Wie viel Grenzüberschreitung kommt an?

Die Faszination der Trash-Figur Claudia Obert

 

Angezogen von der Artikelflut im Internet und das Echo des Shitstorms noch immer in den Ohren klingend – Sprichwort: „Mobbing-Kampagne“ gegen Claudia Obert in Promis unter Palmen – wollte ich mich dieses Mal selbst davon überzeugen, ob und wenn ja, welches potenziell oder vermeintlich „gesellschaftsschädigende Verhalten“ die Sendung Claudias House auf Love birgt. Natürlich in erster Linie, um beruflich mitreden zu können, aber zugegebenermaßen war das nicht der einzige Grund. Obwohl ich kein Trash-TV-Fan bin – so dachte ich! – musste ich nach der ersten Episode erst einmal weitergucken.

Worum geht’s?

In dem Datingformat Claudias House of Love erhofft sich die Unternehmerin Claudia Obert, einigen vielleicht aus Reality-Sendungen wie Promi Big Brother oder Promis unter Palmen bekannt, den Mann fürs Leben zu finden. Dazu lädt „sie“ sich zehn Männer in ein Promihaus, und die Liebeskandidaten verschiedensten Typus und Alters buhlen um ihre Gunst. Wie in anderen Formaten dieser Art gibt es diverse Challenges, um sich Exklusivminuten mit der Hausdame zu erspielen. Die Auswahl der männlichen Charaktere ist sehr facettenreich. Dabei spielt das Format offensiv mit dem Ausloten von Schamgrenzen, genau dies hat Claudia Obert erst bekannt gemacht. Es gibt viel Party, Alkohol und provokante, ironische und z.T. bloßstellende Wortwechsel, auch sexuelle Anspielungen, Aggressionen unter den männlichen Kandidaten als auch Ausgrenzungen.

YouTube-Kanal Joyn Deutschland: Claudia Oberts House of Love – ein Joyn Original

Wer oder was fasziniert möglicherweise?

Oft klopfte der Fremdschäm-Effekt an: „das kann doch nicht ihr Ernst sein“, geisterte mir durch den Kopf und wie auch Spiegelautorin Carola Padtberg assoziierte, so fühlte auch ich mich an die frühe Verena Pooth erinnert. Festgehalten werden kann, dass das Format einen gewissen Unterhaltungswert besitzt. Es sind nicht nur die schrägen und provokativen Sprüche der Herzdame, die nebenbei bemerkt ein damenhaftes Verhalten irgendwie verlernt oder noch nie gelernt hat; es ist schon auch das Selbstbewusstsein, das sie laut und irgendwie unbarmherzig vor sich herträgt. Wenn sie gegenüber so manchem Teilnehmer salopp und wenig einfühlend agiert, bleibt das nicht ohne Mitleid des empathischen Zuschauenden – aber mir schwant, hier tritt der Arena-Effekt à la Brot-und-Spiel zutage, und das Amüsement geht zulasten der vermeintlichen „Loser“. Dann und wann – insgesamt aber selten – blitzen tiefer anmutende Empfindungen, gar eine gewisse Traurigkeit durch, wenn die nicht mehr ganz so taufrische kinderlose Singlefrau preisgibt, schlecht drauf zu sein, weil das Leben doch nicht nur aus Party und Champagner besteht, sondern sich die große Liebe nicht finden lassen will. Aber handelt es sich hier um wahrhaftiges Benehmen oder wurde die Melancholie bewusst lanciert?  Die kurzzeitige Niedergeschlagenheit empfindet der ein oder andere vielleicht als „angenehme“ ruhigere Pause – ein kurzes Ablenkungsmanöver vom lauten Claudia-„Ich will doch leben wie Liz Taylor!“-Ich.

Ob die Umworbene nun wirklich authentisch ist, lässt sich von meiner Couch aus nicht beurteilen. Ich mag es mir nicht vorstellen wollen, aber wenn dem so ist, geht dies als ein vermeintlich unbewusstes Konzept wie auch das des Senders zumindest für diese Staffel auf. Wer lässt sich nicht gern von zehn Männern hofieren? – nun gut, vor laufender Kamera … Welch kluger Marketing-Schachzug! Ist man erfolgreiche Geschäftsfrau, weiß man das auch immer wieder zu betonen und gekonnt zu positionieren – und dies nicht nur im Fernsehen, sondern auch in den sozialen Medien, längst ist sie zur Meme-Ikone erkoren, wodurch sich clevererweise weitere Aufträge ergeben.

 

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»Ohne Negativzuspruch wäre ich gar kein Thema, nirgendwo«

So Claudia Obert – und damit hat sie Recht. Das Sendekonzept trägt sich aber nur mit den taffen und sich nicht allzu ernst nehmenden Männern, den nicht enden wollenden Hahnenkämpfen und so mancher aufzudeckenden Beichte.

Schwierige Frage – keine leichte Antwort

So richtig greifen und beantworten lässt sich die Frage nicht, was genau fasziniert. Es bräuchte wohl eine Psychoanalyse, um zu einer konkreten Antwort zu kommen, was dieses Format mit dieser Staffel interessanter macht als andere Realityformate. Vielleicht hat es mit der Authentizität der unbekannten aber weniger streitsüchtigen Männer zu tun, die kein ausgeprägtes D-Promi-Verhalten an den Tag legen. Auch wenn diese in der Überzahl großes selbstdarstellerisches Talent besitzen, so wirkt das Konzept in der Kombination mit Königin Claudia bunter und harmloser als die manchmal verletzenden gruppendynamischen Prozesse anderer Formate. Diese „Heiterkeit“ des Formats vermittelt sich auch über die ironisch witzigen bis leicht frotzeligen Bauchbinden und Off-Kommentare, die weniger boshaft denn jovial auf so manche Unzulänglichkeiten der Kandidaten hinweisen.

 

Und was sagt der Jugendmedienschutz?

Neben der Frage, ob eher die Sendung oder die Person Claudia Obert fasziniert, interessiert das Publikum vielleicht, welche Gründe aus Jugendschutzsicht für eine Platzierung der Sendung im Hauptabendprogramm bzw. für eine Freigabe ab 12 Jahren sprachen. Dazu gibt FSF-Prüferin Katja Verchow Auskunft, die an den Prüfungen der Sendung beteiligt war.

 

Sandra Marquardt: In der fünften Folge von Promis unter Palmen wurde Claudia Obert stark gemobbt. Der FSF-Prüfausschuss hat in der Programmprüfung letzten Sommer mehrheitlich befunden, dass die Episode als nicht nachhaltig desorientierend für ab 12-jährige Zuschauende gewertet wird, weil das schikanierende Verhalten letztlich negativ eingeordnet wird (Details zur Programmprüfung: fsf blog). Finden sich in der Sendung Claudias House of Love in dieser Hinsicht Parallelen?

Katja Verchow: Dass es zu Konflikten zwischen den Teilnehmenden kommt, ist ein typisches Phänomen derartiger Shows, in denen die Kandidaten über einen längeren Zeitraum zusammenleben. Vereinzelt verschärfen sich auch in Claudias House of Love Konflikte und einzelne Kandidaten, die sich aus Sicht der anderen unangemessen verhalten, werden ausgegrenzt. Die ironisierende, teils bloßstellende Erzählweise – ebenfalls typisch für derartige Formate – fokussiert jene Konflikte zusätzlich. Das Niveau von Mobbing wird jedoch nicht erreicht, die Ausgrenzungen sind nur temporär. Auch wenn einzelne Kandidaten stellenweise als „Nervensägen“ inszeniert werden, gibt es doch Versuche von Aussprachen und Versöhnungen. Die Konflikte bleiben somit nicht unaufgelöst und eskalieren nicht.

Sandra Marquardt: In diesem Format wird sehr viel Alkohol konsumiert. Wie schätzte der FSF-Prüfausschuss das Zeigen des übermäßigen Alkoholgenusses ein?

Katja Verchow: Die Frage, ob es für ältere Kinder und Jugendliche attraktiv, nachahmenswert oder normal erscheint, dass Alkohol in dem Format zum lockeren Miteinander dazu zu gehören scheint und als Teil von lustigen Spielen eingesetzt wird, wurde im FSF-Prüfausschuss intensiv diskutiert. Letztlich konnte die Frage für ab 12-Jährige verneint werden. Am Beispiel einzelner stark alkoholisierter Teilnehmer, die sich offensichtlich „daneben“ benehmen und dafür von den anderen zurecht gewiesen werden, wird der übermäßige Alkoholkonsum als problematisch deutlich. Insgesamt eignen sich die erwachsenen Teilnehmenden, teils recht „spezielle“ Charaktere, kaum als Vorbildfiguren. Nicht zuletzt schafft das künstliche alltagsferne Show-Setting Distanz – der Rahmen ist doch deutlich anders als der Alltag von Kindern und Jugendlichen.

Sandra Marquardt: Viele Eltern oder Erziehende haben generell Bedenken hinsichtlich Nacktheit und Sexualität im Fernsehen. Einige sähen derlei Szenen gern erst ab 22 Uhr im TV. Was haben Zuschauende dieser Sendung zur Sendezeit ab 20.15 Uhr zu erwarten? Und wie steht es um eine vulgäre Sprache?

Katja Verchow: Wie es die Zuschauenden wohl bei der für ihre Freizügigkeit und Forschheit bekannten Protagonistin Claudia Obert erwarten, werden in dem Format durchaus Schamgrenzen berührt. Es geht in den anzüglichen Gesprächen und Spielen häufig um das Thema Sexualität – aber auch andere, manchmal ernste Themen haben ihren Platz, so dass deutlich wird, dass es den Teilnehmenden nicht nur um „das Eine“ geht. Das Vulgäre verbleibt überwiegend auf der Sprachebene, auf der Bildebene hingegen wird Sexualität nur angedeutet. Wir sehen Küsse und Streicheleinheiten, hier und da mal einen nackten Po oder Oberkörper. Die verbalen Anzüglichkeiten gehen nicht mit einer Abwertung anderer einher. Die sexuellen Anspielungen sind nicht besonders aufdringlich, sondern meist spielerisch und häufig albern, was für 12-Jährige entlastend wirkt.
Ein Beispiel: Einmal wird die auf dem Bett liegende Claudia Obert von anderen Kandidaten ausgepeitscht, dies ist jedoch als Spaß inszeniert, beruht deutlich auf gegenseitigem Einverständnis und ist kein Bestandteil etwaiger sexueller Handlungen. Stellenweise wird allzu vulgäres Verhalten durch die anderen Teilnehmenden und den ironisierenden Off-Kommentar als unangemessen eingeordnet. Eine Überforderung 12-Jähriger wurde daher nicht vermutet. Lediglich in einer Folge bewertete der FSF-Prüfausschuss die Anzüglichkeiten, Vulgarismen und sexuellen Spielchen mehrheitlich als verstörend für 12-Jährige, weshalb diese erst für das Spätabendprogramm und ab 16 Jahren freigegeben wurde.

Sandra Marquardt: Wie lautet dein Fazit, Katja?

Katja Verchow: Auch wenn das Format auf den ersten Blick herausfordernd für ab 12-Jährige erscheint, so ist es für diese Altersgruppe bei genauer Betrachtung aus Jugendschutzsicht doch gut zu verarbeiten. Das Unernste des Formats schafft Distanz. Ältere Kinder und Jugendliche sind in der Lage zu erkennen, dass es sich bei dem Gezeigten um eine künstliche Show-Welt mit ganz speziellen Typen handelt – eine Welt, die mit ihrer Lebensrealität und ihren Vorbildern wenig zu tun hat. All das Provokative entwickelt dadurch letztlich keine nachhaltig verstörende bzw. desorientierende Wirkmacht.

Die Sendung Claudias House of Love startet heute bei SAT.1 um 20.15 Uhr.

Logo der FSF-Altersfreigabe ab 12 Jahren | Hauptabendprogramm. Rundes grünes Symbol mit einer 12 in der Mitte und dem Schriftzug der FSF © FSF

Zur ProgrammInfo auf der FSF-Website geht es hier.

 

 

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Alle Links zuletzt geprüft am 25. März 2021

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Über Sandra Marquardt

Sandra Marquardt hat 2010 ihr Magisterstudium in Filmwissenschaft und Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der FU Berlin abgeschlossen. Seit 2011 arbeitet sie als Onlineredakteurin bei der FSF. Dort betreut sie u.a. zum einen den Onlineauftritt der FSF-Website, ist zum anderen für den fsf blog inklusive der Bildredaktion verantwortlich und festes Teammitglied der Newsletterredaktion. Als Praktikumsbeauftragte ist ihr die Betreuung der Praktikantinnen und Praktikanten eine Herzensangelegenheit.

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