Insta-What?: Sinnfluencer

Postings, Filter, Likes und Stories – ein bisschen Selbstinszenierung hier, viele kreative Ideen dort und das alles umrahmt von ganz vielen Hashtags. Herzlich Willkommen in der bunten Welt von Instagram: das digitale Fotoalbum, das weltweit zu den beliebtesten Social-Media-Diensten gehört. Doch wer und was zeigt sich eigentlich auf der Plattform, die allein in Deutschland 15 Millionen Nutzerinnen und Nutzer zählt? Welche Trends lassen die Likes- und Kommentarfunktionen heiß laufen, welche Themen werden wie ausgehandelt? Und was macht Instagram mit uns? In unserer neuen Blogreihe Insta-What? wollen wir den vielfältigen und facettenreichen „Insta-Kosmos“ ein wenig genauer unter die Lupe nehmen.

Der erste Text in der neuen Beitragsreihe handelte über Selbstinszenierung und Selbstoptimierung auf Instagram, heute stellt uns Eva Lütticke die Anliegen der Sinnfluencer vor.

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Sinnfluencer – „macht“ das Sinn?

Der Beruf des Influencers ist in unserer Gesellschaft seit jeher in Bredouille. Mehr Schein als Sein. Kinder werden hinters Licht geführt. Schleichwerbung. Ja, sogar das Selbstwertgefühl der Followerschaft soll durch die perfekt inszenierten Influencer sinken. Es gibt einige Studienergebnisse zu diesem Thema, unter anderem die der MaLisa Stiftung, welche die zuvor genannten Aspekte teilweise bestätigen. Und trotzdem lohnt sich ein zweiter Blick, denn Influencer sind nicht per se der Schrecken aller Eltern.

 

Das Aufkommen der Sinnfluencer

Für viele junge Nutzerinnen und Nutzer ist Instagram nicht nur Selbstdarstellung, Unterhaltung und Kommunikation, sondern auch eine Plattform, um sich zu informieren. Das gilt besonders für den Themenbereich des Umweltschutzes. Es ist nur verständlich, dass ein Medium wie Instagram von der jungen Protestgeneration Z anders genutzt wird, als es noch vor ein paar Jahren der Fall war.

Denn analog und digital sind nicht zwei Welten, sondern eine Realität, die eng miteinander verwoben ist.

Anders gesagt: wer freitags auf der Straße demonstriert, die- oder derjenige setzt sich auch online mit dem Thema auseinander. Hier kommen die Sinnfluencer ins Spiel. Sie dienen als Gatekeeper und Meinungsführer in dem großen Informationsdschungel des Internets. Sie klären auf über Zero Waste, das Leben ohne Müll, über faire Mode, bewussten Konsum und alles, was zu einem achtsameren und umweltschonenderen Leben führt. Es ist also nicht verwunderlich, dass unter dem Hashtag #sustainable 5,7 Millionen Beiträge auf Instagram gepostet wurden. Dabei ist  es nicht nur die Generation Z, die diese grüne Welle vorantreibt. Auch die Millennials gehören zu den Meinungsmachern und folgen damit dem neuen Ökotrend.

Collage: Janina Pickel © FSF
Collage: Janina Pickel © FSF

Welche Kriterien müssen Sinnfluencer erfüllen?

Nicht nur Unternehmen, auch Influencer betreiben Greenwashing. Es kommt eben bei der Followerschaft gut an, wenn nachhaltige Produkte im Insta-Feed platziert werden. Um Sinnfluencer zu sein, reicht es allerdings nicht aus, ab und zu mal auf nachhaltige Produkte oder Themen zu verweisen. Vielmehr müssen diese Personen einen Spagat zwischen Aktivismus, Kapitalismus und Nachhaltigkeit schaffen. So beschreibt eine der bekanntesten Sinnfluencer im deutschsprachigen Raum Madeleine Daria Alizedeh, alias Dariadaria, ihren Instagram-Account als „avtivism with optimism“. Die Österreicherin setzt sich für faire Mode, Umweltschutz, Feminismus und generell für einen achtsamen Lebensstil ein. Sie ist Parteimitglied bei den Grünen und berichtet derzeit in ihrer Community (254.000 Follower) von „sober curious“, einem Leben ohne Alkohol. All das können ihre Fans auch in Buchform lesen, denn Alizedeh hat vor Kurzem ihr erstes Buch mit dem Titel Starkes weiches Herz veröffentlicht, das Platz drei der Spiegel-Bestsellerliste besetzt.

Aktivismus, Kapitalismus und Nachhaltigkeit – für die junge Generation schließt das eine das andere nicht aus.

Es geht Hand in Hand. Doch welche Kriterien sind es, die Sinnfluencer auszeichnen?
Ein Wort, welches durch etliche Diskussionen und Marketingstrategien total ausgelutscht ist und trotzdem nicht an Wert verliert, heißt: Authentizität. Authentizität ist der heilige Gral der Instagram-Anhängerinnen und -Anhänger. Und auch Sinnfluencer müssen sich authentisch darstellen, um erfolgreich zu sein. Wer einen Pulli mit der Aufschrift „save the earth“ trägt und ein Bild von sich vom Flughafen postet – Inlandsflug versteht sich –, den trifft mit Sicherheit ein ausgiebiger Shitstorm. Flugscham ist das eine, aber so zu tun, als ob einem die Umwelt am Herzen liegt und gleichzeitig genau das Gegenteil zu tun, das stößt negativ in der Community auf.

Und hier unterscheiden sich die Influencer mit grünem Anstrich und die Sinnfluencer. Denn Letztere setzen sich mit Leidenschaft für gesellschaftlich relevante Themen ein und zeigen ihrer Community eine Alternative zur neokapitalistischen Konsumgesellschaft, die darauf aufbaut, dass jeder erstmal an sich denkt. Scheinheiligkeit hat hier keinen Platz. Transparenz über das eigene Schaffen ist ausschlaggebend für die Authentizität der Sinnfluencer.

 

It’s a Match! Sinnfluencer und Unternehmen

Die Beschriftung Werbung oder Anzeige leitet auch so manchen Post von Sinnfluencern ein. Kann eine bezahlte Kooperation zu den Werten der Community und der Sinnfluencer passen? Ja. Was für viele nur schwer nachvollziehbar ist, hat die Instagram-Gemeinschaft schon lange akzeptiert. Wenn das nachhaltige Produkt in die Welt der Sinnfluencers passt, dann wird auch ein bezahlter Post positiv (authentisch) aufgenommen. Hier gibt es mehrere Faktoren.

Nicht jeder Post sollte Werbung sein.

Es ist allen bewusst, das Sinnfluencer durch Kooperationen ihr Geld verdienen, doch in erster Linie sind sie Content-Creators, das heißt sie versorgen ihre Community mit aktuellen Fakten und Geschichten rund um ihr Thema und schaffen einen Raum zur Kommunikation, zum Austausch, für die Followerschaft. Wäre jeder Beitrag eine bezahlte Kooperation, würde die Glaubwürdigkeit bröckeln. Selbst wenn jedes Produkt in die Lebenswelt des Sinnfluencers passt. Bewusster Konsum kann nicht durch tägliche Produktplatzierungen suggeriert werden.

Ein weiterer Faktor sind die Unternehmen. Ihr Produkt muss den Standards des nachhaltigen Lebensstiles der Sinnfluencer entsprechen. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass viele Sinnfluencer Kooperationsanfragen von Unternehmen ablehnen und nur sehr gezielt Zusammenarbeiten eingehen. Und es geht auch in die andere Richtung: Bei Produkten, die durch rassistische und sexistische Werbung auffallen, kann es auch passieren, dass Sinnfluencer zum Boykott dieser aufrufen. So geschehen beim Safthersteller true fruits, der sich aktuell mit einer Petition konfrontiert sieht, die 57.410 Menschen unterschrieben haben (Stand 25.09.19). Sie fordern alle Handelspartner des Saftherstellers auf, diesen aus dem Sortiment zu nehmen. Alternativ müsse eine klare, ernst gemeinte Entschuldigung von true fruits an die marginalisierten und betroffenen Menschengruppen erfolgen.

Der moralische Kompass, er schlägt aus.

 

Ein Ausblick

Noch sind Sinnfluencer in den Nischen zu Hause und können bei weitem nicht mit den Millionen von Followern mithalten, welche konventionelle Accounts auf Instagram aufweisen. Aber das müssen sie auch nicht. Die Jugend zelebriert mehr „Realness“ und verabschiedet sich von perfekt inszenierten Hochglanzfotos. Nicht ohne Grund gewinnen Micro-Influencer immer mehr an Bedeutung im Influencer Marketing. Sie sind näher an ihrer Zielgruppe dran und authentischer als die großen Accounts. Aber es gibt sie auch, die großen Sinnfluencer, die ein Millionenpublikum vereinen. Allen voran Greta Thunberg. Die junge schwedische Aktivistin nutzt Instagram als Medium, um auf die Klimakrise aufmerksam zu machen, zu informieren und eine Protestbewegung zu formen. Mehr Sinnhaftigkeit geht nicht, oder?

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Was halten Sie von Sinnfluencern? Handelt es sich Ihrer Meinung nach um einen momentanen Trend oder schließen Sie eine Langlebigkeit und vermehrte Präsenz dieses Medienphänomens nicht aus? 

 

Quellen und Weiterlesen, u.a.:

 

*** Lesetipps der Redaktion:
Lust auf weitere Texte zu den Themen InstagramSelbstoptimierungswahn, Christfluencern und Co. bekommen? #LikeMich! und Insta-What?

Über Eva Lütticke

Eva studiert Medienwissenschaften an der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF. Nebenbei arbeitet sie als freie Redakteurin und unterstützt das FSF-Team als Werksstudentin.

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