Digitalisierungsbericht Video 2018

Zwischen „Experimentierfreude“ und klassischem Fernsehen – Wo stehen wir gerade?

Unter gläsernem Dach der Bayrischen Vertretung in Berlin luden am 4. September 2018 die medienanstalten anlässlich der Präsentation des diesjährigen Digitalisierungsberichts Video 2018 #Digibericht18 ein, Fragen zur Entlinearisierung des Bewegtbildkonsums zu diskutieren. Wie der Titel verrät, geht es in dem Digitalisierungsbericht um die Analyse der Videonutzung in Deutschland und die Frage, welche Rolle das klassische Fernsehen noch in den deutschen Wohnzimmern spielt.

Cornelia Holsten, die Vorsitzende der Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten (DLM) und der Kommission für Zulassung und Aufsicht (ZAK) und Direktorin der Bremischen Landesmedienanstalt (brema), sprach in ihrer Eröffnungsrede von einer rapiden Veränderung des Fernsehmarktes und der wachsenden Konkurrenz durch die amerikanischen Plattformen Amazon, Netflix und Facebook. Zu einigen Beispielen, die sich bisher jeglicher Regulierung entziehen, zählt sie u.a. Facebookwatch und Twitch auf. Durch die immer schnelleren und dynamischeren Veränderungen der Bewegtbildnutzung sieht Holsten die „Lagerfeuerabende“ mit der Familie gefährdet und ermutigt die Medien- und Programmmacher zu größerer „Experimentierfreude“, um mit dieser rasanten Entwicklung mithalten zu können. Was bisher jedoch fehlt, sei eine moderne und vor allem einheitliche Regulierung dieser Onlineangebote. Die Aufgabe der Landesmedienanstalten sei es u.a. für Fairness im Wettbewerb, Transparenz, Nutzer- und Jugendschutz zu sorgen. Dafür fordert Holsten eindringlich eine Nachbesserung des Medienstaatsvertrags inklusive einer Intermediärsregulierungspflicht und sie beendet ihr Appell mit: „Traut euch, seid mutig bei der Modernisierung des Medienrechts.“

Im Anschluss stellte Alexander von Woikowsky (Chief Content Officer, 7TV) das neue 7TV Joint Venture vor, in dem lineare, catch-up- und on-demand-Inhalte kombiniert werden. Es gilt die Aufgabe zu meistern, den Nutzern für jedes Format das passende Angebot in der bevorzugten Bildschirmgröße und Cliplänge zu liefern, um sich am Markt halten zu können. Denn der Trend geht weg vom linearen Fernsehen zu Over-the-Top-Content – kurz OTT genannt, der die Übermittlung von Video- und Audioinhalten über Internetzugänge meint, ohne dass ein Internet-Service-Provider in die Kontrolle oder Verbreitung der Inhalte involviert ist. Um sich von anderen Plattformen im OTT-Markt abzuheben, gehe es 7TV Joint Venture – einem Zusammenschluss von ProSiebenSat.1, Discovery sowie Maxdome und Eurosport Player – noch stärker darum, eigenen und auch lokalen Content zu veröffentlichen und ein ähnliches „Lean-back“-Phänomen zu schaffen, wie es das Fernsehprogramm ermöglicht. Der Vorteil für den Nutzer besteht in der Präsentation des personifizierten Videoangebots – jederzeit, überall und auf allen Endgeräten konsumieren zu können.

 

Klick auf das Cover führt zur Seite der medienanstalten und dem Download der Studie
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Die Zahlen des Digitalisierungsberichts Video 2018 wurden von Regina Deck (Director Media Research, Kantar TNS) vorgestellt. Wer dachte, das lineare Fernsehen gäbe es fast gar nicht mehr, hat sich geirrt. Noch immer schauen 65% der Befragten klassisches Fernsehen. Das ist zwar ein Verlust von vier Prozentpunkten im Vergleich zum Vorjahr, zeigt aber dennoch, dass das Fernsehen noch weit entfernt ist, „vom Aussterben bedroht“ zu sein. Gleichzeitig steigt jedoch die Prozentzahl im Bereich Video-on-Demand (VoD) auf 23% und wird vor allem bei den 14- bis 29-Jährigen immer beliebter. Diese schauen zum Großteil nur noch über VoD fern (56%). Die Gruppe der ab 50-Jährigen bleibt dem klassischen Fernsehen weiterhin treu (85%). Und ja, es gibt sie noch, die alten Röhrenfernseher – jedoch in nur noch 4 Prozent der deutschen Haushalte. Alle anderen besitzen mittlerweile einen Flatscreen, Smart TV oder andere Peripheriegeräte – beide letzteren zählen zu der Rubrik „Connected TV“ und sind zweifach oder noch mehr in nahezu jedem zehnten Haushalt vertreten.
Zum ersten Mal wurden bei der Erhebung auch zukunftsorientierte Fragen formuliert. Unter dem Motto „Zukunftsszenario OTT ONLY?“ fand man heraus, dass sich circa jeder zehnte Haushalt von regelmäßigen OTT-Nutzern ein Fernsehleben ohne Broadcast vorstellen kann. Mehr Infos dazu und viele weitere Zahlen gibt es hier im Digitalisierungsbericht Video 2018 (PDF).

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass das lineare Fernsehen immer noch bestehen bleibt, jedoch der Erfolg der Streamingdienste vor allem zu Lasten der Mediatheken und der klassischen Pay-TV-Angebote geht.

 

Unter dem Titel Watching Television vs. Watching Programs – Chancen und Herausforderungen konvergenter Bewegtbildnutzung wurde anschließend auf dem Podium diskutiert – mit den Gästen: Wiebke Schodder (Senderchefin, Sixx), Frank Beckmann (Programmdirektor Fernsehen, NDR), Wolfgang Elsäßer (Senior Vice President Business Unit TV & Entertainment, Telekom Deutschland GmbH) und Florian Hager (Programmgeschäftsführer, funk). Gefragt wurde, wie die Sender mit diesen neuen Entwicklungen umgehen und welche Erfahrungen sie selbst in Bezug auf die Nutzung gemacht haben.
Senderchefin Wiebke Schodder erläuterte, dass sie ihre weibliche Zielgruppe der 14- bis 39-Jährigen einmal auf klassischem Wege und zum anderen über VoD erreichen will. Dabei ergibt sich eine dreifache Kombination aus Preview im Internet, festen Sendezeiten im Fernsehprogramm und für den Binge-Watcher alles zusammenhängend abrufbar in der Mediathek. Das funktioniere je nach Angebot ziemlich gut, so Schodder.
Auch Frank Beckmann sieht sehr positiv in die Zukunft. Digitalisierung sei eine Chance und die amerikanische Konkurrenz eine Herausforderung, die zu neuen, kreativeren und besseren Angeboten in der deutschen Fernsehlandschaft führen kann. Der linearen Sehgewohnheit spricht Beckmann immer noch eine große Kraft zu. Da hätte das Wetter einen größeren negativen Nutzungseffekt auf das lineare Fernsehen als die Streamingangebote der Konkurrenz. Denn selbst auf Social-Media-Plattformen werde auf Sendezeiten geachtet und umso größer die Angebotsvielfalt sei, umso mehr sehnen die Nutzer sich wieder nach einem vorgegeben Programm.
Wolfgang Elsäßer ist ähnlich positiv gestimmt und mit dem Erfolg der Telekom sichtlich zufrieden. Natürlich gehen die Erfolgsambitionen noch höher und dafür richten sich die Verantwortlichen der Telekom nach den Bedürfnissen der Nutzer. Wenn der Trend weg vom linearen Fernsehen hin zu OTT geht, dann entwickelt sich natürlich auch das Angebot der Telekom dahingehend. Gleichzeitig betont Elsäßer, dass EntertainTV mit den großen Anbietern wie Netflix und Amazon gar nicht unmittelbar konkurrieren will. Ziel ist es, einen bunten Mix zu schaffen aus Serien, Musik, Sport usw. und durch deutsche Serien mit deutschen Schauspielern herauszustechen, ähnlich wie 7TV.
Florian Hager von funk steht noch vor ganz anderen Herausforderungen. Zum einen haben sie durch ihre Zielgruppe 14- bis 29-Jährige eine riesige Interessenvielfalt und auch starke Interessenunterschiede, die abgedeckt werden müssen und zum anderen ist bei ihnen das Zielgerät nicht mehr der TV, sondern das Smartphone. Doch durch ihre finanziell unabhängige Stellung (Fokus nicht auf Höhe der Nutzerzahlen) können sie – wie von Holsten eingangs gefordert – experimentierfreudig sein und genau das gefällt ihnen am Format funk. Die Originalität der Inhalte sei wichtig und wird mit der derzeitigen Produktion von 100% eigenen Content auch geschaffen.

Die Bilanz der Diskussion lautete, keine Angst vor Veränderungen zu haben, sondern die Chancen zu nutzen, die damit einhergehen. Und auch das klassische Fernsehen wird uns so schnell nicht verlassen, wie Beckmann reüssierte: „Die Ergebnisse linear und digital werden verschmelzen.“ – romantischer hätte man es kaum formulieren können.

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Weitere Bilder (© Jens Jeske) zur Veranstaltung finden Sie hier.

Über Elisa Hoth

Elisa Hoth ist Studentin an der Martin-Luther-Universität in Halle. Vor dem Studium absolvierte sie ein Praktikum bei einem Radiosender in Berlin, betreute anschließend vier Monate lang den Internetauftritt einer Musikproduktionsfirma in München und unterstützte deren Projekte. Dies führte sie letztendlich zum Bachelor-Studiengang der Medien- und Kommunikationswissenschaften sowie Erziehungswissenschaften. Hier verbinden sich ihre Interessen an der medialen Welt und den darin lebenden Menschen.

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