#nichtselbstverständlich

Joko & Klaas – Seismographen der Relevanz

 

Das hat gesessen. Wieder mal haben Joko & Klaas überrascht. Diesmal mit #nichtselbstverständlich, einer Dokumentation über den Pflegenotstand im Gesundheitssystem Deutschlands, die als siebenstündige Sondersendung von Joko & Klaas Live am 31. März 2021 bei ProSieben lief. Die Reaktionen darauf waren zu Recht überbordend und durchweg positiv. Die Premiumgesichter von ProSieben lieferten hier, so der einhellige Tenor, ein Stück deutsche Fernsehgeschichte ab, was man schon an den Tweets der Konkurrenz von RTL bis ARTE noch während der Sendung beobachten konnte. Die Produktion ist nicht nur inhaltlich beeindruckend, sondern auch unter Aspekten dokumentarischer Formatgestaltung ein Stück von hoher Relevanz, Präzision und Durchschlagskraft. Dicht dran und ohne künstliche Dramatisierung zeigt die Produktion den Arbeitsalltag der Pflegerin Meike Ista bei ihrer Schicht im Uniklinikum Münster. In Echtzeit, ohne Werbepause, sieben Stunden lang, aufgezeichnet am 18. März 2021. So sehen sie aus, die Schichten des Pflegepersonals. Und in dieser gab es noch nicht mal gravierende Komplikationen. Die Bezeichnung Pflegerin betont vor allem den Care-Aspekt, aber es ist mehr. Die korrekte Berufsbezeichnung lautet daher auch: Fachgesundheits- und Kinderkrankenpflegerin für Intensiv- und Anästhesiepflege im Knochenmark- und Transplantationszentrum der Uniklinik Münster. Fachlich sehr anspruchsvoll, ein hochkomplexer Beruf.

Neben der immer freundlich bleibenden Meike, die wir als Zuschauer unentwegt mittels subjektiver Kamera durch ihren Schichtalltag begleiten, sind in Splitscreens andere Pflegerinnen und Pfleger mit ihren Einschätzungen zum Pflegenotstand zu sehen. Auch hier kommen viele kluge und manchmal ganz grundlegende Aspekte zur Sprache, so wie bei Alexander Jorde, dem Krankenpfleger aus Hildesheim: „Die Würde des Menschen fängt nicht beim Patienten an und hört beim Patienten auf, sondern die geht auch beim Personal weiter.“ Die Protagonisten sind durchaus keine Unbekannten. Schnell haben Medien Infos zu den Personen zusammengestellt. Beispielsweise landete 2020 die Pflegerin Franziska Böhler mit ihrem Buch I’m a Nurse: Warum ich meinen Beruf als Krankenschwester liebe – trotz allem einen Bestseller und engagierte sich maßgeblich bei der Bundestagspetition zur Pflegereform. Pfleger Alexander Jorde wurde 2017 durch seinen Auftritt bei der ARD-Wahlarena bekannt, als er, damals noch Azubi, in der Sendung Angela Merkel recht offensiv auf die Missstände in der Pflege aufmerksam machte.

 

Working Class Heros

Bei allem Lob, die Dokumentation #nichtselbstverständlich lenkt nicht nur den Blick auf den Pflegenotstand, sondern letztlich auch auf Fragen der Programmgestaltung im Fernsehen, egal ob privat oder öffentlich-rechtlich. Es geht auch um die Frage, welchen Stellenwert das Thema Arbeit im TV haben kann und sollte. Marc Vetter weist im Rolling Stone auf diesen wichtigen Punkt hin. Die Vorstellung von Arbeit in Filmen und Serien, aber auch in zahlreichen Dokumentationsformaten, erstarre oftmals im Klischee oder trete nur als Randerscheinung auf, um über vermeintlich größere Themen des Lebens zu sprechen. „Das ist ein Fehler, weil gerade am Arbeitsplatz sich viele gesellschaftliche Prozesse entladen – solche, die für Emanzipation sorgen, aber auch jene, die Menschen an angeblich alternativlose Zustände ketten.“ Oder, um es mit den Worten der Intensivkrankenschwester Sabrina Weigel zu sagen: „Der Beruf an sich muss medial anders dargestellt werden. […] Es muss gezeigt werden, was das Gute an dem Job ist, dass man nicht nur eine Hilfskraft ist von jemanden.“ Die Dokumentation besticht durch die Authentizität ihrer Protagonisten. Mehr Dokumentarisches geht kaum. Eine Livereportage in Echtzeit aus dem Arbeitsleben, keine verspielte dramaturgische Verdichtung. Auch die Statements der anderen Pflegerinnen wirken nicht als übergestülptes Narrativ, das eine Denkrichtung antriggert, sondern präsentieren Einblicke und Gefühlswelten des Personals. Elisa Britzelmeier fasste das in der SZ so zusammen: „Die inhaltliche Dringlichkeit wird unterstützt durch die formale. Man muss dableiben, streng in der Perspektive der Fachkraft, statt die oft gesehenen Bilder aus wechselnden Kamera-Blickwinkeln geliefert zu bekommen. Das hat den Effekt, dass sich neben Erschütterung noch ein Gefühl breitmacht: Respekt vor der Arbeit – und vielleicht sogar Mut. Weil da so viel Grundmenschliches ist.“ Auch die Analyse der Missstände kommt nicht zu kurz. Ganz klar werden die Ursachen benannt: Finanzierungssystem, Privatisierung, Pflegeeinrichtungen als Renditeobjekte. Verantwortlich ist dafür die Politik der letzten zwei Jahrzehnte. Das ist bitter, doch die Pflegerinnen und Pfleger in der Doku werben nicht für Mitleid, sondern für Veränderung. Das überzeugt auf ganzer Linie.

YouTube-Kanal Joko & Klaas vom 01. April 2021: Pflege ist #NichtSelbstverständlich | Joko und Klaas – 15 Minuten Live

 

Mehr Realität, weniger Show

Wenn nun alle von Fernsehgeschichte sprechen, dann vielleicht auch deshalb, weil diese Produktion eine Zäsur sein kann. Weniger Klunkern oder Promi-Gossip, mehr relevanter Alltag. Oder salopp gesagt: mehr Reality, weniger Show. Joko & Klaas entpuppen sich mit ihren engagierten Produktionen von Joko & Klaas Live mehr und mehr als grandiose Seismographen gesellschaftlich relevanter Themen. Durch ihre Popularität und Anschlussfähigkeit an jüngere Zuschauergruppen können sie für diese Themen eine Öffentlichkeit schaffen, was anderen so nicht gelingen kann. Auch für ProSieben ist dies ein Gewinn. Der Sender kündigte unter anderem an, wieder eine eigene Nachrichtenredaktion aufbauen zu wollen. 2020 legte er mit der politischen Doku Rechts. Deutsch. Radikal. ein aufsehenerregendes Format vor. Nicht zu vergessen #Männerwelten oder A Short Story of Moria aus dem Kosmos von Joko & Klaas, die ebenfalls für Furore sorgten. Dies wiederholt sich nun. #nichtselbstverständlich ist zudem modernes Fernsehen, live werden Tweets und Kommentare der Zuschauenden eingeblendet, die die Eindringlichkeit des Formates unterstreichen. Sie bilden einen live zugeschalteten Resonanzkörper. Formatgrenzen werden gesprengt. Der Medienjournalist Steffen Grimberg betonte im DLF (Kompressor) unter anderem die Innovation der Sendung und sprach von „Gänsehaut“, „High End“ und „Public Value“. Elisa Britzelmeier führt die Entwicklung bei dem Sender auch auf die Konkurrenz durch Streamingplattformen zurück und meint: „Wer politischen, womöglich auch spezifisch deutschen Debatten Platz einräumt, macht sich unterscheidbar.“ Mit fast sechs Millionen Zuschauenden zeigte die Dokumentation auch, dass solche Themen gut aufbereitet ein breites Publikum ansprechen. Der Hashtag #nichtselbstverständlich sprang innerhalb kurzer Zeit auf den ersten Platz der Twittertrends. Rund 40.500 Posts zu #nichtselbstverständlich beherrschten die Twitter-Charts. Auch #JKLive zählte mit 23.200 Tweets zu den Spitzenreitern. ProSieben-Senderchef Daniel Rosemann schrieb auf Twitter:

Man kann allen Beteiligten zu diesem Coup nur gratulieren. Mehr davon.

Zur gesamten Sendung vom 31. März 2021 bei prosieben.de: JOKO & KLAAS GEGEN PROSIEBEN. JOKO & KLAAS LIVE: PFLEGE IST #NICHTSELBSTVERSTÄNDLICH

 

Weiterführende Links:

Links zuletzt abgerufen am 07. April 2021

Über Uwe Breitenborn

Dr. Uwe Breitenborn, hauptamtlicher Prüfer der FSF, Dozent und Autor, Bildungsreferent der Medienwerkstatt Potsdam, zahlreiche Veröffentlichungen zur Mediengeschichte, Musiksoziologie, und Kulturwissenschaft. Von 2014-2019 Vertretung der Professur Onlinejournalismus an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Zuvor u.a. Arbeit an der Martin-Luther-Universität Halle und beim DRA Babelsberg.

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