Schere im Kopf. Wenn Informationen Vorurteile bestätigen

Hinterher ist man immer schlauer. Als herauskam, dass in der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof eine bisher nicht genau bekannte Anzahl von Frauen sexuell belästigt und bestohlen worden war, hatte die Pressestelle der Polizei zunächst über die Herkunft der Täter keine Angaben gemacht. Inzwischen spricht vieles dafür, dass es für diese Zurückhaltung eine entsprechende Anweisung gab: Die Polizei wollte offensichtlich vermeiden, dass rassistisch motivierte Vorurteile gegenüber (geflüchteten) Menschen nordafrikanischer oder arabischer Herkunft unkalkulierbar verstärkt werden.

Ohnehin hat die Positionierung zur Flüchtlingsfrage in unserer Gesellschaft tiefe Gräben gerissen. Dass es in einer Demokratie unterschiedliche Positionen gibt und dass man über die Frage, wie unser Land die immensen Flüchtlingsströme verkraften kann, kontrovers diskutieren muss, gehört zum politischen Alltag. Neu in der Debatte ist die offene Feindseligkeit, die sich in den Diskussionen immer wieder zeigt. Die Befürworter einer unbegrenzten Aufnahme von Flüchtlingen unterstellen den Gegnern mangelnde Empathie für deren Situation, diese wiederum werfen der Gegenseite eine für die Gesellschaft fatale Blauäugigkeit vor. Die Existenz von Pegida und AfD trägt auch nicht gerade zur Versachlichung des Diskurses bei. Die Stimmung, so viel ist klar, ist extrem gereizt.

Dass die Polizei mit der Bekanntgabe der Herkunft der Täter diese Situation nicht noch weiter anheizen wollte, ist nachvollziehbar. Auch in unserer Redaktion wurde darüber nachgedacht, ob es bei Berichten über kriminelle Akte dazugehört, die Nationalität des Täters zu nennen. Nun zeigt sich jedoch deutlich: Der Versuch, Informationen gezielt zurückzuhalten, ist nicht nur gescheitert, sondern hat genau den gegenteiligen Effekt erzielt. Es ist nun einmal Aufgabe einer transparenten Öffentlichkeitsarbeit und eines an der Wahrheit orientierten Journalismus, die relevanten Fakten zu nennen, soweit sie zutreffend und bekannt sind. Die Entscheidung, ob Nationalität und Hautfarbe der Täter relevant sind, sollte weder die Presseabteilung der Polizei noch ein Journalist treffen. Genauso könnte man darüber nachdenken, bei jugendlichen Tätern auf die Nennung des Alters zu verzichten, um ein negatives Image der heranwachsenden Generation zu verhindern. Wichtig erscheint vielmehr, auf der Grundlage der bekannten Fakten die richtigen Fragen zu stellen und Schlüsse zu ziehen, um letztlich im politischen und gesellschaftlichen Diskurs zu konstruktiven Lösungen zu kommen.

Insgesamt sollten wir vermeiden, aufgrund vermeintlich moralisch richtiger Entscheidungen in der Berichterstattung Informationen zurückzuhalten oder zu selektieren. Gleichzeitig scheint es in dieser schwierigen Situation wichtiger denn je, dass sich die unterschiedlichen Seiten dem in solchen Diskursen notwendigen Respekt nicht verweigern.

Prof. Joachim von Gottberg (Geschäftsführer FSF) © FSF
Prof. Joachim von Gottberg (Geschäftsführer FSF) © FSF

Das hier veröffentlichte Editorial ist in der aktuellen Ausgabe der tv diskurs 75Heft 1/2016 – Im Globalen Dorf. Wie Medien unser Leben neu organisieren erschienen und als Podcast auf unserer Website abrufbar.

Über Joachim von Gottberg

Prof. Joachim von Gottberg ist Geschäftsführer der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF). Nach seinem Studium der Germanistik und Theologie (Lehramt) baute er in Hannover die Landesstelle Jugendschutz Niedersachsen auf und beschäftigte sich neben Suchtprävention und Jugendkriminalität mit der Wirkung von Medien. Ab 1985 war er als Ländervertreter bei der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) tätig, bis er 1994 die Geschäftsführung der FSF übernahm. Er ist Chefredakteur der Fachzeitschrift tv diskurs. Seit 2006 ist Joachim von Gottberg Honorarprofessor für das Fach Medienethik/ Medienpädagogik an der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF in Potsdam-Babelsberg.

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