Menschen, die mit Bildschirmen sprechen

The Circle

 

Ich habe über 27 Stunden meines Lebens damit verbracht, anderen Menschen dabei zuzusehen, wie sie mit sich selbst oder einem sprachgesteuerten Bildschirm reden – und hatte sehr viel Spaß dabei. The Circle heißt die neue, auf einer Fernsehshow aus Großbritannien basierende Realityshow bei Netflix und sie bietet hochspannende Einblicke in das Verhalten von Menschen.

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Die Grundidee ist simpel: Acht Kandidatinnen und Kandidaten werden jeweils in einem Apartment in einem Haus untergebracht. Sie wissen nicht, wie viele andere Teilnehmende es gibt und wie sie aussehen. Dann erstellt jede/-r ein Profil in dem simulierten sozialen Netzwerk „The Circle“, das an Instagram in Verbindung mit einer Dating-App angelehnt ist. Sie können nur mittels Status-Updates, Gruppen- und Direktnachrichten miteinander kommunizieren. Auf diese Weise müssen sie Freundinnen und Freunde finden und Likes sammeln. In regelmäßigen Abständen erstellen sie Beliebtheitsrankings. Die beiden beliebtesten Profile werden Influencende mit verschiedenen Aufgaben – bpsw. müssen sie entscheiden, welche/-r Teilnehmer/-in die Show verlässt. Am Ende gewinnt die beliebteste Kandidatin/der beliebteste Kandidat einen Geldpreis.

„Man kann sein, wer man will.“

Diese Show will simulieren, wie soziale Netzwerke funktionieren. Deshalb können die Teilnehmenden auch ein Fake-Profil anlegen – oder wie es die Show anpreist: Man kann sein, wer man will, auch eine hübsche junge Frau, wenn man eigentlich ein junger Mann ist. Tatsächlich aber zeigt diese Show, wie soziale Netzwerke sein könnten, würde man Trolls aussperren und den Einfluss von außen weitgehend begrenzen. In den USA wurde „The Circle“ auf diese Weise nämlich zu einem Netzwerk, in dem es sehr viel um Echtheit, Verbundenheit und Freundschaft ging – die ersten Kandidatinnen und Kandidaten formten eine so enge Verbindung, dass keine/-r der für ausgeschiedene Nachgerückten jemals eine reelle Gewinnchance hatte.

„Nur nationale Klischees, die bestätigt werden sollten?“

Die beste Strategie in den USA war es daher, einfach nett zu sein – tatsächlich nett, nicht vorgeschoben nett. Deshalb wollten die Teilnehmenden auch unbedingt enttarnen, wer ein Fake-Profil hat. Ähnlich lief es bei The Circle: Brazil, während in Frankreich von vorneherein alle Mitgliederinnen und Mitglieder den Spielcharakter betonten: viele hatten Strategien, es gab mehr oder weniger stabile Bündnisse. Es ging um Spielstärke und Einflussmöglichkeiten, nicht um „Echtheit“ – das passt sehr gut zu einer Realityshow, in der immer mitbedacht werden muss, dass man nicht sieht, inwieweit die Produktion Einfluss nimmt. Wird beispielsweise in Brasilien wirklich so viel getanzt, wie es die Mitspielenden in ihren Apartments taten? Und ist in Frankreich alles ein Flirt? Oder sind das nur nationale Klischees, die bestätigt werden sollten?

 

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It’s been one week since the finale and this photo is giving us all the feels. Who else is already missing this wonderful cast of players on #TheCircle?

Ein Beitrag geteilt von The Circle Netflix (@thecirclenetflix) am

Dass in sozialen Netzwerken niemand „echt“ – oder „real“ ist , sollte sich eigentlich mittlerweile herumgesprochen haben. Aber noch etwas zeigt diese Show sehr deutlich: in allen drei Sendungen haben sich Kandidatinnen und Kandidaten für ein Fake-Profil entschieden, weil sie überzeugt waren, dass sie selbst nicht attraktiv genug aussehen. Sie wollten alle einem Idealbild entsprechen: jung, attraktiv und Single. In dem simulierten sozialen Netzwerk aber hat dann letztlich etwas anderes viel besser funktioniert: die eingegangenen Beziehungen.

Spannend wird – wie bei jeder gut funktionierenden Realityshow – wie die Produktionsfirma die zweite und dritte Staffel, die für die USA schon beauftragt sind, umsetzen. Denn dann wissen die Mitspielenden noch mehr, worauf sie sich einlassen. Und so lange gibt es ja drei erste Staffeln dieses unterhaltsamen und leicht süchtig machenden Feel-Good-Reality-TVs. *smiley face*

Über Sonja Hartl

Sonja Hartl studierte Deutsche Sprache und Literatur, Medienwissenschaft und Sozial- und Wirtschaftsgeschichte in Marburg und schreibt seither als freie Journalistin über Film, Fernsehen und Literatur. Außerdem betreibt sie das Blog Zeilenkino und ist Chefredakteurin von Polar Noir.

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