„This world is fucked.“

… oder aber: „Diese Welt ist im Arsch.“ Vielleicht noch nicht ganz, aber doch fast.

 

Condor ist zurück. Eine der interessantesten Figuren aus dem US-amerikanischen Geheimdiensttheater der 1970er-Jahre wurde in die noch unansehnlichere und düsterere Gegenwart des 21. Jahrhundert verschoben, wo sie sich zurechtfinden muss in einer noch komplexeren Welt aus Lügen, Verrat, Intrigen und Paranoia, mit unfassbaren Überwachungsmöglichkeiten und Morden im staatlichen bzw. Geheimdienstauftrag. Einer Welt, in der ein Großteil jeglicher Handlungen geprägt ist von den Interessen der Apparate und deep states oder dem Kampf dagegen.

Condor ist die Hauptfigur der von MagentaTV, dem Streaming-Angebot der Deutschen Telekom, ins Programm geholten Serie Condor (USA 2018) von Todd Katzberg, Jason Smilovic und Ken Robinson, die auf dem Drehbuch zu einem der Klassiker des Politthrillers Die drei Tage des Condor (Three Days of the Condor, USA 1975, Regie: Sydney Pollack) und dessen literarischer Vorlage von James Grady Six Days of the Condor (1974) basiert.

Der Plot der horizontal durcherzählten Serienadaption ist einfach: Joe Turner (Deckname „Condor“) – ein ziviler aber hochintelligenter und vor allem menschlich integerer CIA-Mitarbeiter –  kommt mit Hilfe eines von ihm entwickelten Computeralgorithmus auf die Spur einer Gruppe innerhalb der CIA, die in Zusammenarbeit mit einem privaten Sicherheits- und Militärunternehmen vermeintliche Terrorakte behauptet oder echte inszeniert. Es droht ein Anschlag unglaublichen Ausmaßes mit globalen Auswirkungen. Turners Abteilung wird liquidiert, ihm selbst gelingt die Flucht. Er wird der Morde bezichtigt, gejagt, nimmt eine Geisel, muss Hintergründe ermitteln, den Anschlag verhindern.

Auch die Personnage ist klar vom Genre geprägt. Es gibt gute, nicht ganz so gute und böse Menschen: Agenten, Mitarbeiter, Frauen, Whistleblower, Killer, Terroristen, Kämpfer, Witwen. Zielsetzungen und Interessen der Protagonisten sind dabei ebenso unterschiedlich wie Beweggründe. Geht es den einen um den Sieg im behaupteten, christlich-konnotierten „heiligen Krieg“ gegen islamistisch-konnotierten Terror im Einzelnen und den Islam im Ganzen oder um die eigene Rendite-orientierte Gewinnmaximierung, wird es bei anderen gern auch persönlich und psychologisch, spielen Väter eine große Rolle, verschmähte Lieben oder einfache psychopathologische Störungen. Einige Nebenfiguren werden im Verlauf mit interessanten  Aspekten versehen. Wenn die Tiefe kommt, geht das Genre.

Der überwiegende Teil der zehn Folgen wurde von der FSF für das Hauptprogramm und ab 12 Jahren freigegeben. Zu stark rückt die deutliche Genreprägung Handlung und  Personen in eine alltags- und realitätsferne, vor allem aber in eine als fiktiv empfundene Parallelwelt. Daneben ist der größte Teil der Bösen wirklich böse, und die Guten sind überwiegend gut. Wenn der bedrängte Joe die smarte aber durchaus zarte Kathy als Geisel nimmt und ihr zusetzt, hilft das Wissen um seinen eigentlichen Charakter und das Fehlen der unmittelbaren Gefahr. Andere Ambivalenzen zeitigen kaum Wirkungen. Als Zielgruppe wurde ein erwachsenes Publikum ausgemacht. Für jüngere Zuschauer finden sich bei Handlung und Personen nur bedingt Anknüpfungspunkte, was älteren Kindern und Jugendlichen die inhaltliche Erschließung zusätzlich erschwert. Atmosphärisch wartet die Serie mit dem notwendigen Maß an latenter Bedrohlichkeit auf, wozu der Score und dessen Fehlen maßgeblich beitragen. Die wenigen, kurzen, mitunter durchaus drastischen Gewaltspitzen wurden wegen der Flüchtigkeit überwiegend als rezipierbar eingeschätzt. Auch deren negative Konnotation war offensichtlich.

Am Ende wird, soviel darf wegen Offensichtlichkeit verraten werden, Joe Turner überleben und die Jagd vermutlich weitergehen. Eine weitere Staffel ist angekündigt.

Auch der Original-Turner hat es übrigens in die neue Zeit geschafft: 2015 veröffentlichte James Grady die Fortsetzung seines Romans: Last Days of the Condor.

Condor kann ab heute bei MagentaTV abgerufen werden.

 

FSF ab 12 Jahren Hauptabendprogramm © FSFFSF ab 16 Jahren Spätabendprogramm © FSF

Diese sowie weitere ProgrammInfos gibt es auf fsf.de.

 

Bitte beachten Sie: Bei den Altersfreigaben handelt es sich nicht um pädagogische Empfehlungen, sondern um die Angabe der Altersstufe, für die ein Programm nach Einschätzung der Prüferinnen und Prüfer keine entwicklungsbeeinträchtigenden Wirkungsrisiken mehr bedeutet.

Mehr Informationen zur Programmprüfung erhalten Sie auf unserer Website. Dort veröffentlichen wir jede Woche neue ProgrammInfos zum aktuellen Fernsehpramm. Auch diese Auswahl stellt keine Empfehlung dar, sondern zeigt einen Querschnitt der Programme, die den Prüfausschüssen der FSF von den Mitgliedssendern vorgelegt werden.

Über Matthias Struch

Matthias Struch studierte Kunstgeschichte und Neuere Geschichte in Braunschweig, Halle und Berlin; seit 1994 im Kinder- und Jugendmedienschutz tätig: FSK, FSF (seit 2007 als Hauptamtlicher Prüfer); seit 1998 Kurator und Kustos am Filmmuseum Potsdam; seit 2003 Mitglied in der Nominierungskommission und Jury für den Adolf-Grimme-Preis; Veröffentlichungen zur Film- und Fernsehgeschichte (NS-Film, DEFA, DFF), zur Zensurgeschichte u.a.