Was Anonymität mit Hemmungen macht: Das Fremde auf Omegle

Während die Kontaktaufnahme zu fremden Menschen im echten Leben manchmal kompliziert sein kann, gibt es im Internet zahlreiche Möglichkeiten, neue Leute kennenzulernen. Das erleichtert den Austausch zu bestimmten Themen und Interessen, den viele Menschen suchen. Während die meisten sozialen Medien eine Anmeldung erfordern, gibt es auch einige Plattformen, auf denen keine Registrierung notwendig ist. Ein Beispiel dafür ist Omegle.

 

Was ist Omegle? Talk to Strangers!

„Talk to strangers!“ lautet die Überschrift. Die Idee hinter der Plattform: ohne Anmeldung mit zufällig zugeteilten fremden Menschen chatten, mit oder ohne Video. Wer über bestimmte Interessen sprechen möchte, kann dieses Themengebiet zusätzlich angeben.
Auf der Startseite hält die Website Nutzende dazu an, die eigene Identität nicht preiszugeben und warnt vor „predators“, hier wohl zu übersetzen mit (Sexual-)Straftätern. Im „Kleingedruckten“ wird darauf hingewiesen, dass die Seite erst ab 13 Jahren genutzt werden soll und bei unter 18-jährigen auch nur mit Erlaubnis der Erziehungsberechtigten. Außerdem sollen Nacktheit, sexuelle Belästigung und Beleidigungen in jeglicher Form vermieden werden.
Ein kurzer Selbsttest zeigt allerdings, dass im Chat längst nicht so friedlich kommuniziert wird, wie Eltern und junge Nutzende – und wahrscheinlich auch die Betreibenden der Website selbst – wohl hoffen. Nachrichten wie „hey ich bin emily, 21 jahre alt und verkaufe mich für dich. 😉 (…)“ oder „M24 [A.d.R.: „M“ steht hier für „Mann“] sucht devotes babygirl zum erziehen per Snapchat oder kik!“ sind leider nicht die Ausnahme. Bei ablehnender oder zu langsamer Reaktion beendete der „Stranger“ den Chat.

Screenshot: Omegle, Chatverlauf
Screenshot: Omegle, Chatverlauf

Bei Aktivierung der Kamerafunktion sehen und hören sich die Chattenden von Anfang an und können dazu miteinander schreiben. Auch hier spielt sich zu oft ab, was man sich eigentlich nicht ausmalen möchte: nackte Männer schreiben mir, einer bekleideten jungen Frau, anstößige Nachrichten und ich schließe den Chat. Nackte Frauen beenden direkt den Chat mit mir. Und zur Erinnerung: das alles spielt sich im „normalen“ Chatbereich ab, der für 13-Jährige freigegeben ist.

 

Pandemie: Gestiegene  Mediennutzung – gestiegenes Risiko

An dieser Stelle kann man sich fragen, welche persönlichen Gründe denn dazu führen, sich solch eine App runterzuladen? Was erhoffen sich die Teilnehmenden von den Chats und Kommunikationsmöglichkeiten? Gerade in der Pandemiezeit ist die Mediennutzung stark gestiegen. Auch wenn bei den Jugendlichen „Freunde treffen“ immer noch auf Platz eins der Freizeitgestaltung liegt, so sind sie nun momentan angehalten, auf den „Indoor-Spielplatz“ Wohnung auszuweichen und da lenkt man sich dann schon mal mit solchen Apps ab. Damit einher häuft sich leider auch Hate Speech und Cybergrooming. Der Zusammenhang ist u.a. auf den Online-Enthemmungseffekt zurückzuführen.

 

Was bewirkt der Online-Enthemmungseffekt?

Der US-Psychologe John Suler hat 2004 den Begriff „Online Disinhibition Effect“ (deutsch: Online-Enthemmungseffekt) vorgestellt. Suler beschreibt damit ein unbefangenes Verhalten von Nutzenden, die sich durch die Anonymität und die Indirektheit des Internets geschützt fühlen. Diese Unbefangenheit kann in zwei Richtungen führen: Entweder in eine positive, wenn Leute sich empathischer zeigen als im echten Leben (Benign Online-Disinhibition; benign = gutartig), oder in eine negative, wenn Empathielosigkeit gefördert wird (Toxic Online-Disinhibition; toxic = giftig). Folgen dieses toxischen enthemmten Handelns können Hate Speech oder auch Cybergrooming sein.
Die Seite ADL – Anti-Defamation League, die sich als Anti-Hass-Organisation beschreibt – berichtet darüber hinaus vom sogenannten „Redpilling“, einem Vorgehen der rechten Szene, um ihre extremistische Ideologie in dem Fall unkontrolliert und unbestraft zu verbreiten. Dabei würden sogenannte „Extremist Trolls“ vor der Kamera beispielsweise Blackfacing betreiben oder antisemitische Parolen beim Start des Chats aufsagen.

Eine Seite wie Omegle, auf der man ohne Hinterlegung einer E-Mailadresse oder eines Pseudonyms mit fremden Leuten Kontakt aufnehmen und diesen jederzeit ohne Begründung abbrechen kann, scheint Missbrauch geradezu zu fördern. Meinungen, Geheimnisse und Geschlechtsteile können ungehemmt und ohne Konsequenzen entblößt werden und eben auch neugierige Kinder und Jugendliche erreichen, was der Jugendschutz ja eigentlich zu vermeiden sucht. Bei Apps, Portalen und Webseiten, die sich nicht auf deutsches oder EU-Recht berufen, ist allerdings die Unterstützung der Erziehungsberechtigten unerlässlich, denn das deutsche Jugendmedienschutzrecht greift nicht für US- oder andere auf internationalen Servern gehostete Seiten. Zum Schutz unserer Kinder wäre ein international angedachter Jugendschutz hilfreich – aber wohl spätestens in seiner Umsetzung sehr unrealistisch.

 

Ein Klick führt „zu weit“: Camegle

Auf der Startseite von Omegle gibt es auch die Möglichkeit, den “18+“-Bereich zu betreten, der prominenter positioniert ist als die reguläre Chatfunktion. Hier kann zwischen den Optionen „Adult“ – Weiterleitung auf die Seite camegle.com, die gestaltet ist wie die Startseite einer Pornografiewebsite – und „Unmoderated Section“ – ein Videochat, bei dem Freizügigkeit vorprogrammiert ist – gewählt werden. Als Warnhinweis öffnet sich lediglich ein Fenster, das mit einem einfachen Klick auf „OK“ geschlossen werden kann – und zu Camegle führt.

Screenshot: Omegle, Warnung
Screenshot: Omegle, Warnung

Wenn eine Website fragt: „Bist Du älter als 18 Jahre?“, wie ehrlich wird dann wohl geantwortet?

Hand aufs Herz: verbotene Angelegenheiten sind immer aufregend und wecken die Neugierde. Wie viele Jugendliche, die auch mal die Anonymität von Omegle ausprobieren wollen, schließen das Fenster – enttäuscht aber vernünftig – wieder, weil sie noch keine 18 Jahre alt sind? Vermutlich wenige. Möglicherweise ist der Inhalt der „18+“-Abteilung so abschreckend, dass er nicht nochmal geöffnet wird; festzuhalten ist allerdings, dass auch der für Jugendliche freigegebene Bereich nicht viel harmloser ist.

 

Vergleichbare Plattformen

Natürlich gibt es den Enthemmungseffekt und alle damit verbundenen Risiken nicht nur auf Omegle. Auch in den gängigen sozialen Medien sind Hate Speech und Cybermobbing kein seltenes Phänomen, einer aktuellen bitkom-Umfrage zufolge sei digitale Hassrede dem Großteil der Social-Media-Nutzenden schon begegnet.

Und leider bleibt auch Omegle nicht das einzige Portal, das als jugendgefährdend eingeschätzt wird, dazu gesellen sich u.a. auch Chatroulette (das Videochatten mit fremden Personen), VideochatDE (videochatde.com) und Chatrandom (der sexuelle Austausch steht offen im Vordergrund; zweideutige Anspielungen sind ganz normal). Diese Oberflächen sind den Heranwachsenden hoffentlich nicht geläufig, aber die Eltern sollten dennoch ein Auge darauf haben. Zusätzlich kreist im App-Kosmos der Teenies derzeit Yubo herum – das „Tinder für Kinder“. Auf den ersten Blick wirkt die App weniger offensichtlich potenziell gefährdend, aber auch sie birgt die oben erwähnten Risiken durch Fremdkontakt – nur etwas subtiler verpackt – da hier erst miteinander geschrieben werden kann, wenn beide Seiten „ja“ zum Profil des oder der anderen „gewischt“ haben.

Bild von Jerzy Górecki auf Pixabay
Bild von Jerzy Górecki auf Pixabay

Wie können junge Nutzende vor den möglichen Gefahren geschützt werden?

Um Kinder und Jugendliche vor oben genannten digitalen Gefahren im Netz zu schützen, gibt es viele Ratgeber und Hilfsangebote. klicksafe (Link s.u.) zum Beispiel empfiehlt einen offenen Diskurs über die Internetnutzung und die damit verbundenen Gefahrenpotenziale. Eine Sensibilisierung für bestimmte Warnsignale – bspw. das Thematisieren von Sexualität, Geldgeschenke oder ein gewünschtes Offlinetreffen – soll es Betroffenen erleichtern, sich an Vertrauenspersonen zu wenden.
Dass Jugendliche aus Neugierde auch mal auf die „dunklen Seiten“ des Internets gelangen, ist kaum zu vermeiden. Ein frühzeitiges Aufklären darüber, was – und vor allem wer – einen auf diesen dunklen Seiten erwarten kann, trägt im besten Fall aber schon früh zu einem reflektierteren Umgang bei.

Als meine Freundinnen und ich damals mit etwa 13 Jahren bei Übernachtungspartys auf Omegle unterwegs waren, da fanden wir das zwar eklig, aber auch spannend. Mit meinen Eltern habe ich darüber nicht gesprochen. Allerdings kann ich mir vorstellen, dass ich von unseren unangenehmen Begegnungen im Videochat erzählt hätte, wenn meine Eltern das Thema von sich aus angesprochen hätten. Hier ist anzuraten, keinen „das Internet ist böse und gefährlich“-Ton zu wählen, sondern eher „du gehst bestimmt verantwortungsbewusst damit um; wir wollen dir nur mal zeigen, was für schlimme Menschen es geben kann“. Im Rahmen des Safer Internet Day, der jährlich am 9. Februar stattfindet, wurden auch dieses Jahr wieder viele Hilfeseiten und Ratgeber veröffentlicht, um medienpädagogische Arbeit auch für „Laien“ zu ermöglichen. Eine Auswahl findet sich hier:

 

Quellen und Informationen zum Nachlesen:

Alle Links wurden zuletzt geprüft am 16. März 2021

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Über Lea Gangloff

Lea Gangloff studierte in Tübingen Germanistik und Anglistik und ist nun im Masterstudium für Literatur und Medien. Durch ein Praktikum kam sie zur Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen und arbeitet jetzt als Werkstudentin bei der FSF.

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