Faszination oder Fluch? Robot-Trendsetterinnen …

– Zuarbeit: Nico Wolfsteller

Die App Instagram ist nicht nur zum Fotos angucken, liken, kommentieren oder Anderen folgen gut, auch lässt sich mit ihr Geld verdienen. Erfolgreiche Social-Media-Influencende bauen mittels ihrer hohen Reichweite eine gewisse Meinungsführerschaft auf und bringen so die von ihnen vorgestellten Marken und Produkte ins Gespräch und im besten Fall „unter die Follower“. Mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz (KI) etabliert sich seit einiger Zeit vermehrt eine ernstzunehmende Konkurrenz, die den realen „Insta-Stars“ in nichts nachsteht: Robot-Influencerinnen und Influencer.

Die rein virtuellen „Mitglieder“ auf der Bilderplattform sind KI-gesteuert und weisen u.U. Followerstämme mit Millionen von Nutzenden auf. Wie ihre realen Konkurrierenden agieren sie auch als Werbetragende für bestimmte Marken, Produkte oder Dienstleistungen. Ihre Medieninhalte werden emotional und qualitativ hochwertig aufbereitet und ihre Accounts mit gefühlsregierten Innenwelten und gesellschaftspolitischen Positionen angereichert – alles um Besucher- und Interaktionszuwächse auf den betreffenden computergenerierten Profilen voranzutreiben und letztlich damit Geld zu verdienen sowie neue Trends zu setzen.

 

Was macht ihre Faszination aus?

Das lässt sich gar nicht so leicht nachvollziehen. Schaut man sich die bekannteste KI-Figur Miquela Sous bzw. lilmiquela (Profilname Instagram) an, so lässt sich wenig Unterschiedliches zu anderen bekannten Bloggerinnen oder Instagram-Persönlichkeiten feststellen. Sie wird als sympathisches, hübsches und modebewusstes Mädchen im geschätzten Alter von 20 Jahren inszeniert. Neben der Mode scheint ihr auch das Reisen und Freunde treffen Spaß zu bereiten. Sie führt eine Beziehung und weist einen kulturellen Background auf, äußert sich sogar mit politischen Statements. So weit – so normal, und dennoch ist ihr Account so täuschend echt bzw. authentisch aufgemacht, dass ihre Anhängerschar sich mit ihr identifizieren kann, obwohl auch sie leider den gängigen Schönheitsidealen unterworfen wurde und sich zuweilen sehr lasziv oder auch leicht bekleidet zeigt. Hier sollen wohl nicht nur junge weibliche Konsumentinnen angesprochen werden?

 

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Hinzu kommt aber, dass die Robot-Influencerin nicht nur einen Insta-Account mit zurzeit sage und schreibe 2.8 Millionen Abonnierende hat – zum Vergleich: Pamela Reif hat 6.6 Millionen –, sondern auch „eigene“ Songs auf „ihrem“ YouTube-Kanal vertreibt und die Abrufzahlen der Videos mindestens sechs- bis siebenstellig sind. Auch auf Snapchat ist Miquela vertreten und bei Twitter und Facebook kursieren zumindest zahlreiche Kommentare über sie in Form von ernstzunehmenden Schönheitsbekundungen und sogar Nachfragen zur ir/realen Identität.

Diese bis ins kleinste Detail durchgeplante Identität des Robotgirls erzeugt ein konsistentes und eben auch authentisches Image, das Vertrauen schafft und letztlich in zahlreichen Markenkooperationen mündet. Mit einem Sponsoring-Post „verdient sie“ durchschnittlich 7.211 Euro – aufs Jahr hochgerechnet ergibt dies ein Profit von mehr als 10 Millionen Euro.

Spannend wird es, wenn sich KI-Robots wie Miquela zur Politik äußern. Denn wer profitiert davon, wer steuert wirklich ihre u.a. „mainstreamkonformen Botschaften“ zu Themen wie Black Lives Matter oder LGBTQ? Was steckt dahinter, hat jemand dafür bezahlt, wer? Wer verdient letztlich daran oder wem spielt dies in die Hände? Erst einmal positioniert sich das virtuelle It-Girl als selbstbestimmte Persönlichkeit, aber eine gewisse politische Einflussnahme auf ihre Fans ist auf lange Sicht sehr leicht möglich.

Miquela und Co. müssen sich natürlich wie ihre realen Mitbewerberinnen und Mitbewerber an alle Regeln sowie an den Jugendschutz halten und ebenso kenntlich machen, wenn sie etwas bewerben, es sich also eindeutig um Werbung handelt. Auch dürfen sie nicht direkt zum Kauf aufrufen. Einige Vertreter wie z.B. Wolfgang Kreißig, u.a. Vorsitzender der Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten, finden es für Kinder nicht gut, wenn Insta-Robots für echt gehalten werden, „weil Kinder Influencern gerne vertrauen und sie oft als Vorbilder sehen. Zum Beispiel wenn es darum geht, wie ein schöner Körper sein muss.“ Da einige der KI-Figuren sehr perfekt dargestellt werden, führt dies zur Vermittlung von übertriebenen Schönheitsvorstellungen und der Gefahr der Selbstoptimierung. Gerade Heranwachsende – ein zentraler Anteil der Instagramnutzenden – sollten in der Lebensphase der Entwicklung und Orientierung mit weniger oberflächlichen und destruktiven Stereotyp-Bildern konfrontiert werden.

Zurzeit scheint das Konzept der virtuellen Influencer-Models aufzugehen. Sie beeinflussen u.a. den Nachrichtentraffic und die Konsumbereitschaft und drängen sich so nach und nach in all unsere Lebens- und Arbeitsbereiche. Da dies nicht immer Vorteile bringt, zwingt auch die internationale Politik zum Handeln. So verweisen Experten beim Europarat auf eine hohe Anzahl an Empfehlungen zur KI-Ethik von Staaten, Unternehmen und Nichtregierungsorganisationen. In Sachen Ethikrichtlinie gibt es seit Juli 2020 eine endgültige Bewertungsliste für vertrauenswürdige Künstliche Intelligenz (ALTAI), um vor Negativentwicklungen bei der KI zu schützen.

Wer sich für die Meinungen der Deutschen zum Phänomen KI und die an sie gestellten Erwartungen oder auch Befürchtungen informieren möchte, der kann einen Blick in die aktuelle Bitkom-Studie zur Fragestellung Inwieweit wird KI nicht funktionieren oder die Weltherrschaft übernehmen (Oktober 2020) werfen.

 

Quellen und Links:

Links zuletzt abgerufen am 26. November 2020

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Über Sandra Marquardt

Sandra Marquardt hat 2010 ihr Magisterstudium in Filmwissenschaft und Publizistisk- und Kommunikationswissenschaft an der FU Berlin abgeschlossen. Seit 2011 arbeitet sie als Onlineredakteurin bei der FSF. Dort betreut sie u.a. zum einen den Onlineauftritt der FSF-Website, ist zum anderen für den fsf blog inklusive der Bildredaktion verantwortlich und festes Teammitglied der Newsletterredaktion. Als Praktikumsbeauftragte ist ihr die Betreuung der Praktikantinnen und Praktikanten eine Herzensangelegenheit.

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