„Zehn, dreiunddreißig, hundertachtundzwanzig und fünfzehn minus sechzehn“

PuP, ein (neues) Format sorgt für (neue) Aufregung. Warum eigentlich?

 

Ein neues, quotenstarkes Reality-Spiele-Format mit gescripteten Anteilen sorgt derzeit für Aufregung. Viele Zuschauerinnen und Zuschauer werden vermutlich gar nicht merken, dass es ein neues ist. Zu vertraut scheinen Intention und Anspruch, Dramaturgie und gestalterische Mittel, Gesichter und Attitüden, Körper und Sozialverhalten. Auch der Ankündigungstext der von Endemol Shine Germany produzierten und von der ProSiebenSat.1 Media SE auf Sat.1 vom 25. März bis 29. April 2020 zur Primetime ausgestrahlten sechs Folgen von Promis unter Palmen – das unvermeidliche Auswertungsgespräch in Folge sieben wurde, warum auch immer, gleich auf 21.50 Uhr gelegt – lässt Übliches und auch Übles erwarten: „Endlich ist es soweit: Unsere zehn Promis ziehen in die Luxusvilla in Thailand. Schnell wird klar: Hier ist Streit vorprogrammiert. Nicht nur bei den Kapitäns- und Teamspielen wird es laut und beleidigend, auch in der Villa wird gelästert, was das Zeug hält.“ Ohne zu wissen, dass Désirée Nick dabei ist, hört es sich zwingend so an, dass sie dabei ist, was aber nur daran liegen mag, dass man den Rest der Personage dann doch nicht kennt.

Also: Zehn Menschen, die man überwiegend aus den Medien kennen könnte, werden an einen fremden Ort (Thailand) gebracht, wo sie in einer „Luxusvilla“ zusammenleben, in Teams und fiesen Spielen wie „Feil dich ins Finale“ gegeneinander antreten, wobei einer der Kapitän sein darf, und sich dann nach und nach selbst aus der Villa schmeißen, wobei: Manchmal kehren sie auch zurück. Es gilt „Challenges“ zu bestehen, vor allem aber, viel von sich preiszugeben und über das Leben an sich zu reflektieren, was Problemzonen wie den Po von Janina Pink mit einschließt. Der Sieger – hier Bastian Yotta („Stress blockiert dein Denkvermögen“) – erhält eine goldene Kokosnuss und ein Preisgeld in Höhe von 100.000 Euro. Yotta agiert überwiegend mit nacktem Oberkörper, sodass man unwillkürlich an die in der Regel zu Unrecht latent tumben Helden italienischer Sandalenfilme aus dem 20. Jahrhundert denkt, von Groucho Marx als die Filme charakterisiert, in denen die Helden größere Brüste haben als die Frauen, was aber dann doch wieder nicht geht, wenn man Janine – oder war es doch Carina –, in der Luxusvilla dabei hat. Da nicht alle Mitspielenden hier angesprochen werden können: Es lohnt ein Blick auf die PuP-Website, auf der man auch Einzelaspekte zu ihren Medien- und Formatbiografien findet.

In PuP – man hört förmlich die Proseccokorken knallen nach dem Einfall des Titels mit zugehöriger Kurzform – wird viel gespielt, geweint, krakeelt, beleidigt, ausgestoßen, angewiesen, angeschrien und getrunken, womit dann plötzlich der Kinder- und Jugendmedienschutz auf den Plan gerufen wird, ausgelöst durch mehrere FSF-Hotlinebeschwerden, was im weiteren Verlauf durch die FSF-Instanzen zu unterschiedlichen Einschätzungen führt. In der Hauptsache geht es um Angriffe auf Claudia Obert, dem Hassobjekt in der diesjährigen, also der ersten Staffel, und vor allem von Episode fünf, gegen deren Ausstrahlung im Hautabendprogramm sich die Beschwerden richteten. Claudia wird als bevorzugtes Angriffsziel der meisten WG-Bewohner Opfer eines sich gruppendynamisch entwickelnden Mobbingprozesses, irgendwie angeführt von Yotta. Ein paar verbale Bestandteile: „Ich könnte sie so wegtreten“ (Carina), „Deswegen muss die wech“ (Matthias), „Das ist keine Frau, das ist ein Viech“ (Matthias), auch von ihm: „Pottsau“, „Hohlbratze, die Alte“. Claudia flieht in dieser Folge aus der Villa und läuft am nächsten Tag wieder glücklich am Strand, wobei man sich fragt, wie sie es so lange ausgehalten hat und als Antwort sonstige Langeweile und den reichlich vorhandenen Alkohol – größeres Altersproblem in Folge drei – vermuten kann.

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Nach Skandal: Das sagen die Kandidaten zu den Mobbing-Vorwürfen! | Promis unter Palmen | SAT.1 bei YouTube vom 07.05.2020

Doch mit der Perspektive des seit den 1990ern durch viele Trash- und Reality-Formate gewateten Kinder- und Jugendmedienschutzes – erinnert sich noch jemand an die Nachmittagstalkshows und das Bemühen um Regulierung von Angriff, Häme und Beschimpfung durch einen Code of Conduct 1998 – scheint zumindest die derzeit letzte befasste FSF-Instanz keine Bedenken zu haben. Sie gab der Berufung des Senders gegen die vorherigen FSF-Entscheidungen für das Spätabendprogramm statt und entschied die Ausstrahlung im Hauptabendprogramm – wird doch die moralische Einnordung vor allem und vor allem ganz klar von Checker Tobi, also Tobias Wegener, und seinem moralischen Kompass vollzogen: „Eine Frau so fertigzumachen, dass sie anfängt zu heulen, das ist ganz schön krass.“ Seine Ansprache und seine Zuwendung an die gemobbte und verzweifelte Claudia lassen seine Mathematikschwäche beim Spiel zu Beginn der Folge – „alles mit Zeit, Stress und Druck, und dann muss alles richtig sein“ – schnell vergessen und den sich lustig machenden Zuschauer leicht betreten um Verzeihung bitten, liefern sie doch einen der wenigen emotional authentischeren und damit glaubwürdigeren Momente der Sendung, ein für Genre und Format erstaunlich langes und eindringliches Dokument gelebter Empathie. Danach kann auch der unvermeidliche Yotta machen, was er will, sogar gewinnen. Selbst dem unbedarftesten Zuschauer ist klar: Da oben in den Betten und da unten im Aufenthaltsraum, da draußen auf der Terrasse und auch da drinnen in der Küche: Das war falsch, das war auf eine unfassbar und unreife Weise böse. Oder um mit meiner Mutter zu sprechen, einer Kindergärtnerin: „Das macht man nicht.“

Damit könnte man es bewenden lassen, würde nicht neben dem Ärger der Zuschauer/-innen, die sich veranlasst sahen, eine Beschwerde zu führen, auch die mediale Erregungsmaschinerie angeworfen worden sein. Neben einem hohen Aufkommen in sozialen Netzwerken finden sich Titelzeilen wie Das ist keine TV-Unterhaltung mehr (BILD) oder Sie lieben Trash-TV? Dann schauen Sie das nicht! (SPON). Und Carsten Stahl, bekannt als Privatermittler aus der Pseudo-Doku-Serie Privatdetektive im Einsatz (RTLZWEI 2011-2014) und durch Anti-Mobbing-Formate (RTLZWEI) hat auf seinem Instagram-Kanal erklärt, Strafanzeige gegen Sender und Produktionsfirma gestellt zu haben („Die Verantwortlichen müssen zur Rechenschaft gezogen werden.“) Die Aufregung der medialen Öffentlichkeit bleibt angesichts dessen, was sie sonst sehen (Anja Rützel) oder selbst zu verantworten haben (Micky Beisenherz) eher unverständlich.

Dass am Ende der Meister des antisozialen Verhaltens Bastian Yotta gewinnt – unter Wirkungsaspekten eigentlich ein Sakrileg, um zum Kinder- und Jugendmedienschutz zurückzukehren –, spricht weder gegen die Sendung, die Kandidat/-innen, die Macher/-innen oder das Publikum – das macht allein die Quote. Denn klar ist: Gut und gerecht ist das nicht. Doch „Fünf Schlösser musst du knacken“ ist eben doch nur eine andere Variante von „Einer wird gewinnen“.

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Carina zu Désirée: „Du hast mich nicht als Schlampe zu bezeichnen!“ | Promis unter Palmen | SAT.1 bei YouTube vom 07.05.2020

Über Matthias Struch

Matthias Struch, geb. 1969 in Parchim, studierte Kunstgeschichte und Neuere Geschichte in Braunschweig, Halle und Berlin; seit 1994 im Kinder- und Jugendmedienschutz tätig: FSK, FSF (seit 2007 als Hauptamtlicher Prüfer); seit 1998 Kurator und Kustos am Filmmuseum Potsdam; seit 2003 Mitglied in der Nominierungskommission und Jury für den Adolf-Grimme-Preis; Veröffentlichungen zur Film- und Fernsehgeschichte (NS-Film, DEFA, DFF), zur Zensurgeschichte u.a.

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