Zukunftshoffnung bedingt Vertrauen

Gemeinhin kommen Bücher auf zwei Wegen in die Hausbibliothek. Entweder geht man gezielt in einen Buchladen und kauft sie sich, oder sie sind Geschenke. Im ersteren Fall ist mit dem Bucherwerb ein bestimmter Zweck verbunden, was zur Folge hat, dass das entsprechende Werk auch unmittelbar gelesen wird. Im zweiten Fall erreicht das Buch zwar in guter Absicht, aber doch eher zufällig den Adressaten.

Solche Geschenke sammeln sich bei mir oft neben dem Bett und sie bleiben dort gern etwas länger liegen.
Als eines Morgens der aktuelle Stapel vom Bord fiel, stutzte ich bei der Titelfolge, die ich danach in der Hand hielt: Die Welt von Gestern, Schöne alte Welt und Das einfache Leben. Stefan Zweigs Die Welt von Gestern, wo der Autor „als Österreicher, als Jude, als Schriftsteller, als Humanist und Pazifist“ die „furchtbarste Niederlage der Vernunft und des wildesten Triumphs der Brutalität“ angesichts des Wütens des Nationalsozialismus reflektiert, habe ich nach einer alle Zuhörer tief bewegenden Lesung Inge Kellers im Schloss Neuhardenberg geschenkt bekommen. Tom Hodgkinsons Schöne alte WeltEin praktischer Leitfaden für das Leben auf dem Lande schickte mir eine Freundin nach einem Herbstfest in unserem Garten. Ernst Wiecherts Das einfache Leben aus dem Jahre 1939 war das letzte Geschenk eines Freundes, der kurz darauf den Kampf gegen den Krebs verloren hat. Ich war seinerzeit nicht wenig überrascht, als ein völlig im urbanen Leben verhafteter Mensch, der sich in den Archiven und Caféhäusern Amsterdams, Berlins, Wiens oder Stockholms immer am wohlsten gefühlt hatte, Wiecherts Antithese zur Moderne aus dem Regal holte und dabei immer wieder auf eines der zentralen Motive des Buches verwies: „Wir bringen unsere Jahre zu wie ein Geschwätz.“

Nun ist diese Büchersammlung statistisch gesehen sicher nicht repräsentativ. Dennoch habe ich den Eindruck, in den Titeln drückt sich ein recht weit verbreitetes Zeitgefühl aus. Hat der mit der Zeitschrift Landlust verbundene Lifestyletrend nicht auch etwas mit solcherlei Abgrenzungen zur Gegenwart zu tun? Worauf begründet sich der Erfolg von Filmen wie The Artist, Hugo Cabret oder aktuell auf der Berlinale Grand Budapest Hotel? Alles sind Reminiszenzen an eine als überschaubar empfundene analoge Vergangenheit, von der man hofft, vielleicht etwas über das Verfallsdatum hinaus sichern zu können. Angesichts der allgegenwärtigen Brüche und Ungewissheiten beim Übergang vom industriellen in das informelle Zeitalter sind solche Reaktionen nicht verwunderlich. Es wäre allerdings zu einfach, dies als rückwärtsgewandten Kulturpessimismus zu werten. Vielleicht drückt sich hier zuerst eine enttäuschte Zukunftshoffnung aus?

Die amerikanische Ökonomin Shoshana Zuboff  machte gerade auf den Umstand aufmerksam, dass die gewaltigen technologischen Veränderungen der letzten Jahrzehnte für den überwiegenden Teil der Menschen mit dem Gefühl eines stetigen Rückgangs an Lebensqualität verbunden waren. Nicht nur mit Blick auf die NSA-Debatte meint sie: „`Big Tech` hat seinen größten Wert entwertet – die Vorstellung, dass die Technologie und ihre Firmen im Grunde auf unserer Seite standen.“  Der Mensch möchte nicht in einen Haufen digitale Parameter zerlegt werden, um optimal verwertet werden zu können. Die Gesellschaft als Ganzes kann und möchte auch nicht so funktionieren wie der FC Bayern von dem Oliver Kahn in seinem Blog via Bild-Zeitung sagt: „In einem System, in dem nur der pure Erfolg zählt, werden die menschlichen Komfortzonen immer geringer.“ Um an die Zukunft zu glauben, brauchen wir gerade die Hoffnung auf verbesserte menschliche Komfortzonen und Vertrauen in die uns umgebenden Strukturen.

Über Klaus-Dieter Felsmann

Studium der Germanistik und Geschichte. Klaus-Dieter Felsmann ist freier Publizist, Medienberater und Moderator sowie Prüfer bei der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF).

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