegt in dessen Kultiviertheit, überdurchschnittlicher Intelligenz und schier grenzenloser Fähigkeit, andere zu manipulieren. Seine kontrollierte Präzision und grausame Eleganz stehen im krassen Gegensatz zu dem unkontrollierbaren Tötungsdrang eines Serienkillers. Mit Mads Mikkelsen ist die Figur zudem exzellent besetzt. Darüber hinaus ist die Serie so dermaßen gruselig, dass der Zuschauer wirklich nicht Gefahr läuft, plötzlich eine Toleranz für das Töten zu entwickeln.

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Mads Mikkelsen in Hannibal – ab dem 10. Oktober auf Sat.1 ©2013 NBCUniversal Media, LLC

Das ist bei The Following anders. Denn darin geht es, wie der Titel schon suggeriert, um einen ganzen Kult von Serienmördern. Sie hat so viele Serienkiller-Protagonisten, dass ein Großteil von ihnen nur als Statisten fungiert. Ihre Psyche und ihre Defekte, die sie zu dem machen, was sie sind, geraten kaum in den Fokus. The Following ist meines Erachtens sehr heikel, gerade, weil es nicht abgründig genug ist. Man blickt auf die abstruseste Wohngemeinschaft, die es je gegeben hat und fragt sich … nicht viel. The Following funktioniert zwar auf der Ebene einer Krimiserie. Der perfide Plan des Kultführers Carroll, dem das FBI zunächst nur hinterherhechelt, bietet genug Stoff für unerwartete Wendungen und Cliffhanger. Und der abgekämpfte Kevin Bacon als zutiefst verstörter Hauptermittler und Carrolls Gegenspieler liefert eine solide schauspielerische Leistung ab.

FBI-Agent Ryan Hardy (Kevin Bacon) wird von dem Entführertrio festgehalten und versucht nun, Zwietracht zwischen den Entführern Emma, Paul und Jacob zu säen.
Kevin Bacon als Ryan Hardy in The Following (c) RTL

Doch im Gegensatz zu anderen Antihelden, die den Zuschauer vieles anzweifeln lassen, manipuliert The Following sein Publikum nur darin, Sympathien für Serienmördern zu entwickeln, ohne dies wirklich zweideutig zu machen. Auch der pseudoliterarische Rahmen, den die Obsession Carrolls mit Edgar Allan Poe darstellt, bietet keine zusätzliche Komplexität. Im Gegenteil. Die Beschäftigung mit dem Werk Poes ist offenbar äußerst dilettantisch. Poe wird schlicht eine Glorifizierung des Todes unterstellt, die als Grundlage für allerlei Gräueltaten herhalten muss. Und leider reicht die schauspielerische Leistung von James Purefoy auch nicht an das im doppelten Sinne beängstigende Charisma von Mads Mikkelsen heran. Das unheimliche an Serienmördern ist, dass ihre Motivation sich jeder Logik entzieht. Sie ist allein in der Psyche des Einzelnen zu finden. Macht man daraus ein Massenphänomen, bei dem sich lauter Psychopathen zu einem Fanclub zusammenschließen und außer dem eigenen Wahn noch dem eines Anführers folgen, so banalisiert das das Töten auf gefährliche Weise. Was soll mir das sagen? Dass Serienmörder auch nur nach einem Sinn im Leben suchen? Der Serienmörder in The Following ist buchstäblich der nette Typ von nebenan. Es wird an vielen Stellen vergessen, dass das nicht wirklich der Fall ist. Während Hannibal ein Kammerspiel mit wenigen außergewöhnlichen Protagonisten ist, das den Zuschauer in seine Abgründe, die immer ein Ausnahmezustand sind, mitnimmt, macht The Following den Abgrund zur Normalität. Dieser verliert damit wortwörtlich an Tiefe.

Und es stellt sich wirklich die Frage, ob dem Fernsehen nicht langsam die Antihelden ausgehen. Denn wenn schon in derartigen Schluchten nach Figuren gefischt wird, deren einzige ausschlaggebende Eigenschaft es ist, immer weiter von dem entfernt zu sein, was wir als klassischen Helden ansehen, läuft man Gefahr, in eine Art Wettrüsten der Antihelden zu verfallen. Dabei könnten Kontroverse und Komplexität irgendwann auf der Strecke bleiben.

Seit dem 17. September 2013 ist die erste Staffel von The Following  nun auch im deutschen Free-TV zu sehen. Dienstags ab 22:15 Uhr zeigt RTL die fünfzehn Folgen der ersten Staffel. Zur ProgrammInfo der Serie The Following im Blog geht es hier.

Ab dem 10. Oktober 2013 zeigt Sat.1, donnerstags ab 22.15 Uhr, die erste Staffel von Hannibal.

Über Katja Dallmann

Katja Dallmann hat ein Übersetzer-Diplom und einen Bachelor in Publizistik- und Kommunikationswissenschaft abgeschlossen. Sie ist freie Übersetzerin und Autorin, hat als Online-Redakteurin gearbeitet und verschiedentlich in Print und Online publiziert. Katja ist leidenschaftlicher Serienfan und bloggt sonst unter Serielle Schnittstelle.

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