True Crime: Veränderte Perspektiven

„Jede Generation bekommt ihren Ted Bundy“ – dieser Halbsatz aus Torsten Körners Beitrag in der tv diskurs geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Er meint nicht, dass es in jeder Generation einen neuen medial omnipräsenten Serienmörder gibt, sondern, dass jede Generation eine Version von Ted Bundy bekommt: Im Jahr 1980 hat Ann Rule mit ihrem Buch The Stranger Beside Me von ihrer beruflichen – nicht mörderischen – Zusammenarbeit mit Bundy erzählt. Mit diesem Buch hat sie nicht nur eine Version des Mörders präsentiert, sondern einen True-Crime-Boom ausgelöst. Sechs Jahre später gab es einen Film zu Ted Bundy, es folgten sechs weitere, zuletzt 2019 mit Zac Efron als Killer. Dazu kommen unzählige Bücher und Fernsehserien zu Bundy – voriges Jahr erst die Serie Conversations with a Killer: The Ted Bundy Tapes, in diesem Jahr nun Ted Bundy: Falling for a Killer.

 

„Faszination Serienmord“

Zwei wesentliche Aspekte kommen bei Ted Bundy zusammen: aufgrund seiner Taten – er hat vermutlich über 30 junge Frauen vergewaltigt und ermordet – verkörpert er das grundlose Böse. Ein Handeln losgelöst von jeglichen moralischen Grundsätzen, das so unverständlich ist, dass man es verstehen will. Zudem hat er ausführlich über seine Taten Auskunft gegeben, sodass ausreichend Material von ihm vorhanden ist, das immer wieder verarbeitet werden kann. Und als möglicher dritter Aspekt: Die bereits existierenden Werke zu ihm laden dazu ein, auf ihn abermals Bezug zu nehmen.

 

„Einzug in die Popkultur“

Doch jede Generation bekommt eben nicht nur ihren Ted Bundy, sondern – wie Körner schreibt – auch ihren Fritz Haarmann. Bei Haarmann gibt es weit weniger Ausgangsmaterial, dennoch ist erst 2020 ein weiteres Buch zu ihm erschienen. Sie sind mittlerweile popkulturelle Figuren, die Aufmerksamkeit garantieren. Auch meine ersten Begegnungen mit Haarmann und Bundy waren medial vermittelt. In meinen Teenagerjahren war ich durchaus fasziniert von Serienmorden. Allerdings weniger von den Tätern als vielmehr den fiktionalen Profilerfiguren, die sie jagten. Es war die Auseinandersetzung mit ihren Taten, die mich interessiert hat. Deshalb irritiert mich auch die in Untersuchungen bestätigte Erklärung, dass insbesondere Frauen True Crime konsumieren, weil sie den Schrecken in einem sicheren Raum miterleben können.

 

„Verbrechen sagen etwas über die Gesellschaft aus“

Ich rezipiere viel True Crime – als Buch, als Film, als Podcast. Allerdings geht es mir nicht um den Schrecken. Verbrechen sagen etwas über die Gesellschaft aus, über die Welt, in der wir leben. Gerade höre ich den Podcast Verified. Es geht um einen Mann in Italien, der Couchsurfing anbietet und offenbar seine weiblichen Übernachtungsgäste unter Drogen setzt. Die Frauen erzählen ihre Erfahrungen – und es ist schockierend zu hören, wie sie aufdringliches, übergriffiges Verhalten zunächst damit erklären, dass das in Italien nun einmal so üblich sei.

Warum dieser Mann tut, was er tut, interessiert mich nicht. Mich interessieren die Frauen, von denen Verified erzählt. Mich interessieren die Ermittlungen zu einem Täter. Hallie Rubenhold schreibt in The Five über die fünf Frauen, die von Jack the Ripper ermordet wurden: Mary Ann Nichols, Annie Chapman, Elizabeth Stride, Catherine Eddowes und Mary Jane Kelly waren keineswegs alle Prostituierte. Rubenhold macht sehr deutlich, wie Misogynie auf Seiten der Ermittler die Ermittlungen behindert haben – und wird seither dafür angegriffen, dass sie an dem bestehenden Mythos rüttelt. Ava DuVernays Miniserie When They See Us erzählt zwar von den vermeintlichen Tätern – sie wurden zu Unrecht verurteilt. Und so entlarvt sie in ihrer Miniserie, die niemals vorgibt, objektiv zu sein, die Vorurteile und den systemischen Rassismus der Justiz in den USA.

Diese True-Crime-Formate reproduzieren nicht gängige Erzählweisen. Sie lassen Täter nicht bestimmen, was erzählt wird; sie verweigern Ermittlungsbehörden die Deutungshoheit. Sobald man die Sichtweise verändert, verändert sich auch die Wahrnehmung von Verbrechen und Verbrechern. Deshalb müssen die Geschichten von wahren Verbrechen neu und anders erzählt werden.

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True Crime im TV

Im deutschen Fernsehen haben sich die True-Crime-Formate schon eingerichtet. Die Darstellungen sind dabei jedoch häufig stereotyp und klischeebeladen. FSF-Prüferin Christiane Radeke, bemerkte dazu, dass die Rollen oftmals klar verteilt sind: ein „psychopathischer Täter mit Allmachtsfantasien“ steht einem „hilflos ausgelieferten, meist weiblichen Opfer“ gegenüber.

Während es auf Streamingdiensten wie Netflix und Co. um eine sachliche, dokumentarische Auseinandersetzung mit dem Verbrechen geht, zielen True-Crime-Formate im Fernsehen auf Angst und Grusel ab. Das reale Verbrechen wird dramatisch und suggestiv nachgespielt – es soll das Publikum nicht aufklären, sondern in erster Linie unterhalten. Durch die Zunahme von True Crime im linearen Fernsehen, finden diese auch ihren Weg in die FSF-Prüfausschüsse. Auf dem Prüfstand steht vor allem das Wirkungsrisiko der übermäßigen Ängstigung, welches sich durch den Realismusgehalt und die Gruselmomente für die jüngere Zielgruppe erwarten lässt. Die Freigaben für geprüfte True-Crime-Programme wie beispielsweise Killer-Paare – Tödliches Verlangen, Panic 9-1-1 oder Das Medium und der Cop bewegten sich meist zwischen dem Haupt- und Spätabendprogramm. In einigen Fällen wurde auch eine Freigabe für das Tagesprogramm erteilt – Voraussetzung hierfür war jedoch eine zurückhaltende Bildebene.

 

Quellen:

Alle Links zuletzt abgerufen am 25. Mai 2020

Über Sonja Hartl

Sonja Hartl studierte Deutsche Sprache und Literatur, Medienwissenschaft und Sozial- und Wirtschaftsgeschichte in Marburg und schreibt seither als freie Journalistin über Film, Fernsehen und Literatur. Außerdem betreibt sie das Blog Zeilenkino und ist Chefredakteurin von Polar Noir.

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