Unsinnlich, aber nicht unsinnig

FSF-Jahrestagung und Prüferfortbildung am 25. September 2020

 

„Berlin fehlt“ – so lautet eine Erkenntnis aus der Evaluation der mobilen Prüfungen, die zu Beginn der diesjährigen Jahrestagung vorgestellt wurde. Klar, wer bislang hin und wieder auf Einladung der FSF in die Hauptstadt reisen durfte, erlebt die Verbannung ins Homeoffice besonders einschneidend. Auch die Jahrestagung fand erstmals am Bildschirm statt, und der Verlust war spürbar. Nur die wenigsten Arbeitszimmer dürften mit der Pracht des Magnus-Hauses mithalten können, das üblicherweise die Kulisse für das jährliche Zusammentreffen bietet. Statt Begegnungen, Häppchen und Plausch gab es das sterile Mosaik einer Zoom-Konferenz, dessen gut 80 Teilnehmerinnen und Teilnehmer sich über mehrere Bildschirmseiten erstreckten.

„Der Umstieg von Präsenz- auf virtuelle Prüfungen im März ist nahezu reibungslos gelungen.“

So ließ sich beim Treffen direkt miterleben, was Brigitte Zeitlmann und Katja Verchow als Ergebnis der Evaluation präsentierten. Dass nämlich in den Telefon- und Videokonferenzen manches auf der Strecke bleibe, der persönliche Kontakt in erster Linie, aber auch manche Feinheit in der Diskussion. Dafür gewönnen die Prüferinnen und Prüfer an Flexibilität und arbeiteten tendenziell fokussierter. Vor allem aber könnten sie auch unter den Bedingungen einer Pandemie überhaupt weiter ihrer Aufgabe nachkommen. Der Umstieg von Präsenz- auf virtuelle Prüfungen im März ist nahezu reibungslos gelungen. Nicht ohne Stolz wies Claudia Mikat darauf hin, dass im Jahr 2020 keine einzige Prüfung ausgefallen ist – eine beachtliche Leistung des gesamten FSF-Teams.

Vortrag der Medienwissenschaftlerin Dr. Tanja Deuerling bei der Prüferfortbildung (online) am 25. September 2020 © FSF
Vortrag der Medienwissenschaftlerin Dr. Tanja Deuerling bei der Prüferfortbildung am 25. September 2020 © FSF

Zwischen Eskapismus und Eskalation: Fernsehen im New Normal

Auch der als Video eingespielte Vortrag der Medienwissenschaftlerin Dr. Tanja Deuerling widmete sich im weiteren Sinne dem Thema Corona. Unter dem Titel Zwischen Eskapismus und Eskalation: Fernsehen im New Normal ging sie den Fragen nach, wie sich das Sehverhalten im Lockdown verändert hat und mit welchen Auswirkungen auf das Programm von Fernsehsendern und Streamingdiensten in nächster Zeit zu rechnen ist. Diese gehörten, wie Deuerling feststellte, zu den Profiteuren der Corona-Krise und konnten im Frühjahr enorme Zuschauerzugewinne erzielen. Zwar haben sich die Zahlen bei den TV-Sendern mittlerweile wieder normalisiert, der Relevanzgewinn der nonlinearen Plattformen dürfte hingegen nachhaltig sein.

Gleichzeitig litten zumindest die privaten Fernsehsender auch unter der Krise, da sich der Wirtschaftseinbruch bei ihnen direkt in einem Rückgang der Werbeeinnahmen niederschlug. Dadurch stand weniger Budget zur Verfügung, was wiederum dazu führte, dass das Programm weniger innovativ und risikoaffin war. Stattdessen wurde vermehrt auf die Variation bewährter Erfolgsformate gesetzt, die nun greller, aufdringlicher und härter daherkamen als zuvor – ein Trend, der nach Deuerlings Auffassung auch unter den gegebenen Umständen des „New Normal“ weiter anhalten wird.

„Aufklärungs- und Erotikformate erleben ein Revival“

Folgerichtig fehlen unter den von Deuerling identifizierten Trends genuin neue, innovative Formate völlig, die meisten sind mehr oder weniger Dauerbrenner, lediglich die seit der Jahrtausendwende ausgestorbenen Aufklärungs- und Erotikformate erleben ein Revival durch Sendungen wie Moms make Porn (SAT.1) oder Sex Tape (TLC). Andere Trendformate waren nie weg, wurden aber durch den großen Erfolg einzelner Gamechanger revitalisiert, in erster Linie das „Guilty-Pleasure“-Reality-TV mit Promis und Challenges durch den skandalträchtigen Quotenschlager Promis unter Palmen (SAT.1), aber auch Musikshows durch den aus Korea stammenden weltweiten Megahit The Masked Singer (ProSieben) oder True-Crime-Serien durch die aufsehenerregende Netflix-Produktion Tiger King. Dass es immer noch schriller und lauter geht, zeigt die ungebrochene Hochkonjunktur diverser Datingformate, (Physical) Gameshows und Medizinsendungen, die konsequent an und über die Scham-, Schmerz- und Ekelgrenze gehen.

Aus Sicht der FSF verheißt dieser Ausblick herausfordernde Prüfungen. Eine kurze und kontroverse Diskussionsrunde anhand von Ausschnitten aus Promis unter Palmen gab darauf einen Vorgeschmack. Entlarvt sich antisoziales Verhalten selbst oder bedarf es einer expliziten Einordnung? Genügt ein Kandidat, der sich der diskriminierenden Gruppendynamik entzieht, als Korrektiv? Sind Schnitte sinnvoll oder doch eher kontraproduktiv, weil sie das schädliche Verhalten entschärfen und erträglicher machen? Nicht nur für die 14 neu ernannten Prüferinnen und Prüfer war die Auseinandersetzung mit diesem Grenzfall aufschlussreich, weshalb diese Jahrestagung unter dasselbe Motto gestellt werden konnte, das die Evaluation für die mobilen Prüfungen ergeben hatte: „unsinnlich, aber nicht unsinnig“.

 

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Weitere Texte zu den Themen: Prüferfortbildung, FSF-Programmprüfung oder Reality-TV

 

Über David Assmann

David Assmann studierte Mediendramaturgie in Mainz. Er arbeitet als freier Filmkritiker, Filmemacher und Filmwissenschaftler in Berlin, ist Mitglied des Auswahlgremiums für Kinder- und Jugendfilme bei der Berlinale und seit November 2018 Prüfer bei der FSF.

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