Wahrheit(en) im Wandel?

Ein Rückblick auf den medien impuls von FSF und FSM am 17. November 2021

Mediales Erzählen und die Wahrheit

 

„Die Wahrheit ist zu einem heiß umkämpften und umstrittenen Gut geworden, ob es das Thema Corona betrifft oder das Klima, die Politik oder ganz normale Dinge des Alltags“ – es gibt, so führt Moderatorin Vera Linß in das Tagungsthema ein, jede Menge Wahrheiten und jede Menge Perspektiven auf die Realität. Aber welchen Stellenwert erhält Wahrheit im fiktionalen Erzählen, wenn in Doku- oder Infotainment-Formaten Realitätsbezüge mit fiktionalen Erzählstilen so verbunden werden, dass die Wahrheit kaum wiederzuerkennen ist? Welche Medienkompetenzen benötigen Zuschauer und Nutzer, um nicht die Orientierung zu verlieren? Die Relevanz, die das Thema Wahrheit für die Medien mitbringt, wurde beim medien impuls vergangenen Mittwoch mit den Gästen Prof. Dr. Markus Appel, David Assmann, Prof. Dr. Bernhard Kleeberg, Prof. Dr. Jürgen Nielsen-Sikora und Dr. Petra Sandhagen in einem dreistündigen Talk erörtert.

In ihrer Begrüßung wies Claudia Mikat (FSF) darauf hin, dass es nicht nur die Medien, sondern auch die Zuschauer nicht immer allzu genau mit der Wahrheit nehmen. Eine gute Geschichte muss glaubhaft und authentisch erzählt sein, sie muss jedoch nicht wahr sein. Was im Fiktionalen kein Problem darstellt, gestaltet sich bei gesellschaftlichen, politischen oder wissenschaftlichen Zusammenhängen anders. Daher sind „Medienbildung und Medienkompetenzförderung ein unverzichtbarer Teil von politischer Bildung geworden, notwendig und dauerhaft förderungsbedürftig.“ Marin Drechsler (FSM) hob die Einordnung von Informationen am Beispiel der Pandemie hervor. Hier braucht es fähige Personen aus der Wissenschaft, die die Vielzahl an zirkulierenden Informationen und Geschichten aufbereiten, filtern und verständlich nachvollziehbar darstellen, sodass es die „Allgemeinheit“ versteht und die Trennung zwischen Wahrheit und Fehlinformation leicht erkennbar ist.

 

Wahrheit ist immer subjektgebunden

Prof. Dr. Bernhard Kleeberg, Sprecher Forschungsgruppe „Praxeologien der Wahrheit“ und Professor für Wissenschaftsgeschichte an der Universität Erfurt, gab einen Einblick in die aktuelle Kommunikationssituation. Er erläuterte den veränderten Charakter von Öffentlichkeit durch die digitalen Medien und stellte so die Bedeutung von Wahrheit heraus. Diese gilt als sozialer Operator und ist immer subjektgebunden. Bei der Vielfalt an Wahrheitsansprüchen, die es inzwischen gibt, kommt es zu einer Aufhebung vertrauter Wahrheitsfiguren. Daher scheint der Wahrheitsbegriff von heute der einstigen Suche nach subjektungebundenen zeitlosen und gemeingültigen Wahrheiten entgegenzustehen. Als Handlungsempfehlung gab Kleeberg den „Doing Truth“ mit, den Rat, sich die Akteure und Praktiken genau anzuschauen, die mit der jeweiligen Wahrheit verbunden sind, um so zu einer Verständigung über eine gemeinsame Wahrheit in der aktuellen komplexen Welt zu kommen.

 

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Bildnachweis: Alle Bilder copyright © sh/fsf

 

Publizistische Selbstkontrolle

In dem Ende 2020 erschienenen Artikel Der Ungewissheit antworten. Über die Inszenierung von Wahrheit und die Lust an der Vereindeutigung in krisenhaften Zeiten setzt der Siegener Bildungsphilosoph Prof. Dr. Jürgen Nielsen-Sikora den Fokus auf die sich umgreifende Ungewissheit, die in unserer Gesellschaft beobachtet werden kann und die das Finden eines gemeinsamen Konsens‘ erschwert. Seinen Vortrag begann Sikora mit einer anschaulichen Illustration in Form eines „Eleganten“-Gleichnisses (Baltscheit: Die Elefantenwahrheit; 2006). Es geht um subjektive Wahrheiten, die aus verschiedenen Perspektiven nicht miteinander abgeglichen werden. So haben alle Beteiligten aus ihrer Sicht recht und doch „erzählt“ keiner die Wahrheit, denn das Gesamtbild weist Lücken auf (Ein Blick lohnt sich: YouTube-Video ab Minute: 41:54). Sikora bezog sich damit auf Kleebergs These, dass die Zeit für eine Erneuerung im Diskurs gekommen ist und subjektive Sichtweisen als Wahrheitsansprüche kenntlich gemacht werden sollten. Verschiedene Gruppen wie Wissenschaft, Politik oder auch der Einzelne haben ihre subjektiven Gewissheiten und sind überzeugt von ihren Erkenntnissen, egal wie diese Überzeugungen zustande kommen. Was für wahr gehalten wird, ist u.a. beeinflusst durch Erfahrungshorizonte, der eigenen Biografie und dem Themenfokus und dies alles wirkt in die jeweilige Überzeugung ein. Sikora schlug daher vor, die Gründe, die zur jeweiligen Gewissheit führen, anzugeben – dem Gegenüber zu erläutern, wie man zur eigenen Überzeugung gelangt ist. Erst bei einer Art Rechtfertigung wird die eigene Gewissheit zu einem objektiv teilbaren Sachverhalt – einem wesentlichen Merkmal von Wissen. Zwar ist es unmöglich, alle Argumente mitzudenken und präsentieren zu können, dennoch würde Transparenz helfen, die Meinungen anderer nachvollziehen und mögliche Fehlinformationen widerlegen zu können. Um aus der Gereiztheit der aktuellen Kommunikationslage herauszutreten, sollte auch ein Maß an Zurückhaltung und kritischer Recherche an den Tag gelegt werden: sich selbst gegenüber skeptisch sein, Informationen in Frage stellen, Urteile mit Bedacht fällen, andere Sichtweisen einnehmen und Argumentationen einüben – um am Ende Kompromisse zu suchen. In Bezug auf die Medienbildung sind die Entwicklung von Reflexionsvermögen und Problembewusstsein entscheidend, Ambivalenzen und Diskussionen aushalten statt Wahrheitsobsessionen antreiben. Das ist eine Form von Verantwortung, die jeder für sein eigenes Handeln und für seine Mitmenschen aufbringen sollte.

 

Die klare Abgrenzung zwischen Fiktion und Nicht-Fiktion

Der Medienpsychologe Prof. Dr. Markus Appel schloss mit seinem Vortrag zur Wahrnehmung und Selektion von Fiktion und Information an. So hob er hervor, dass es heutzutage vielfach weniger um Wahrhaftigkeit denn um das Generieren von Aufmerksamkeit (Likes, Shares) geht. Bei besonders gesellschaftsrelevanten Kommunikationsthemen könne dies immanente Konsequenzen haben, wie gerade anhand der Pandemie ersichtlich. Über die Psychologie des Postfaktischen und die Psychologie des Fiktionalen verdeutlichte er, wie wichtig die Abgrenzung zwischen Fiktion und Nicht-Fiktion ist – beide erheben ihren eigenen Anspruch auf Wirklichkeitsentsprechung. Dabei hängen Erwartungen und Auswahl vom Etikett des Inhalts (Fiktion/Nicht-Fiktion) ab, die Verarbeitung der Information oder eine sich daran anschließende Wirkung jedoch nicht. Im Zuge von vermehrt auftretender Desinformation erläuterte er deren Kerncharakteristika und ihre Entwicklung, um näher auf die menschliche Informationsverarbeitung von Fehlinformationen einzugehen.

„Informationen wirken glaubhafter, wenn man sie schon oft gehört hat.“ – Illusory Truth Effect

So resümierte Appel, dass eine Reflexion und eine sich daran anschließende Reduktion von impulsiven Social-Media-Aktionen ein Schritt in die richtige Richtung wäre und stimmte mit Sikora überein, dass eine Quellenüberprüfung das Teilen von Fehlinformationen vermindern könnte. Appel sieht dies als demokratiestützendes Element und ergänzt, dass Änderungen in den Algorithmen und der Einsatz von Warnhinweisen zusätzlich folgen müssten, um Fehlinformationen einzudämmen.

 

Spielfilm versus Dokumentarfilm

Im letzten Vortrag, gehalten von David Assmann, Filmkritiker, Filmemacher und Filmwissenschaftler, geht es um den Film. In ihm stehen „Wahrheit und Lüge immer nah beieinander“, keines existiert ohne das andere – denn reine Fiktion kommt nicht ohne Abbildung der Realität aus und keine reine Dokumentation entsteht ohne einen gestalterischen Eingriff. Und doch darf der fiktionale Film alles, auch wenn er auf wahren Begebenheiten beruht. Als Produkt der Fiktion erhebt er nicht den Anspruch, wahr oder falsch zu sein. Anders der Dokumentarfilm, dieser kann wahr oder falsch sein, weil er der Faktizität verschrieben ist. Assmann zog sein Fazit: „Film ist immer Manipulation (Haneke) und gerade weil jeder Film manipuliert, ist es wichtig, seine Mechanismen zu erkennen und seinen Bildern zu misstrauen. Nur wer versteht, dass Film Lüge ist, ist empfänglich für die Wahrheit, in deren Dienste gelogen wird.“

Also darf das Publikum bei einem Spielfilm – selbst bei einem an die Geschichte angelehnten – nicht glauben, es hätte sich tatsächlich so zugetragen. Wer etwas über historische Ereignisse erfahren möchte, muss Faktenchecking betreiben. Diese Vorstellung vom ständig prüfenden Publikum gleicht jedoch eher einem Idealbild und entspricht nicht der Realität. Appel ergänzt aus psychologischer Sicht, dass der Zuschauer nicht bei der Auswahl seines rezipierenden Genres einen Schalter im Gehirn umlegen kann – nach dem Motto: Achtung, auf wahren Begebenheiten beruhender Spielfilm! Nichts merken. „Zwar ist dem Zuschauer die Fiktion durchaus bewusst, aber es gibt viel mehr fiktionale Vorbilder als dokumentarische und innerhalb einer gewissen Zeit prägt dies das eigene Weltbild.“

FSF-YouTube-Kanal mit der Aufzeichnung des medien impuls vom 17. November 2021

Doku- und Infotainment

Worin bestehen bei Mischformen wie Doku- und Infotainment die Herausforderungen? Diese Formate sind zwar klar von Spielfilmen abzugrenzen, aber dem Publikum gelingt dies nicht immer so leicht. Assmann, auch Prüfer bei der FSF, nennt verschiedene Wirkungsrisiken, wie bspw. die Normalisierung sozialschädlichen Verhaltens (Sommerhaus der Stars) oder auch die im Format angelegte Desinformation (Paranormal Television). Innerhalb der FSF-Prüfungen führen diese Sendungen zu einer spannenden Diskussion, ab welchem Alter dem Publikum zugetraut werden kann, das Gesehene richtig einzuordnen bzw. bei welcher Altersgruppe mögliche schädigende Wirkungen zurückbleiben können. Beim Paranormal Television konstatiert Assmann, dass er als 12-Jähriger der Macht der filmischen Möglichkeiten, Unreales als faktisch darzustellen, erlegen gewesen wäre und sie nicht adäquat zugeordnet hätte. Weitere Reality-/Trash-TV-Formate wurden angerissen, die in ihrer Vielzahl und teils verzerrten Darstellung von Realität auf längere Sicht die Weltsicht beeinflussen können, da sich das Publikum an dem orientiert, was ihm medial präsentiert wird. Sikora ergänzt, dass – auch wenn man sich dem nicht ganz entziehen kann – die Aneignung von kritischem Reflexionsvermögen nötig und die Aufgabe seriöser Medienbildung über Schule, Pädagogik und Erziehung sei. Auch Assmann sieht die Verantwortung beim Jugendschutz zusätzlich klar auf Seiten der Eltern, die ihren Kindern Hinweise geben sollten, welche Intentionen und Umstände bei der Realisierung eines Films Einfluss haben können. „Das einzuordnen ist eine erzieherische Kompetenz.“

Alle waren sich darin einig, dass die Vermittlung der Methoden zur Wahrheitsfindung, zum kritischen Hinterfragen von vorgefundenen Informationen, zum Erwerb von Reflexionsvermögen und letztlich dem Übernehmen von Verantwortung Teil von einer Medienkompetenz ist, die in Schulen, Hochschulen und Universitäten erworben werden muss. Aber auch, dass klassische Medien weiterhin durch intensive Recherche hohe Wahrheitsansprüche verfolgen. Und Soziale Medien mit neuen Formaten, wie bspw. maiLab, ebenfalls ihr Publikum mit fundierten wissenschaftlichen Informationen, jedoch zielgruppengerecht mit einer eigenen Sprache und eigenen didaktischen Modellen aufbereitet, versorgen. Zu einem guten Journalismus gehören viele Kanäle, die mit wissenschaftlich fundierten Meldungen und akribischer Recherche die unterschiedlichen Zielgruppen erreichen.

 

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Über Sandra Marquardt

Sandra Marquardt hat 2010 ihr Magisterstudium in Filmwissenschaft und Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der FU Berlin abgeschlossen. Seit 2011 arbeitet sie als Onlineredakteurin bei der FSF. Dort betreut sie u.a. zum einen den Onlineauftritt der FSF-Website, ist zum anderen für den fsf blog inklusive der Bildredaktion verantwortlich und festes Teammitglied der Newsletterredaktion. Als Praktikumsbeauftragte ist ihr die Betreuung der Praktikantinnen und Praktikanten eine Herzensangelegenheit.

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