Freiräume schaffen

Automatisierte Mediengewohnheiten sollten gelegentlich unterbrochen werden

Medienkonsum und -nutzung können zu unterschiedlichen Formen der Gewohnheitsbildung führen. Automatisch schauen wir bei jeder Gelegenheit in unserem Smartphone nach neuen E-Mails, forschen nach Spielen oder der aktuellsten App. Der Psychotherapeut Dr. Jan Glasenapp bemerkte, dass er ständig auf der Suche nach den neuesten Nachrichten war. Er beschloss, diese Routine zu unterbrechen und ein Jahr lang auf medial vermittelte News zu verzichten. tv diskurs sprach mit ihm über die Gründe für dieses Experiment und die Erfahrungen, die er währenddessen gemacht hat.

Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Interview, das gesamte Gespräch kann hier als PDF abgerufen werden oder auch als Podcast auf der FSF-Website gehört werden.

Dr. Jan Glasenapp © FSF
Dr. Jan Glasenapp © FSF

Sie haben im Rahmen eines Experiments ein Jahr lang auf jegliche Nachrichten verzichtet. Wie war Ihr Nachrichtenkonsum davor?

Der Grund, dieses Experiment der Nachrichtenaskese zu beginnen, war die Feststellung, dass mein Nachrichtenkonsum fast etwas Junkiemäßiges bekommen hatte. Nach dem Aufwachen habe ich morgens als Erstes die Nachrichten-App gecheckt. Tagsüber habe ich immer wieder geschaut, was in der Welt passiert ist, und schließlich war das Letzte, was ich vor dem Einschlafen gemacht habe, wieder um ein Blick auf die Nachrichten-App. Auf diese Weise entfremdete ich mich immer mehr von meiner persönlichen Welt und dem, was in diesem Augenblick in meinem Leben tatsächlich passierte.

Die durch Nachrichten vermittelte mediale Welt war wichtiger als Ihr reales Umfeld?

Na ja, sie drohte es zu werden. In der Regel konsumiert man Nachrichten, um sich zu bilden und zu informieren, um dadurch Informationsgrundlagen für Handlungsentscheidungen zu bekommen. Diese Funktion stand bei mir allerdings nicht mehr im Vordergrund. Es wurde vielmehr zu einer Art Ritual: Der Bildungsbürger konsumiert nun einmal Nachrichten. Genau dieses unreflektierte Anwenden des Rituals ist mir aufgefallen, und deshalb wollte ich einfach etwas Neues ausprobieren. Will man alte Traditionen stilllegen, ist es immer gut, erst einmal auf Pause zu drücken. So gewinnt man einen Freiraum, der es einem ermöglicht, neue Entscheidungen zu treffen und sich darüber bewusst zu werden, wo es hingehen soll.

Hatte Ihr Verhalten schon etwas Suchtartiges?

Aus psychologischer Sicht erfüllt jedes menschliche Verhalten eine bestimmte Funktion. Es lohnt sich, immer wieder zu reflektieren, was genau die Funktion einer bestimmten Verhaltensweise ist. Spannend ist diese Frage vor allem bei Verhaltensweisen, die automatisiert ablaufen: Wir reflektieren gar nicht mehr, dass sie überhaupt stattfinden. Mir fällt dazu die Anekdote von einem Patienten ein, der von Alkoholmissbrauch bedroht war. Er selbst sagte über sich, dass er kein Problem mit Alkohol habe und jederzeit damit aufhören könne. Aber warum solle er das tun, er habe ja schließlich keinen problematischen Alkoholkonsum. Das heißt, solange ich in dem entsprechenden Verhaltensmuster stecke, habe ich gar keine Chance, zu reflektieren, ob es in irgendeiner  Weise etwas Vermeidendes, Ablenkendes oder vielleicht sogar etwas Süchtiges hat. Um dahinterzukommen, muss man erst einmal innehalten und schauen, welche Funktion das Verhalten in dem eigenen Leben erfüllt. Und so wollte ich herausfinden, was mit mir passiert, wenn ich auf das Ritual „Nachrichtenschauen“ verzichte.

Dass Menschen „süchtig“ nach Nachrichten sind, ist eher ungewöhnlich. Was hat Sie daran besonders interessiert?

Wenn ich jetzt mit einem Jahr Abstand auf dieses Experiment zurückblicke, würde ich sagen, dass ich als aufgeklärter Bildungsbürger wie selbstverständlich mit einer selbst auferlegten  Verpflichtung groß geworden bin, mich über die Geschehnisse in der Welt zu informieren. Im Kern war dieser Anspruch in meinem Leben aber gar nicht mehr erfüllt, sondern Nachrichten bekamen eher eine ablenkende Funktion. In dem Moment, in dem ich mich mit den Ereignissen der weiten Welt – seien sie politischer, wirtschaftlicher oder auch lebenspraktischer Natur – auseinandergesetzt habe, musste ich mich nicht mehr ernsthaft mit dem beschäftigen, was in meinem eigenen Leben passiert. Wenn ich z. B. nach einem anstrengenden Tag in meiner Praxis, in der ich mit vielen Menschen über ihre Probleme sprach, nach Hause gekommen bin, habe ich den Nachrichtenkonsum als eine Art Ablenkung und Ersatz dafür empfunden, was ich in dieser Situation vielleicht viel eher hätte gebrauchen können: ein gutes Gespräch mit Freunden, einen Spaziergang in der Natur oder eine Art von Beschäftigung, die kreativer ist als reiner Konsum. Beispielsweise ein reales, gesellschaftspolitisches Engagement, das über den Konsum von Informationen hinausgeht.

Ihr Nachrichtenkonsum hatte also eine ähnliche Bedeutung in Ihrem Leben wie für manch andere Menschen das Schauen von Serien: Letztlich geht es um einen Unterhaltungseffekt.

Angesichts der realen Schicksale würde ich nicht sagen, dass ich es zu Unterhaltungszwecken gemacht habe. Aber der Konsum hatte einen ablenkenden Effekt! Insofern möchte ich noch einmal auf die Frage zurückkommen, was die Funktion des Ganzen ist: Natürlich hat Nachrichtenkonsum in der heutigen Zeit, in der wir mit Informationen überflutet werden, eine Funktion, die aus meiner Erfahrung über das rein aufklärerische Ideal hinausgeht. Letztlich kann diese Frage aber jeder nur für sich persönlich beantworten.

[…]

Lesen Sie das gesamte Interview – erschienen in tv diskurs  74: Aus dem Gleichgewicht. Wenn Mediennutzung stresst – hier oder hören Sie es sich als Podcast an. Weitere Podcasts finden Sie hier.

Über tv diskurs

Die Fachzeitschrift tv diskurs – Verantwortung in audiovisuellen Medien informiert wissenschaftlich, pointiert und verständlich über aktuelle Entwicklungen im Bereich des Jugendschutzes, der Medienforschung und der Medienpädagogik. Sie erscheint viermal im Jahr und bietet ein Forum für unterschiedliche Positionen. Es werden nicht nur aktuelle Entwicklungen im Medien- und Jugendschutzbereich aufgegriffen, sondern auch grundlegende, philosophische Fragestellungen diskutiert.

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