Insta-What?: Kidfluencer

Postings, Filter, Likes und Stories – ein bisschen Selbstinszenierung hier, viele kreative Ideen dort und das alles umrahmt von ganz vielen Hashtags. Herzlich Willkommen in der bunten Welt von Instagram: das digitale Fotoalbum, das weltweit zu den beliebtesten Social-Media-Diensten gehört. Doch wer und was zeigt sich eigentlich auf der Plattform, die allein in Deutschland 15 Millionen Nutzerinnen und Nutzer zählt? Welche Trends lassen die Likes- und Kommentarfunktionen heiß laufen, welche Themen werden wie ausgehandelt? Und was macht Instagram mit uns? In unserer neuen Blogreihe Insta-What? wollen wir den vielfältigen und facettenreichen „Insta-Kosmos“ ein wenig genauer unter die Lupe nehmen.

Der vierte Text in unserer Beitragsreihe – geschrieben von Lena Wandner – dreht sich um Kidfluencer.

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Kidfluencer: Vom Töpfchen in den Insta-Feed

 

Sophia ist fast drei Jahre alt. Sie mag die Natur und Eis. Sophia hat große helle Augen und trägt ihre Haare in zwei frechen Zöpfen, was Sophias Mama sehr süß findet – Sophias Mama und fast neuntausend andere Menschen, die Sophias Alltag regelmäßig auf Instagram verfolgen können. Sophia ist eines von vielen Insta-Kids. Kinder, deren Fotos von ihren Eltern auf Instagram hochgeladen werden oder die selbst schon im jungen Alter eigene Accounts auf der Plattform haben. Ihre Bilder finden sich unter Hashtags wie #baby oder #kleinkind und zeigen sie beim Spielen, beim Kuscheln mit den Eltern oder beim Schlafen – kurzum: ihre privaten und intimen Momente werden mit einer breiten Masse geteilt. Doch warum geht der Trend dahin, das Aufwachsen der eigenen Kinder für jeden transparent zu machen?

 

Insta-Mamas, Influencer-Eltern und Normalos

Zum einen wären da die sogenannten „Insta-Mamas“. Junge Mütter, die auf Instagram ihren Mamaalltag dokumentieren, Tipps und Ratschläge rund um das Thema Kindererziehung geben und dabei im regen Austausch mit anderen Müttern stehen. Gepostet werden Alltagsbilder und dabei eben auch viele Aufnahmen der eigenen Kinder.

Aber auch bekannte und beliebte Influencer zeigen ihre Sprösslinge auf Instagram. So wie beispielsweise Sarah Harrison. Die erfolgreiche Beauty- und Lifestyle-Influencerin teilt auf Instagram täglich makellose Aufnahmen aus ihrem Leben, ihrer Arbeit und auch ihrer Familie. Auf Instagram hat sie liebevoll ihre Schwangerschaft dokumentiert und seitdem ihre kleine Tochter Mia auf der Welt ist, spielt auch diese in ihrem Account eine wichtige Rolle. Kinder wie Mia werden quasi in den Instagram-Account ihrer erfolgreichen Eltern hineingeboren. Da diese sowieso schon vieles teilen und öffentlich machen, ist es scheinbar ganz selbstverständlich, dass auch Schnappschüsse ihrer Jüngsten einen festen Platz im eigenen Insta-Profil einnehmen. Wobei die professionellen Bilder nicht vermuten lassen, dass es sich dabei immer um Schnappschüsse handelt – denn sind wir mal ehrlich: Kinder zu fotografieren, kann ganz schön schwierig werden und immer ein strahlendes Lächeln einzufangen, gepaart mit einem süßen Outfit, das keine Essens- oder Spielflecken aufweist, ist nicht die Regel, sondern oftmals die Ausnahme.

Und natürlich gibt es noch einen Großteil an Eltern, die weder explizit als Insta-Mamas oder Papas noch als bekannte Influencer gelten. Quasi „Normalos“, die unauffällige eigene Accounts haben und  es einfach schön finden, ab und zu süße Aufnahmen ihres Nachwuchses zu teilen, schließlich machen das ja viele so, Instagram ist ja nun mal auch eine der beliebtesten und meistgenutzten Plattformen in Deutschland.

Bild von predvopredvo auf Pixabay
Bild von predvopredvo auf Pixabay

Was hat das noch mit Kindsein zu tun?

Doch Kinder spielen auf Instagram nicht nur eine Nebenrolle im Account ihrer Eltern – nein, sie werden auch selbst zu kleinen Darstellern, Minimodels, Trendsettern, zu Influencern. So wie die kleine Lina, die vier Jahre alt ist und der auf Instagram 33.000 Menschen folgen. Zwar ist Lina nicht Inhaberin des Accounts, der von ihrer Mutter gemanagt wird, dennoch sind sie und ihr kleiner Bruder Yassin, der gerade mal ein Jahr alt ist, auf jedem Bild abgelichtet. Linas Mama beschreibt ihre kleine Tochter als Minifashionista und genau so wird sie auch präsentiert. Lina trägt auf jedem Bild ein perfekt aufeinander abgestimmtes Outfit, kleine Handtaschen und große Sonnenbrillen dürfen nicht fehlen. Statt Tierpulli trägt die Vierjährige Lederjacke, Mini-Trenchcoat und Bleistiftrock. Doch noch viel realitätsferner als die Kleidung sind die Posen, die Lina auf ihren Bildern einnimmt. So geht ihr Blick oftmals zur Seite, die Hände sind lässig in den Taschen und den Schmollmund hat sie perfektioniert. Was hat das noch mit Kindsein zu tun?

 

Kinder als Werbeträger für Spielzeug und Co.

Lina ist ein anschauliches, wenn auch extremes Beispiel für Eltern, die ihre Kinder auf Instagram als Kidfluencer inszenieren. Die Kleinen dominieren dabei den jeweiligen Account, indem fast ausschließlich Bilder von ihnen gepostet werden und Zuschauende einen guten Einblick in den Alltag, die Familienkonstellation oder die Präferenzen der kleinen Darsteller bekommen. Die Bildunterschriften werden zwar von den Eltern geschrieben, sollen aber oftmals die Perspektive ihrer Kinder widerspiegeln. Nicht selten agieren Kidfluencer als Werbeträger. In ihren Accounts findet sich entsprechend Werbung für Spielzeug, Kinderzimmereinrichtung oder Kleidung. Nicht alle Kinder werden so präsentiert wie Lina, viele Accounts zeigen Kinder in einem für sie eher typischen Kontext. Dennoch geht der Trend in mehreren Accounts dahin, die Kleinen als zentrale Markenbotschafter einzusetzen, einfach weil sie süß und authentisch sind.

Photo by The Honest Company on Unsplash
Photo by The Honest Company on Unsplash

Was wird ihr Kind darüber denken, wenn es älter ist?

Babys und Kleinkinder werden oftmals für die Werbung von Windeln eingesetzt, dabei werden die Kleinen beim Wickeln abgelichtet und in der Bildunterschrift finden sich teilweise detaillierte Beschreibungen über Hautverträglichkeiten und Co. Insta-Mamas rechtfertigen diese Transparenz dahingehend, dass sie ihre Erfahrungen mit anderen Müttern teilen wollen – alles schön und gut, aber was wird ihr Kind darüber denken, wenn es älter ist und mitbekommt, dass vielleicht tausende fremde Menschen private Wickelbilder anklicken konnten? Wie werden all die anderen Kinder darauf reagieren, dass sie vielleicht nur mal ab und zu, aber dafür in sehr intimen Momenten beim Stillen, Weinen, Schlafen etc. auf dem Account ihrer Eltern abgelichtet wurden? Dass das eigentlich so private Kinderzimmer öffentlich präsentiert wurde, eventuell sogar mit Rabattcode für bestimmte Möbel, sodass jeder das ach so individuelle Kinderparadies für sein Kind nachkaufen kann?

Genau hier besteht Diskussionsbedarf, denn viele Babys und junge Kinder bekommen eine öffentliche Präsenz, ohne dass sie dabei ein Mitspracherecht haben. Ihr persönliches Recht auf Privat- und Intimsphäre wird einfach übergangen und das von den theoretisch wichtigsten und vertrauenswürdigsten Menschen in ihrem Leben: ihren Eltern. Und wofür das Ganze? Aufmerksamkeit, Klicks und wenn es gut läuft ein paar Werbekooperationen.

 

Langfristige Konsequenzen bleiben nicht aus

Fakt ist: sind die Instagram-Accounts öffentlich, was bei einer Großzahl der Fall ist, kann jeder auf die so süßen und niedlichen Bilder zugreifen. Auch wenn die Aufnahmen irgendwann gelöscht werden, so kann jede(r) Fremde einen Screenshot machen und die Bilder an anderer Stelle speichern oder veröffentlichen. Was hat das für Konsequenzen? Zum einen können die Bilder von Menschen mit pädophilen Neigungen missbraucht werden, zum anderen besteht das Risiko, dass die kleinen unfreiwilligen Insta-Stars auch später mit den privaten Aufnahmen konfrontiert, eventuell sogar aufgezogen oder gemobbt werden.

Kinder wie Lina werden von klein auf in eine bestimmte Rolle gesteckt, ohne dass sie diese für sich selbst ausgewählt haben. Einerseits ist dies problematisch für die individuelle Persönlichkeits- und Identitätsentwicklung, zum anderen können sie mit Rollen wie der kleinen „Fashionnista“ auch viele Jahre später konfrontiert werden, auch wenn sie sich als solche gar nicht definieren wollen. Zudem ist zu vermuten, dass Kinder, die von Geburt an damit aufwachsen, dass alles öffentlich, alles geteilt wird, nur schwer einen sensiblen Umgang mit persönlichen Daten erlernen. Sie entwickeln nur schwer ein Gefühl dafür, was öffentlich und was lieber privat bleiben sollte. Doch haben diese Eltern, die ihre Kinder zur Schau stellen, wirklich so wenig Feingefühl und Medienkompetenz, dass sie diese kritischen Fakten ausblenden?

 

Auseinandergehendes Verständnis über Privatsphäre

Laut einer Studie des deutschen Kinderhilfswerks aus dem Jahr 2018 wird erkenntlich, dass die Eltern nur grobe Kenntnisse über die Datensammlung in sozialen Netzwerkdiensten haben. Was von Anbieterseite mit den persönlichen Daten geschieht und wie diese weiterverwendet werden, ist Eltern teilweise nicht bewusst. Zudem kommt die Studie zum dem Ergebnis, dass Eltern und Kinder ein auseinandergehendes Verständnis von Privatsphäre haben. Die befragten Kinder gaben an, dass sie deutlich weniger Bilder von sich preisgeben würden, als es ihre Eltern in sozialen Netzwerken tun.

 

#deinkindauchnicht – das Ziel: sensibilisieren und aufklären

Eine bemerkenswerte Aktion, die Eltern in gewisser Weise wachrütteln möchte, ist das Projekt #deinkindauchnicht von der Bloggerin Toya Diebel. Auf der Webseite des besagten Projekts werden Bilder gezeigt, die junge Erwachsene mit breiverschmiertem, weinendem Gesicht, schüchtern auf dem Töpfchen sitzend, trinkend an der Brust oder umringt von Werbepaketen zeigen. Die Message: „So ein Bild von dir würdest du nie posten? Dein Kind auch nicht.“ Direkt und ungeschönt weist die Initiatorin darauf hin, dass von Elternseite oftmals viel zu leichtsinnig, fast schon fahrlässig, mit sensiblen Daten ihrer Kinder umgegangen wird. Ihr Appell an Insta-Mamas und Co.: mehr Bewusstsein und Sensibilität für das Posten privater Kinderfotos.

An dieser Stelle ist insbesondere medienpädagogischer Handlungsbedarf gefragt, denn auch in Zukunft werden soziale Netzwerkdienste mit hoher Wahrscheinlichkeit unser Leben prägen und einen festen Bestandteil im Alltag von vielen Familien einnehmen. Wichtig ist es, Eltern mit Projekten wie #deinkindauchnicht oder dem Kinderrechtepaket des Deutschen Kinderhilfswerks für das Posten privater Bilder ihrer Kinder zu sensibilisieren und aufzuklären. Eltern sollten sich somit bewusst machen, dass sie zwar die Vormundschaft für ihre jungen Kinder haben, jedoch kein Recht besitzen, ihre Privatsphäre zu übergehen. Schließlich sind Kinder wie Emma und Lina kein Eigentum, was für Aufmerksamkeit, Klicks und Werbung eingesetzt werden kann.

 

Quellen und Links:

 

*** Lesetipps der Redaktion:
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Über Lena Wandner

Lena Wandner studierte Kommunikationswissenschaft und Romanistik an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, bevor sie ihren Master in Kinder- und Jugendmedien an der Universität Erfurt begann. Ihr Interesse gilt insbesondere der Medienwirkungsforschung und dem Jugendmedienschutz, weswegen sie sich auch für ein Praktikum bei der FSF entschied.

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