Mysteriöses aus Russland: Djatlow-Pass – Tod im Schnee (Dead Mountain)

Start der achtteiligen Dramaserie bei FOX am 5. Juli 2021, 21.00 Uhr

 

Durch die angelsächsische Seriendominanz haben russische Serien auf dem deutschen Fernsehmarkt immer noch einen Exotenstatus. Aber manchmal kommt eine durch. Der deutsche FOX Channel strahlt ab dem 5. Juli die achtteilige Dramaserie Djatlow-Pass – Tod im Schnee aus. Die Serie stammt von der russischen Produktionsfirma 1-2-3 Production. Im internationalen Vertrieb (Beta Film) läuft die Serie unter dem Allerweltstitel Dead Mountain, der Bezug auf den Namen des Berges nimmt, an dem das Unheil begann. „Das Unglück am Djatlow-Pass ist wohl eines der berühmtesten Expeditions-Mysterien der jüngeren Geschichte. Seit dem Unglücksjahr 1959 gab es zahlreiche Erklärungsversuche, von Verschwörungstheorien rund um sowjetische Militärexperimente über Yetis bis hin zu Außerirdischen.“ (Andrews 2021) Die Serie greift diese Geschichte nun auf und verknüpft sie mit recht außergewöhnlichen Erzählsträngen rund um den ermittelnden KGB-Major Oleg Kostin (Pyotr Fyodorov) und die Gerichtsmedizinerin Katya Shumanova (Mariya Lugovaya).

 

Was war geschehen?

Die Fakten ergeben ein diffuses Bild. Um das Geschehen ranken sich viele Mythen, doch der Fall bleibt rätselhaft. Mit Verweis auf einen recht aktuellen Beitrag von Robin George Andrews in National Geographic (2021), der als Erklärung wieder die Lawinentheorie aufgreift, die auch von russischen Behörden favorisiert wird, lässt sich der Hergang der Ereignisse wie folgt zusammenfassen:

„Am 23. Januar 1959 brachen zehn Studierende und Absolventen des Polytechnischen Instituts des Urals in Jekaterinburg zu einer Ski- und Bergsteigerexpedition in die eisige Wildnis auf: sieben Männer und zwei Frauen sowie ein etwas älterer Wanderführer, der im Zweiten Weltkrieg gekämpft hatte. Ein Student mit Gelenkschmerzen kehrte um, aber der Rest ging weiter, angeführt vom 23-jährigen Ingenieurstudenten Igor Djatlow. Laut den Filmen aus der Fotokamera und persönlichen Tagebüchern, die später von den Ermittlern am Tatort gefunden wurden, schlug das Team am 1. Februar sein Lager auf und errichtete ein großes Zelt an den verschneiten Hängen des Cholat Sjachl, dessen Name in der Sprache des indigenen Mansi-Volkes so viel wie ‚Toter Berg‘ bedeutet. Danach hörte niemand mehr etwas von den Expeditionsteilnehmern. Als ein Suchteam ein paar Wochen später am Cholat Sjachl eintraf, fand man das Expeditionszelt, das gerade noch aus dem Schnee ragte. Es schien, als sei es von innen aufgeschlitzt worden. Am nächsten Tag wurde die erste Leiche in der Nähe eines Zedernbaums gefunden. Im Laufe der nächsten Monate, als der Schnee taute, machten die Suchteams nach und nach weitere grausige Funde: Die Leichen aller neun Teammitglieder lagen verstreut am Hang des Berges. Einige waren verblüffenderweise entkleidet, bei einigen waren Schädel und Rippen gebrochen, bei anderen fehlten die Augen – und einem fehlte die Zunge. Jede Leiche war ein Teil eines düsteren Puzzles, aber die Teile schienen nicht zusammenzupassen.“ (Andrews 2021)

Diese Katastrophe ist natürlich ideal für eine Geschichte, in der reale Ereignisse mit einer mysterygeladenen Fiktionalisierung verknüpft werden. Und genau das bietet dieses Format. Die Serie gehörte im vergangenen Winter zu den meistgesehenen Fernsehserien Russlands, was auch daran lag, dass der über 60 Jahre zurückliegende Fall bis heute ungeklärt ist. Wer sich näher damit beschäftigen möchte, sei auf das BBC-Longread-Feature There were nine… von Lucy Ash verwiesen, in dem die Ereignisse faktenbasiert und materialreich aufbereitet wurden. 2013 nahm der Horrorthriller The Dyatlov Pass Incident (Regie: Renny Harlin), der als Devil’s Pass angeboten wird, die Geschichte auf, verwurstete sie aber zu einem Mutanten-Zombie-Spektakel. Die Fiktionalisierung der Story in der Serie Djatlow-Pass (Dead Mountain) stellt nun die geheimnisvollen Aspekte heraus, die in einem interessanten Gespinst aus historiografischen Fäden verwoben werden. Ein formidabler Hingucker!

 

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Soghafte Inszenierung

Die Serie besticht durch ihre Düsterkeit, die sich von Anbeginn über den Plot legt. Als Zuschauer folgt man dem verschlossenen KGB-Major Oleg Kostin, der in streng geheimer Mission von Moskau in das Städtchen Ivdel nahe Swerdlowsk geschickt wird, um Licht ins Dunkel zu bringen. Aber wirklich einfach ist das nicht. Die Serie lebt vom kriminalistischen Puzzle, von einer genauen Zeichnung der poststalinistischen Lebenswirklichkeit der späten fünfziger Jahre, aber auch von der mystischen Aufladung des Vorfalles. Am Ort des Geschehens wirkt vieles unheilvoll, unerklärlich. KGB-Geheimniskrämerei und Verunsicherung begleitet alles Handeln. Aber die Protagonisten, allen voran Oleg und Katja, sind auch Sympathieträger, die plausibel und authentisch den Plot tragen. Als Helden treten sie eher bedächtig in Erscheinung. Hinzu kommen Flashbacks der Protagonisten, die auf deren traumatische Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg eingehen. Die Verknüpfung von Forensik, düsterem Naturpanorama und sowjetischem Look-and-Feel sowie Kriegsereignissen ist als Kombination durchaus neu und überraschend. Heroismus trifft hier auf einen Ermittlertypus im Stile des Film Noir. Oleg Kostin, cool mit schwarzem Hut und hochgeschlagenem Kragen, ist wortkarg, effizient, schlau – und attraktiv. Was sich in der ersten Folge bereits andeutet, wird in den weiteren zunehmend ausgebaut: ein überraschender Genremix, der viele Komponenten auf neuartige Weise zusammenfügt.

Inhaltlich reißt die Serie ganz „nebenbei“ viele weiterreichende historische Themen an. Für deutsche Zuschauer bietet dies einen zusätzlichen Reiz, werden doch auch Fragen mit direktem Deutschlandbezug durch diese Flashbacks verhandelt. Es geht dabei um Schuld, Rachegefühle, Verletzungen und Traumaverarbeitung. Der Krieg spielt also eine nicht ganz unwesentliche Rolle in der Serie. Kein Wunder, ist doch der Handlungszeitraum 1959 recht nahe am Kriegsende. Der „Große Vaterländische Krieg“ dient einerseits als heroische Referenz der Protagonisten, setzt aber auch filmisch ganz interessante, zumeist drastische Akzente. So erinnert sich in der Pilotfolge der Held Kostin an seine Erlebnisse in Brandenburg, als ein Trupp von Rotarmisten eine scheinbar verlassene SS-Burg erkundet und dort eine bizarre und grausame Szenerie vorfindet. Viel wird über den Krieg als biografisches, aber auch als nationales Trauma gesprochen. So wartet die Serie eben nicht nur mit einer Mystery-Krimi-Erzählung auf, sondern bietet ein vielschichtiges Bild jener Jahre, eingebettet zwischen russischem Nationalstolz, poststalinistischen Milieustudien, selbstbewusstem Überlebenswillen und individuellem Lebensglück, das zwischen Tristesse und Mystik changiert. Die winterliche Szenerie tut ihr Übriges. Alles in allem zeigt sich hier ein Panorama, das für hiesige Zuschauer einen gewissen Seltenheitswert aufweist.

 

FSF: freigegeben ab …?

FSF ab 16 Jahren © FSF

In Sachen Jugendschutz ist die von der FSF geprüfte Pilotfolge zumindest für jüngere Zuschauergruppen nicht ganz unproblematisch, da sie mit einigen sehr horroraffinen Bildern aufwartet und auf den Schauwert bizarrer Leichenkörper setzt, die zwar artifiziell wirken, aber doch recht eindringlich sind. Neben drastischen Bildern verbleibt vieles in Andeutungen, was die mysteriöse und mystische Atmosphäre verstärkt. Es existieren kaum entlastende Momente. Die deutlich erkennbare Historizität wirkt hingegen auch distanzierend. Der FSF-Prüfausschuss sprach sich mehrheitlich dafür aus, die integrale Fassung der Pilotfolge erst ab 16 Jahren freizugeben. Zwei weitere Episoden werden jeweils unmittelbar vor der Ausstrahlung geprüft.

Zu dieser und weiteren ProgrammInfos aus der Programmprüfung geht es hier.

Mehr Informationen zur Programmprüfung erhalten Sie auf unserer Website. In unregelmäßigen Abständen veröffentlichen wir dort neue Prüfentscheidungen aus dem aktuellen Fernsehprogramm. Diese Auswahl stellt keine Empfehlung dar, sondern zeigt einen Querschnitt der Programme, die den Prüfausschüssen der FSF von den Mitgliedssendern vorgelegt werden.

 

Weiterführende Links:

Links zuletzt geprüft am 05. Juli 2021

 

Über Uwe Breitenborn

Dr. Uwe Breitenborn, hauptamtlicher Prüfer der FSF, Dozent und Autor, Bildungsreferent der Medienwerkstatt Potsdam, zahlreiche Veröffentlichungen zur Mediengeschichte, Musiksoziologie, und Kulturwissenschaft. Von 2014-2019 Vertretung der Professur Onlinejournalismus an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Zuvor u.a. Arbeit an der Martin-Luther-Universität Halle und beim DRA Babelsberg.

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