Insta-What?: Christfluencer

Postings, Filter, Likes und Stories – ein bisschen Selbstinszenierung hier, viele kreative Ideen dort und das alles umrahmt von ganz vielen Hashtags. Herzlich Willkommen in der bunten Welt von Instagram: das digitale Fotoalbum, das weltweit zu den beliebtesten Social-Media-Diensten gehört. Doch wer und was zeigt sich eigentlich auf der Plattform, die allein in Deutschland 15 Millionen Nutzerinnen und Nutzer zählt? Welche Trends lassen die Likes- und Kommentarfunktionen heiß laufen, welche Themen werden wie ausgehandelt? Und was macht Instagram mit uns? In unserer neuen Blogreihe Insta-What? wollen wir den vielfältigen und facettenreichen „Insta-Kosmos“ ein wenig genauer unter die Lupe nehmen.

Der dritte Text in unserer Beitragsreihe – geschrieben von Lena Wandner – dreht sich um die Christfluencer.

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Digitale Kirche – Christfluencer im Auftrag des Herren

 

Social Media und Kirche – das passt doch mal gar nicht, oder? Zugegeben: während Instagram und Co. für Moderne und wachsende Beliebtheit stehen, werden Gottesdienst und Predigt eher mit Tradition und sinkenden Mitgliederzahlen verknüpft.
Und dennoch zeigen uns Christfluencer, dass die beiden Aspekte sich gar nicht so fremd sind. Ja, richtig, Christfluencer – christliche Influencer.
Es sind junge Frauen und Männer, die die Kirche unter der Jugend wieder beliebt machen wollen, indem sie das gesellschaftliche Bild von Kirche wieder ins Positive zu rücken versuchen. Quasi weg von Finanz- und Missbrauchsskandalen hin zu der Überzeugung, dass der Glaube in unserer heutigen so schnelllebigen Gesellschaft ein wichtiges, wenn nicht sogar das wichtigste Fundament sein sollte.

shelby-Photo by Shelby Miller on Unsplash
Photo by Shelby Miller on Unsplash

#lifeofapastor

Einer, der dies fast vorbildlich präsentiert, ist Gunnar Engel. Engel ist Pastor der lutherisch-evangelischen Kirche. Er trägt Vollbart, ist tätowiert, liebt Kaffee und Serien und eben auch Gott. So beschreibt er sich selbst auf seinem Blog pastorgunnar. Auf diesem veröffentlicht er regelmäßig Beiträge rund um die Themen Kirche und Glauben, immer versehen mit modernen Bildern, die auch aus einem Lifestylemagazin stammen könnten. In seinem Podcast Hart aber Herzlich spricht und diskutiert er zudem über Theologie und Kultur, begleitet von: „flachen Witzen und Kaffee“, so seine Eingangsworte. Doch Gunnar Engel hat noch mehr Netzpräsenz, er twittert, hat einen YouTube-Account und ist auf Instagram aktiv. Auf der Fotoplattform lädt er regelmäßig Bilder hoch, die man im ersten Moment mal so gar nicht mit Kirche in Verbindung bringen würde: sein Account wirkt trendig, zeitgemäß, Engel zeigt sich mal in zerrissener Hose, mal in traditioneller Kutte bei einer Predigt. Auf Klebezettel schreibt er Zitate und kurze Bibelverse, die er auf einem schlichten Hintergrund oder auch mal neben seiner Kaffeetasse positioniert. Hashtags wie #lifeofapastor #jesuslovesyou und #bibellesen begleiten seine Bilder.
Gunnar Engel bettet seine Faszination und Hingabe für Gott in einen modernen Kontext und zeigt damit: so kann Kirche heutzutage aussehen. Dafür bekommt er Zuspruch. Auf Instagram folgen ihm fast 5.000 Menschen. Die Resonanz auf seine Bilder ist fast durchweg positiv, er wird von seinen Followern als Inspirationsquelle, Vorbild und Motivation bezeichnet.

 

Hat die Kirche auf diesem Weg eine Zukunft?   

Gunnar Engel gelingt es durch seine offene und lockere Art, Transparenz dafür zu schaffen, wie Kirche funktioniert und was mit dem Christsein zusammenhängt. Er äußert seine Ansichten darüber, was zu einem guten christlichen Lebensstil gehört, direkt und bezieht sich dabei auf Verse und Absätze der Bibel. Gleichzeitig betont er jedoch immer, dass es sich dabei um seine individuelle Interpretation und Auslegung handelt. In seinen Instagram-Bildunterschriften und YouTube-Videos wirkt er nicht belehrend, vielmehr entsteht der Eindruck, dass dieser junge sympathische Mann aufräumen will mit bestimmten teils negativ belasteten Klischees. Hat die Kirche auf diesem Weg eine Zukunft?
Fakt ist, dass die Kirche nur dann bestehen bleibt, wenn immer wieder junge Mitglieder nachrücken. Wer die junge Generation von heute, die für die Kirche so essenziell ist, erreichen will, muss sich ihrem Kommunikationsverhalten anpassen. Stichwort Social Media.

 

#jesus first

Das hat auch Marie, in den sozialen Netzwerken bekannt als li.marie, gut verstanden. Marie ist freikirchlich und wie Engel auch auf YouTube und Instagram aktiv, mit dem kleinen Unterschied, dass ihr mittlerweile schon knapp 11.500 Menschen auf Instagram folgen.
Die Aufmachung von Maries Instagram-Account ist ebenfalls modern, zeitgemäß, ihre Bilder sind ästhetisch, von guter Qualität. Es werden Reise- und Urlaubsbilder gepostet, es geht viel um Familie, Beziehung, Freundschaft und soziale Werte. Dass Gott in Maries Leben an erster Stelle steht, ganz nach ihrem Motto: „Jesus first“, wird eigentlich erst mit Blick auf ihre Bildunterschriften deutlich. Darin zeigt sie mit Zitaten oder tiefgründigen Texten ihre intensive Verbundenheit und Liebe zu Gott. Auf ihrem Account verlinkt sie ihren YouTube-Kanal, der sich auf den ersten Blick kaum von den Kanälen bekannter Beauty-YouTuberinnen wie Dagi Bee oder Bibis Beauty Palace unterscheidet. Da sitzt ein junges Mädchen, hübsch geschminkt, trendig gekleidet, aber anstatt Schminktipps zu geben, spricht sie über Tipps zum Bibellesen, oder in Begleitung ihres Freundes über das Thema: Kein Sex vor der Ehe.

 

Klickt man sich durch die Videos, so wird deutlich: Aufmachung und Inhalt sind irgendwie widersprüchlich, da trifft ein modernes Videosetting auf teils erzkonservative Ansichten. Es geht um Enthaltsamkeit, darum, dass Abtreibungen Massenmord sind und Homosexualität gegen das von Gott gegebene Rollenmodell von Mann und Frau verstößt. In einem Video bespricht li.marie die Frage, wie Christen, insbesondere junge Frauen, sich anziehen sollten. Ihre Meinung: als Mädchen bzw. Frau sollte man im Kopf behalten, dass Männer durch zu freizügige Kleidung zu sexuellen Gedanken und Taten verleitet werden könnten.  

 

„Kirche für jedermann zu jederzeit und überall“

Marie ist Mitglied der sogenannten Global Video Church, abgekürzt GIVICI. Diese verfolgt nach eigener Beschreibung auf der offiziellen Webseite das Ziel, Kirche für: „Jedermann, jederzeit und überall“ anzubieten und zwar indem sie: „zu dem Menschen geht und sie dort abholt, wo sie leben!“. Und wie funktioniert das Ganze konkret? GIVICI veröffentlicht jede Woche Videopredigten, für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Der Gottesdienst kann somit ins heimische Wohnzimmer verschoben werden und im familiären Rahmen stattfinden. Die Intention dahinter: GIVICI versucht deutschlandweit Hauskirchen zu etablieren. Entsprechend sollen Menschen sich in Häusern zusammenfinden, den Videopredigten aufmerksam zuhören und im Anschluss in den Austausch treten. Mithilfe des Internets sollen damit in gewisser Weise virtuelle Messen abgehalten werden. Klingt nach einem modernen Konzept, doch was sind das eigentlich für Videos, die als Predigten vor allem junge Menschen ansprechen sollen?
Es sind Videos, in denen Christfluencer wie li.marie sich vor die Kamera setzen und über Dankbarkeit oder die Theodizee-Frage sprechen und das in einem entspannt wirkenden Setting, mal auf dem Bett, mal auf einer Bank im Freien. Keine Spur von Kutte, Kirchenbank und Co. Die Videos sind auf YouTube verfügbar, können zu jeder Zeit angeschaut werden und natürlich hat GIVICI, wie es sich für eine moderne Kirche gehört, einen Instagram-Account, auf dem ebenfalls fleißig gepostet und auf Videopredigten verlinkt wird.

 

Außen: modern, innen: konservativ

Zusammenfasst: das Konzept von GIVICI besteht darin, junge motivierte Menschen einzusetzen, die im Namen des Herren den christlichen Lebensstil und wie er sein sollte, jedermann zu jeder Zeit und überall näherzubringen, oder besser gesagt zu promoten. Das langfristige Ziel: Wachsen und möglichst viele neue Mitglieder gewinnen, im besten Fall vielleicht sogar eine Spende für GIVICI erwirken.
Dabei zeigt sich in den Videos von GIVICI wie auch beim Account von li.marie: außen modern und innovativ, innen: konservativ und überholte Ansichten.

Gerade junge Zuschauerinnen und Zuschauer durchblicken diesen Widerspruch vielleicht nicht sofort, denn zugegebenermaßen ist er auch gut getarnt. Es entsteht ehrlicherweise nicht der Eindruck, als würde man mit Druck eine Religion aufgezwängt bekommen – vielmehr berichten die jungen Christfluencer/-innen enthusiastisch über die tollen Aspekte ihres „christian lifestyle“, dass dieser sie zu einem besseren Menschen macht, sie den wahren Lebenssinn finden lässt und sie mit Menschen umgibt, die ihnen ein Zusammen- und Zugehörigkeitsgefühl geben. Doch das alles ist auch nur möglich, wenn nach bestimmten Normen und Vorgaben der Bibel gelebt wird – und wo bleibt da die Selbstbestimmung?

Themen wie Diversität, Gleichberechtigung, Vielfalt und eben auch Selbstbestimmung prägen unseren aktuellen gesellschaftlichen Diskurs. Kinder und Jugendliche wachsen somit zunehmend in einer pluralistischen Gesellschaft auf. Da scheint es irgendwie rückschrittlich, wenn junge Menschen darüber predigen, dass es klare Rollenverteilungen und Geschlechterkonstellationen gibt und diese Ansichten allein damit begründen, dass Gott es so will.

Christfluencer/-innen wie li.marie haben insbesondere für junge Leute das Potenzial, zur Identifikationsfigur zu werden, schließlich sind sie nicht viel älter, gehen auch durch schwierige Momente und sehen sich mit verschiedenen Unsicherheiten konfrontiert, die das Jugendalter mit sich bringt. Und im Grunde muss dies auch gar nicht verkehrt sein – doch sollte darauf geachtet werden, bestimmte Meinungen und Ansichten nicht einfach unreflektiert zu übernehmen. Stattdessen sollten diese für sich individuell hinterfragt werden und wenn schon digitale, moderne Kirche, vielleicht auch unter dem aktuellen Zeitgeschehen neu zu überdenken und einzuordnen.

 

*** Lesetipps der Redaktion:
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Über Lena Wandner

Lena Wandner studierte Kommunikationswissenschaft und Romanistik an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, bevor sie ihren Master in Kinder- und Jugendmedien an der Universität Erfurt begann. Ihr Interesse gilt insbesondere der Medienwirkungsforschung und dem Jugendmedienschutz, weswegen sie sich auch für ein Praktikum bei der FSF entschied.

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