Insta-What?: Granfluencer

Postings, Filter, Likes und Stories – ein bisschen Selbstinszenierung hier, viele kreative Ideen dort und das alles umrahmt von ganz vielen Hashtags. Herzlich Willkommen in der bunten Welt von Instagram: das digitale Fotoalbum, das weltweit zu den beliebtesten Social-Media-Diensten gehört. Doch wer und was zeigt sich eigentlich auf der Plattform, die allein in Deutschland mittlerweile über 21 Millionen Nutzerinnen und Nutzer zählt? Welche Trends lassen die Likes- und Kommentarfunktionen heiß laufen, welche Themen werden wie ausgehandelt? Und was macht Instagram mit uns? In unserer Blogreihe Insta-What? wollen wir den vielfältigen und facettenreichen „Insta-Kosmos“ ein wenig genauer unter die Lupe nehmen.

Der neueste Text in unserer Beitragsreihe – geschrieben von Sarah Boost – dreht sich um die Granfluencer

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Social Media und das liebe Alter

Denken wir an ältere Menschen, so erscheint vor unserem inneren Auge eine grauhaarige, ganz in beige gekleidete Person, die gemächlich die Gänge im Supermarkt abläuft und allem, was neu ist und blinkt, vielleicht eher skeptisch gegenübersteht. Auf die eine oder andere ältere Person mag dieses Klischee vielleicht zutreffen, doch seit einiger Zeit durchlebt die Generation 60plus weltweit einen Imagewandel. Die Rede ist von den sogenannten „Granfluencern“. Das eher unbekannte Wort hat seinen Ursprung im Englischen und ist eine Mischung aus „Gran“ und „Influencer“, wobei „Gran“ für „Grandfather/-mother“ oder „Grandparents“ steht.

Ebenso wie die Großeltern steckt die Gruppe der Influencerinnen und Influencer, die auf Social-Media-Kanälen wie Instagram oder TikTok Produkte bewirbt oder Tipps und Tricks für den Alltag zeigt, in der Schublade eines Stereotypen fest. Wirklich erfolgreich waren bisher – so scheint es – nur die sogenannten „Millennials“, auch „Generation Y“ genannt, und die „Generation Z“, die die größte Nutzungsgruppe bildet. Der Trend geht jedoch in eine andere Richtung.

 

„Granfluencer“ sind wie alle anderen Influencer, nur halt anders

Frank Sinatra, den viele der „Generation Ü60“ in seiner Blütezeit erlebt haben dürften, sang einst: „I did it my way!“ Nach diesem Credo scheinen auch die „Granfluencer“ zu handeln. Und riskiert man einen Blick auf deren Seiten, wird es mehr als deutlich: sie stehen der jungen Generation in nichts nach.

Eine der wohl bekanntesten und erfolgreichsten „Granfluencerinnen“ ist Helen Ruth Elam alias Baddie Winkle. Dank ihrer Schlagfertigkeit und ihren schrillen Outfits hat die 91 Jahre alte Großmutter mehr als 3,6 Millionen Followerinnen und Follower. Ebenso hat sich die 1921 in den USA geborene Iris Apfel einen Namen auf Instagram gemacht. Ihr auffälliger Kleidungsstil, vor allem aber ihr authentisches Auftreten machten sie zu einer respektierten Ikone.

 

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Auch wenn es so scheint, als gäbe es nur Frauen, die als „Granfluencerinnen“ bekannt sind – weit gefehlt. Denn auch ältere Männer haben die Social-Media-Kanäle für sich entdeckt und zeigen, wie sehr sie ihr Leben genießen. So zum Beispiel auch der 72-jährige Berliner Günther Krabbenhöft (@g.krabbenhoft), der als „bestgekleideter Opa“ die Clubs der Hauptstadt unsicher macht(e).

Die Gründe für die Nutzung von Instagram und Co. der Granfluencer sind vielfältig und reichen vom Einblick in das digitale Familienalbum über Kontaktpflege des sozialen Umfelds bis hin zum Schließen neuer Bekanntschaften. Zudem bieten diese Plattformen auch den Älteren eine Möglichkeit der Selbstdarstellung und vermitteln so ein Zugehörigkeitsgefühl. Und schließlich lässt sich über diese Kanäle auch noch einmal ganz anders informieren als über die klassischen Medien.

 

Vergreist das World Wide Web?

Nein. Denn so erfolgreich viele Ältere den Sprung in das neue Zeitalter gewagt haben, sind es bei Weitem nicht alle, die sich diesen Schritt trauen. Oftmals sind es die Enkel, die den Großeltern die Nutzung von Instagram und Co. nahelegen. Eine Bitkom-Studie aus dem Jahr 2020, zeigt, dass gerade einmal 34% der älteren Bevölkerung bei sozialen Netzwerken angemeldet sind. Diese Zahl könnte gerade durch die anhaltende Coronakrise noch einmal angestiegen sein, denn das Internet und die damit verbundene „digitale Freiheit“ ist die einzige Möglichkeit, den Kontakt zu Freunden und der Familie aufrechtzuerhalten oder sich abzulenken.

Laut World Population Ageing 2019 gab es zu diesem Zeitpunkt knapp 703 Millionen Menschen, die 65 Jahre und älter sind. Laut dieser Prognose werden es bis zum Jahr 2050 knapp 1,5 Milliarden sein, was dann gut 16 % der Weltbevölkerung ausmacht. Da ist es nicht verwunderlich, dass sie sich mehr und mehr mit der Technik auseinandersetzen, um den Anschluss an die technologisch fokussierte Gesellschaft nicht zu verlieren.

 

Wo Spaß ist, lauern auch Gefahren

Bedenkt man, dass die Mitbegründer der „digitalen Revolution“ wie beispielsweise Bill Gates auch schon über 60 Jahre alt sind, ist die gleichaltrige Nutzungsgemeinde eher gering. Viele, die sich im Internet mit Freunden oder Verwandten austauschen, lassen sich bei Facebook ausfindig machen. Denn anders als die jüngeren Mitstreiter gibt es Facebook schon seit über 15 Jahren. Doch Seniorinnen und Senioren verlassen immer öfter das vertraute Terrain ihrer Facebookseite und suchen sich neue Reviere im Internet. Einmal angemeldet vergessen so manche allerdings, dass diese Seiten nicht nur Freude, sondern auch Gefahren mit sich bringen können.

Für Cyberkriminelle sind die älteren Aktiven eine leichte Beute. Unbedacht öffnen sie eine scheinbar harmlose E-Mail oder geben auf unscheinbar wirkenden Seiten persönliche Daten preis, die dann zweckentfremdet werden. Eine Vielzahl dieser Taten wird jedoch nicht zur Anzeige gebracht, entweder aus Unwissenheit oder aus Scham der Betroffenen. Leider muss man aber sagen, dass dieses eher bedenkenlose Verhalten nicht nur auf die ältere Anwendungsgruppe zutrifft.

Immerhin nutzen weltweit rund 4,2 Milliarden Menschen soziale Netzwerke. Viele Ältere fühlen sich in unserer schnelllebigen Zeit und dem schnellen Fortschritt in puncto Technik abgehängt. Denn wer Technik benutzen und verstehen möchte, muss sie sich erst einmal leisten können und auch das nötige Wissen erwerben. All jene Probleme lassen eine „digital gab“, also eine digitale Lücke zwischen Jung und Alt zurück, die es zu schließen gilt.

 

Ein Vermächtnis und ein Appell

Trotz aller Bedenken finden immer mehr den Weg in die digitale Welt des 21. Jahrhunderts. Anlässe zum Kommunizieren lassen sich immer finden und die vor Lebenslust strotzenden „Granfluencer“ zeigen uns, wie es geht. Dass sie damit nicht nur bei ihrer gleichaltrigen Community erfolgreich sind, zeigt der Blick auf die Anhängerschaft. Oftmals liken Jüngere die Posts und hinterlassen unter den Bildern ein positives Feedback. Somit schlagen „Granfluencer“ eine Brücke zwischen Jung und Alt und pfeifen auf Konventionen oder Vorurteile. Ganz nebenbei: mit den Posts lässt sich auch die ein oder andere Münze verdienen. Über 9.000 Dollar sind für gesponserte Post möglich. Doch diese hohen Summen sind, wie auch bei den jungen Content Creator, die Ausnahme. Viele beschäftigen sich damit nicht des Geldes wegen, sondern weil es ihnen Vergnügen bereitet, Menschen an ihrem Leben teilhaben zu lassen.

Wie es schon immer hieß: Von den „Alten“ können wir noch etwas lernen!

 

Quellen und weiterführende Informationen

Links zuletzt geprüft am 23. Februar 2021

Über Sarah Boost

Sarah Boost hat Geschichte und Deutsche Literatur an der Humboldt Universität zu Berlin studiert. Ihr Interesse an Medien bewog sie dazu, ein Praktikum bei der FSF zu machen. Hier konnte sie ihrer Vorliebe für das Schreiben nachgehen. Als freie Autorin unterstützt sie weiterhin den fsf blog.

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