Drei Tage Funkstille

Warum es dennoch laut war, whatsappen dem Arbeiten gleicht und ein Festival Kurzurlaub sein kann

Das Auto ist gepackt: der Kofferraum gefüllt mit unzähligen Getränken, Dosenfutter, einem acht-Personen-Zelt alias „Partypalast“ und allen weiteren Sachen, die man fürs Zelten benötigt. Die Handys sind aufgeladen, die Powerbanks voll. Dank Handynavigation erreichen wir problemlos unser Wochenendziel – das Festival „Rocken am Brocken“ mitten im Nirgendwo: in Elend – um genau zu sein. Doch kurz vorm Ziel stellen wir fest, es gibt kein Netz – mitten im Waldgebiet des Harzes. Wir stehen also schon vor dem ersten Problem – wie sollen wir unsere Freunde finden, die unter 6000 Menschen irgendwo auf dem Zeltplatz auf uns warten? Dank vorheriger Kurzanweisung und nach zwanzigminütigem Suchen finden wir sie. Und schon nach kurzer Zeit ist der Partypalast aufgestellt, die ersten Getränke geöffnet. So, nun erstmal ankommen, durchatmen und nochmal das Smartphone checken. Immer noch kein Netz.

© Elisa Hoth
© Elisa Hoth

Die erste Band tritt auf. Die Luft wird dünn zwischen all den Menschen, vereinzelt drängen einige ihre Arme hoch, um wenigstens einen kurzen Moment mit dem Handy einzufangen. Ich schaue mich um und bin überrascht, wie wenig Menschen filmen oder Fotos machen. Ob es an der Funkstille des Ortes liegt? Wenn ich es eh nicht auf Instagram hochladen kann, hat es auch keinen Wert, meine Zeit fürs Filmen zu verschwenden? Wir leben in einem schnellen Zeitalter. Nach drei Tagen ist eine Information alt und es interessiert niemanden mehr.

© Elisa Hoth
© Elisa Hoth

Während das Publikum erstaunlich wenig am Handy hängt, müht sich der Pianist einhändig am Keyboard ab, um mit der anderen Hand die tobende Menschenmenge mit dem Handy erfassen zu können. Da erscheinen einem die zwei Kameramänner mit ihren großen Spiegelreflexkameras fast überflüssig, wenn die Band jetzt einfach selbst alles während des Auftritts bequem mit ihren Smartphones aufnimmt. Aber müssten nicht auch die Bands in diesem abgelegenen Wäldchen im Harz ins Funkloch gefallen sein?
Und wie fühlt man sich so nach drei Tagen absoluter Funkstille?

Na vollkommen befreit!

Während es anfangs noch schwer fällt, sich von diesem Erreichbarkeitsdruck zu lösen – am Ende wird das alles völlig egal. Du tanzt, schwitzt und lachst mit deinen Freunden, die mit dir vor Ort sind. Du wirst von den anderen Leuten einfach direkt angesprochen – so wie früher. Und wenn es nur ein spontaner Handschlag ist, so ist es doch echte Nähe, die im Alltag oft fehlt und „dank“ der digitalen Welt manchmal ganz schön untergeht. Es ist fast so, als würde die Atmosphäre des Festivals den Leuten wieder den Mut geben, den man damals aufbringen musste – spontan und vor allem persönlich auf Menschen zuzugehen.

Nach drei Tagen wenig Schlaf, viel Bass und gar keinem Netz geht es wieder völlig erschöpft zurück in die Realität. Die Straßen werden breiter, die Städte größer und nach und nach steigen die Empfangsbalken – und auf einen Schlag holt dich dein Alltag ein: 102 Nachrichten in 14 Chats und das nach so kurzer Zeit. Da wird mir erst bewusst, wie viele Nachrichten ich täglich zu bearbeiten habe. Eine von WhatsApp veröffentlichte Statistik von 2017 zeigt, dass jeder Nutzer im Durchschnitt 55 Nachrichten pro Tag versendet und WhatsApp insgesamt täglich 55 Milliarden Nachrichten verschickt. Was für eine große Zahl.

Genauso nutzen 21 Millionen Menschen täglich Facebook auf ihrem Mobilgerät und 3,7 Millionen täglich Instagram. Dazu kommen die anderen Messengerplattformen Snapchat (2,5 Mio./Tag), Telegram, Threema und Co, über die weiterer Input kommt und die bedient werden möchten, sodass ein Mensch am Tag gut beschäftigt ist, wenn er auf alles reagieren will. (Quelle auch: netz.de)

Zu dritt sitzen wir im Auto, als die ersten Nachrichten eintreffen. Es gilt Fragen wie „Lebst du noch?“ mit ja zu beantworten und sorgende Mütter zu beruhigen. Beim Abhören der unzähligen Sprachnachrichten funkt Google Maps mit den Navigationsanweisungen dazwischen. Fast schon überfordert stellen wir fest, dass diese Social-Media-Pause echt gut getan hat und resümieren: „Nachrichten am Abend zu checken, ist wie arbeiten.“ Jeden Tag erreichen dich hunderte von Nachrichten und hinter jeder steckt die Erwartung, dass du zeitnah reagierst. Freunde von weiter weg und deine Familie möchten wissen, wie es dir geht, ein Kommilitone braucht dringend deine Aufzeichnungen oder deine Mitbewohnerin fragt, ob sie dir etwas zu essen mitbringen soll. Rund um die Uhr bist du an dein Mobiltelefon gebunden. Ist das erstrebenswert?

Also, ab und zu mal raus aufs Land und weg vom Netz, dann hast du zumindest keine Wahl und bist gezwungen, die Stille aushalten zu müssen, bis du spürst, wie laut dafür alles andere um dich herum sein kann.

Über Elisa Hoth

Elisa Hoth ist Studentin an der Martin-Luther-Universität in Halle. Vor dem Studium absolvierte sie ein Praktikum bei einem Radiosender in Berlin, betreute anschließend vier Monate lang den Internetauftritt einer Musikproduktionsfirma in München und unterstützte deren Projekte. Dies führte sie letztendlich zum Bachelor-Studiengang der Medien- und Kommunikationswissenschaften sowie Erziehungswissenschaften. Hier verbinden sich ihre Interessen an der medialen Welt und den darin lebenden Menschen.

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