Grünes Produzieren

Wie aus guten Vorsätzen für ressourcenschonende Produktionen mehr wird als nur Green Washing

 

Nachhaltig, fair, grün ­– die Schlagwörter waren schon vor der Fridays For Future-Bewegung keine Fremdwörter in der Film- und TV-Produktion in Deutschland. Aber wirklich umgesetzt wurde davon wenig. Das scheint sich Dank der gestiegenen Aufmerksamkeit für Umwelthemen und dem damit einhergehenden größeren Bewusstsein für eine faire und ressourcenschonende Film- und TV-Produktion nun zu ändern.

Die klimafreundliche Filmproduktion

Vorab: eine Filmproduktion ist per se nicht nachhaltig, denn jeder Dreh verbraucht Ressourcen. Betrachtet man Filmproduktionen nach ihrem ökologischen Fußabdruck, dann ist die Branche eher ein Bigfoot im Weltwirtschaftssystem. Mehrere hundert Tonnen CO2 können für einen einzelnen Filmdreh anfallen. Deshalb ist der Begriff der nachhaltigen Produktion eher irreführend. Vielmehr geht es um eine ressourcenschonende Produktion, die versucht nachhaltiger zu agieren als der Branchendurchschnitt. Wie das nachhaltiger umgesetzt wird, ist je nach Produktion und interner Guideline unterschiedlich.
Ein Anhaltspunkt ist der Grüne Drehpass, welcher seit 2012 als Gütesiegel für umweltbewusste Dreharbeiten von der Filmförderung Schleswig-Holstein vergeben wird. Auch andere Initiativen widmen sich selbstverpflichtend der ressourcenschonenden Produktion, wie etwa die Verpflichtungserklärungen des Deutschen Produzentenverbandes, der Arbeitskreis Green Shooting sowie diverse Nachhaltigkeitsstrategien einzelner Sender und Unternehmen.

Kamera zeichnet eine Sendung auf, im Fokus des Bildes steht die Kamera, auf der man das Gefilmte sieht, Hintergrund ist verschwommen; Bild: unsplash.com @jesuslovesaustin
Bild: unsplash.com @jesuslovesaustin

Schritt für Schritt zur ressourcenschonenden Produktion

Wie schafft man es, eine Produktion nachhaltiger durchzuführen? Zunächst müssen alle Abläufe unter ökologischen Gesichtspunkten überprüft werden: Transport, Catering, Technologie und Müllentsorgung sind ein Anfang. Um Emissionen einzusparen, lohnt es sich beispielsweise, den Flieger zu vermeiden und – soweit möglich – auf die Bahn umzusteigen. Manchmal reicht auch ein Videocall, anstatt für Face-to-Face-Meetings quer durch das Land zu reisen. Vegetarisches Essen führt an so manchen Sets immer noch zu Aufständen, dabei ist der Fleischverzicht nachgewiesenermaßen nicht nur für die Umwelt, sondern auch für die eigene Gesundheit förderlich.
Ein weiterer großer Aspekt ist das Stromsparpotenzial durch den Einsatz von LED-Beleuchtung in den Büros und am Set. Drehbücher und andere Dokumente müssen nicht auf weißem Papier gedruckt werden, nicht mal unbedingt auf recyceltem Papier, oft ist die Anschaffung von Tablets in diesem Punkt nicht nur ressourcensparender, sondern auf Dauer auch wirtschaftlicher. Dass Plastikmüll möglichst vermieden werden sollte und besonders Drehorte in der Natur und im öffentlichen Raum so verlassen werden, wie sie vorgefunden wurden, sollte selbstverständlich sein, ist es aber oft nicht. Solche Basics sind enorm wichtig, aber oft nicht weitreichend genug, denn jedes Gewerk muss seinen Beitrag leisten, um so in vielen kleinen Schritten eine größere Veränderung zu bewirken.

Der Arbeitskreis Green Shooting, von der baden-württembergischen Filmförderung (MFG) gegründet, entwickelte in Zusammenarbeit mit Fernsehsendern und Filmförderungen u.a. einen umfassenden Guide für ressourcenschonende Produktionsmethoden in der Filmherstellung. Dieser wurde zur Berlinale 2020 vorgestellt. Laut dessen Handlungsleitfaden ist es vor allem wichtig, das Team auf eine ressourcenschonende Arbeitsweise gut vorzubereiten, zu motivieren und zu unterstützen. Diese Aufgabe übernimmt der sogenannte Green Consultant, der die konkrete Umsetzung innerhalb der Produktion begleitet und überprüft.

Wenn es so einfach scheint, warum produzieren nicht alle ressourcenschonend?

Kritik an der Umsetzbarkeit hagelt es aus mehreren Ecken. Die Produktionsfirmen verweisen auf die technischen Dienstleistenden, deren Auswahl es meist nicht ermöglichen würde, nachhaltiger zu produzieren. Die Dienstleistenden stellen ihr Sortiment erst um, wenn die Nachfrage hoch genug ist und es seien sowieso die Sender als Auftraggebende, die aus Kostengründen immer mehr Drehtage einsparen wollen, wodurch eine langfristige nachhaltige Planung unmöglich wäre. Wer kaum Zeit hat, so die These, kann nicht ewig nach nachhaltigen Alternativen suchen.

„Ist die Branche so progressiv, wie sie denkt?“, diese berechtigte Frage stellte Dr. Skadi Loist während eines Panels zum Green Producing im Rahmen des Internationalen Studierendenfilmfestivals Sehsüchte im September letzten Jahres. Loist sieht nicht nur die ökologischen Aspekte als ausschlaggebend für eine „Grüne Produktion“. Für sie sind es ebenso soziale Aspekte, wie Gender-Diversität, die einen zeitgemäßen Dreh ausmachen. In der Film- und Fernsehproduktion passiert hier seit Jahren viel zu wenig, obwohl es anders propagiert wird. Sender, Filmförderungsanstalten, Produktionsfirmen und Dienstleistende, sie alle müssen an einem (nachhaltigen) Strang ziehen.

Aber es gibt sie, die Best-Practice-Beispiele. Allen voran ist hier der Privatsender Sky zu nennen, der eigenproduzierte Serien und Shows vorwiegend nach grünen Drehstandards umsetzt. Andere Privatsender verfolgen bereits interessante Ansätze. So stellte ProSiebenSat.1 die Stromversorgung am Standort Unterföhring vollständig auf erneuerbare Energien um. RTL tauschte seine Kaffeebecher gegen umweltfreundlichere Mehrwegbecher aus und RTLZWEI rief auf dem Firmengelände in Grünewald ein Imkerprojekt ins Leben. Dies sind wichtige Schritte, die ein größeres Bewusstsein für die Umwelt und nachhaltigen Ressourcenverbauch schaffen. Noch wichtiger aber ist, dass auch einige der Privatsender zusammen mit weiteren Vertreterinnen und Vertretern der Film- und Fernsehbranche eine Gemeinsame Erklärung für mehr Nachhaltigkeit in der Film- und Serienproduktion unterzeichnet haben. Ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.

 

Quellen und weiterführende Informationen

Alle Links zuletzt geprüft am 16. März 2021

***
Weitere Texte zu Filmfestivals, zum Internationalen Studierendenfilmfestival Sehsüchte, zu Filmen und Kino oder dem Thema Nachhaltigkeit

Über Eva Lütticke

Eva studiert Medienwissenschaften an der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF. Nebenbei arbeitet sie als freie Redakteurin und unterstützt das FSF-Team als Werkstudentin.

Schreibe einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.