SCHICKSALHAFT

In den Abgründen des Strafvollzugs

 

Der Vierteiler Time inhaftiert die Zuschauer im britischen Gefängnis Craigmore. Eingeliefert werden sie zusammen mit Mark Cobden (Sean Bean), einem Lehrer, der sich angetrunken ans Steuer setzte und einen tödlichen Unfall verursachte. Der schuldbewusste Cobden wird seitdem von Albträumen gequält und fügt sich klaglos ein in den Häftlingsalltag, der von willkürlicher Aggression und Gewalt geprägt ist, aber auf den zweiten Blick doch Form annimmt. Verlass ist auf den korrekten Aufseher Eric McNally (Stephen Graham) und die hilfsbereite katholische Schwester Marie Luise, die auch Gesprächskreise für die Inhaftierten organisiert.

Als Mittfünfziger und Lehrer ist der friedliebende Cobden ein Exot unter den Insassen, was seine Lage nicht einfacher macht. Aber auch McNally, der das Sagen hat und einen klaren Blick, gerät ins Straucheln, als sein Sohn inhaftiert wird. Denn McNally weiß nur zu gut, dass die Sicherheit der Häftlinge vom Personal nicht gewährleistet werden kann. Einem Erpressungsversuch hält er stand und zeigt ihn an. Doch die organisierte Kriminalität im Knast ist gut aufgestellt, und das Dilemma für den Vater spitzt sich zu. Auf tragische Weise wird das Schicksal von Cobden und McNally verbunden durch den Strippenzieher und Drogendealer der Haftanstalt, dessen Macht über Menschen grenzenlos zu sein scheint.

Jede Szene und jeder Satz in diesem Film verweist auf Missstände im britischen Justizvollzug, ohne dass die Geschichte darunter leidet oder an Spannung verliert. Die äußerst karge Erzählweise passt perfekt zum Sujet.

YouTube-Kanal MagentaTV: Time – ab 27.01.2022 nur bei MagentaTV

Ein fünfköpfiger FSF-Prüfausschuss hatte zu entscheiden, ob die Ausstrahlung im Hauptabendprogramm vertretbar ist. In dieser Sendeschiene von 20.00 bis 22.00 Uhr muss gewährleistet sein, dass ab 12-Jährige durch die Rezeption nicht in ihrer Entwicklung beeinträchtigt werden. Deshalb wurden die hohe Aggressivität und einige heftige Attacken kritisch diskutiert. Doch obwohl exakt zu verstehen ist, um welche schockierenden Brutalitäten es geht, ist die szenische Umsetzung zurückhaltend genug für diese Altersgruppe und für diese Sendeschiene, befand der Ausschuss und verzichtete auf Schnittauflagen.

Abgesehen vom ängstigenden Potenzial ging es auch um die Frage, ob die Gewaltdarstellungen erfolgreich sind. Vermitteln sie Gewaltlust? Das kann man schon sagen. Allerdings sind die Aggressoren weit entfernt davon, Identifikationsmöglichkeiten anzubieten oder Vorbilder zu sein. Sie gehören zu den psychisch Gestörten im Knast Craigmore, die keine angemessene Betreuung bekommen und ihre Aggression mitunter auch gegen sich selbst richten. Als entlastend wurde gewertet, dass die Gewaltszenarien im Gefängnis verortet sind – gut eingesperrt sozusagen – und in diesem Kontext auch erwartbar. Das Gefängnis erscheint als ein Ort, an dem man ganz bestimmt nicht sein möchte. Selbst die Besuche dort werden als Tortur geschildert, obwohl sich das Personal korrekt benimmt und seine Macht nicht ausspielt. Es vermittelt sich, dass Kapitalverbrechen für alle dramatische Folgen haben – für die Opfer, für die Hinterbliebenen und auch für die Täter und ihre Familien.

Blieb noch die Frage, ob die Episoden des Vierteilers einzeln oder in der Summe geeignet sind, die Werthaltungen von 12- bis 15-Jährigen in negativer Weise zu beeinflussen. Wenn sie die unausgesprochene Botschaft am Ende verstehen, ist es nicht auszuschließen, dass sie schockiert und desillusioniert werden. Doch wer die Story bis zum Ende aufmerksam verfolgt und den finalen Hammer mitbekommt, dürfte auch reif genug sein, um diese implizite Aussage verkraften und einordnen zu können. Für alle anderen ist das Ende nur bittersüß und soll hier nicht verraten werden. Eine positive Orientierung bietet der Umgang mit Schuld. Auch schön, dass die Familienbande stark sind und die katholische Kirche in Gestalt der empathischen Schwester mal ohne Verweis auf Missbrauchstaten auftritt.
Time ist ein Lehrstück ohne Lehre, das Schuld und Strafe eindrücklich thematisiert.

Die britische Miniserie Time ist ein MagentaTV Exclusive und ab heute bei MagentaTV abrufbar.

 

FSF: freigegeben ab ..?

FSF: freigegeben ab 12 Jahren | Hauptabendprogramm © FSF

Die Dramaserie Time wird für ein Publikum ab 12 Jahren freigegeben.

Die kurz und knapp zusammengefassten Jugendschutzaspekte zur Serie finden sich auch in Form einer ProgrammInfo auf der FSF-Website.

Hinweis: Pay-TV-Anbieter oder Streamingdienste können eine Jugendschutzsperre aktivieren, die von den Zuschauern mit der Eingabe einer Jugendschutz-PIN freigeschaltet werden muss. Somit gelten die üblichen Sendezeitbeschränkungen und Schnittauflagen nicht. Weitere Informationen zu Vorschriften und Anforderungen an digitale Vorsperren als Alternative zur Vergabe von Sendezeitbeschränkungen sind im Jugendmedienschutz-Staatsvertrag (§ 5 Abs. 3 Nr. 1; § 9 Abs. 2 JMStV) sowie in der Jugendschutzsatzung der Landesmedienanstalten (§ 2 bis § 5 JSS) zu finden.

Bitte beachten Sie: Bei den Altersfreigaben handelt es sich nicht um pädagogische Empfehlungen, sondern um die Angabe der Altersstufe, für die ein Programm nach Einschätzung der Prüferinnen und Prüfer keine entwicklungsbeeinträchtigenden Wirkungsrisiken mehr bedeutet.

Mehr Informationen zur Programmprüfung erhalten Sie auf unserer Website. Dort veröffentlichen wir jede Woche neue ProgrammInfos zum aktuellen Fernsehprogramm. Auch diese Auswahl stellt keine Empfehlung dar, sondern zeigt einen Querschnitt der Programme, die den Prüfausschüssen der FSF von den Mitgliedssendern und externen Antragstellern vorgelegt.

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Über Susanne Bergmann

Susanne Bergmann ist Dozentin und Autorin, u.a. für den Kinderfunk von rbb und dlr. Seit 1995 Prüferin bei der FSF. Seit 2020 Ehrenamtliche Richterin am Oberverwaltungsgericht für das Land Nordrhein-Westfalen.

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