WAP – Eine Presseschau

Das war mal wieder fällig. Lange wurde nicht mehr über ein Musikvideo so kontrovers diskutiert. Offensichtlich legte der Track WAP die Lunte an ein diskursives Pulverfass, das dann Anfang August 2020 hochging. Da wurde er von Cardi B und Megan Thee Stallion veröffentlicht. Die Abkürzung WAP bedeutet Wet Ass Pussy, die Song Lyrics sind wirklich explizit. Sie rappen, so fasst Johanna Dürrholz in der FAZ zusammen „von sehr feuchten Scheiden“, so feucht, dass man Eimer und Wischmopp für das Vaginalsekret brauche („Bring a bucket and a mop for this wet ass pussy“). Dazu kommen unmissverständliche Analogien, wie die hier: „I want you to park that big Mack truck / Right in this little garage“.

 

Chart-Sturm. Social Media macht’s möglich!

Der Track und vor allem das Video – das lässt sich in diesem Falle schwer trennen – haben eine erstaunliche Karriere hingelegt. Bis heute wurde das Video über 200 Millionen Mal auf YouTube geklickt. Allein am Veröffentlichungstag klickte es 26 Millionen Mal. Social Media macht’s möglich! Durch immense Streaming- und Downloadzahlen stieg der Track stante pede vor allem im englischsprachigen Raum auf Platz 1, nämlich in den USA, Australien, UK, Kanada, Neuseeland und Irland, aber auch in Griechenland.
Überraschend? Eher nicht. Der anglozentrierte Chart-Erfolg hat natürlich mit der sprachlichen Durchschlagskraft zu tun, die in semantischer Hinsicht in diesem Sprachraum eine direkte und mächtige Wirkung entfaltete. Insofern ist unter Jugendschutzaspekten ein gewisses distanzierendes Moment bei der hiesigen Rezeption einzupreisen. Auf der visuellen Ebene ist dieser distanzierende semantische Puffer allerdings nicht gegeben.

Beachtlich sind auch die Länder, in denen der Track nicht ganz so zündete, beispielsweise: Argentinien (Pl. 17), Italien (Pl. 34), Frankreich (Pl. 35), Spanien (Pl. 63), Südkorea (Pl. 136). In Deutschland schaffte er es immerhin auf Platz 12. Dafür liefen hier sowie im angelsächsischen Raum die Diskussionen um das Video besonders heiß. In der Debatte ließen sich – kaum überraschend – zwei Lager identifizieren. Erwartbar natürlich die konservative Reaktion. Hier gelangte vor allem der Republikaner James P. Bradley mit seinem Tweet zu Berühmtheit, in dem er mutmaßte, dass Cardi B und Megan Thee Stallion zeigten, was passiere, wenn Kinder „ohne Gott und eine starke Vaterfigur“ aufwüchsen. Er wollte sich „heiliges Wasser in die Ohren spritzen“, als er „versehentlich“ den Song hörte. Und er hätte „Mitleid“ mit künftigen Mädchengenerationen, wenn das ihre Rollenvorbilder seien. Klare Sache. Dem entgegen standen zahlreiche liberale Statements in den USA und UK, die eher das „female Empowerment“ fokussierten. Der Guardian titelte: “Cardi B and Megan Thee Stallion’s WAP should be celebrated, not scolded.

 

 

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Erregte Debatten

Diese Positionierung dominierte auch das deutsche Feuilleton, in der auch viele Frauen zu Wort kamen. So meint Johanna Dürrholz in der FAZ: „Wenn Cardi B nun also von weiblichem Empowerment spricht, meint sie damit einen weiblichen Blick auf Sexualität. […] Ihre Lyrics sind versaut, sie tun aber niemandem weh.“ Es gehe eben nicht darum, dass eine Frau eine „bitch“ ist, wenn sie nicht tut, was der sexuelle Gegenpart will, nicht darum, dass eine Frau als Sexobjekt austauschbar ist, ohne Namen, ohne Geschichte, ohne Sinnlichkeit. „Die Narrative, die die beiden Rapperinnen bedienen, sind definitiv männlich geprägt, stammen aus einer Rapkultur, in der sonst eben Männer auf eine bestimmte Weise über Frauenkörper rappen.“ Cardi B und Megan The Stallion haben den Spieß umgedreht, so Dürrholz. Empowerment ist gut und schön, aber in der TAZ wird in der Debatten-Rubrik Steile These die noch größere Dimension aufgefahren: „Nur Cardi B kann die USA retten“. Der Einfluss der aktuell mächtigsten US-Rapperin mit ihren 75 Millionen Followern auf Instagram sei so wichtig, weil sie sich politisch deutlich gegen Trump positioniere. Rechtskonservative Attacken kontere sie wirkungsvoll. Die Autorin Anna Fastabend bringt hierfür das schöne Beispiel der konservativen Politikerin DeAnna Lorraine, die twitterte: „America needs far more women like Melania Trump and far less like Cardi B.“ Diese erwiderte: Habe sie nicht früher selbst ihre „WAP“ verkauft? Als ihr Lorraine jugendgefährdendes Verhalten vorwarf, postete Cardi B. ein Nacktbild von Melania Trump, das sie als junges Model für ein französisches Magazin zeigt.

Das euphorisch utopistische Fazit des TAZ-Beitrages: Cardi B werde Trump irgendwann kleinkriegen. Wer es mit den skrupellosen Investmentbankern in einem Stripklub aufnehme und sich im männerdominierten Rap-Geschäft durchsetze, der verspeise einen Despoten wie Trump doch wie eine Gottesanbeterin auf Beutezug zum Frühstück. „Kämpf’“, Cardi B, „Kämpf!“, so Fastabend.

Soweit ging Jens Balzer mit seiner Einschätzung in der ZEIT nicht. Aber seine Einordnung bewegt sich im gleichen Fahrwasser: „Die Rapperinnen eignen sich den Sexismus der Männer nicht an und kehren ihn auch nicht einfach um; vielmehr ersetzen sie ihn durch weibliche Autonomie. Wir sehen hier mithin nichts anderes als eine vollendete Emanzipation. Dass das Sexuelle politisch ist: Das haben schon frühere Generationen engagierter Popkünstler und -künstlerinnen erkannt. Doch wurde diese Erkenntnis noch nie so virtuos umgesetzt wie von Cardi B, mit solcher Klugheit und Wucht, solchem Glamour und so perfektem Gespür für den rechten Moment.“

 

Der #MeToo-Kontext

Die Reihe ähnlicher Kommentierungen lässt sich fortsetzen. Im Tagesspiegel formuliert Sabrina Markutzyk klar „Meine Pussy gehört mir.“ Es gehe in der Debatte nicht um Inhalte, sondern um Macht. Der „neue Sexpositivismus“ sei mitnichten ein singuläres Phänomen, sondern popkultureller Ausdruck eines über Jahre gewachsenen „neuen feministischen Selbstverständnisses, das toxischer Männlichkeit eine Abfuhr“ erteile. Der #MeToo-Kontext definiert den Blick. Das Echo auf WAP demonstriere, wie sexistische Stereotype, Rollenerwartungen und Misogynie in der Gesellschaft fortbestehen: Im patriarchalen Denken ist weibliche Sexualität nur dann genehm, wenn Männer sie kontrollieren und von ihr profitieren.

Joachim Hentschel nennt den Hip-Hop-Clip in der Süddeutschen Zeitung radikal und sensationell. Die Vulven seien nicht sichtbar, aber „irgendwie hörbar“. Durchaus interessant. Ganz altmodisch fällt mir hier der Klassiker „Je t’aime“ ins Gehör. Der Ruhm, so Hentschel, komme auch daher, dass im Diskurs über Song und Video wirklich alles zusammendiffundiere, was derzeit an Hashtags und kulturellen Topoi umherfliege: Gender- und Hautfarbenpolitik, Cancel Culture, kulturelle Aneignung, der US-Wahlkampf, sogar Hygienefragen. Unter Jugendschutzaspekten stellt der SZ-Beitrag die richtigen Fragen, nämlich die nach dem Verhältnis von femaler Emanzipation und der Bedienung männlich dominierter (pornografischer) Blickwinkel, da Cardi B und Megan Thee Stallion eine Menge an sexuellen Schlüsselbildern ausbreiten, die so ähnlich auch in maskulin gesteuerten Inszenierungen vorkommen. „Entscheidend ist jedoch, dass im ‚WAP‘-Video keine Männer vorkommen, nicht als Absender oder Wortführer, nicht einmal als Leerstellen, die gefüllt werden müssten. Für männliche Betrachter ist es hier kaum möglich, die Brüste und Hintern irgendwie auf sich zu beziehen, diesen Sex persönlich zu nehmen. In Hip-Hop-Videos gibt es die Idee schon länger, der Clip ist ein neuer Kulminationspunkt.“ Die „bodenlose Versautheit“ des Clips sei die „transgressive Utopie der Stunde“, so Hentschel. Man könne dieses Video nicht reinigen. Das, was viele andere Schmutz nennen, bedeute hier einfach alles. Ein sehr weitgehendes Statement.

Simone Meier hingegen nennt das Video auf Watson ein „sehr, sehr fröhliches Stück Brachialfeminismus“. Mittlerweile haben sich die Wogen etwas geglättet. Die ikonografischen Videobilder sind in der Social-Media-Welt integriert, geschreddert und teils neu formatiert worden. WAP wird als bemerkenswerte Erfolgsgeschichte des Corona-Jahres 2020 abgespeichert bleiben. Die engagierte Cardi B wird viele Dollars verdienen. Jemand wird 46. US-Präsident.
All diese Kontroversen zeigen letztlich vor allem eines: WAP ist eher ein Problem der politischen Agenda als des Jugendschutzes.

 

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Links zuletzt abgerufen am 22. September 2020

Über Uwe Breitenborn

Dr. Uwe Breitenborn, hauptamtlicher Prüfer der FSF, Publizist, Dozent und Autor, zahlreiche Veröffentlichungen zur Mediengeschichte, Musiksoziologie, Sozial- und Kulturwissenschaft. Von 2014-2019 Vertretung der Professur Onlinejournalismus an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Zuvor u.a. Arbeit an der Martin-Luther-Universität Halle und beim DRA Babelsberg.

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