Gefahren und Risiken im Netz

Jugendschutz.net zieht Bilanz für das Jahr 2019


Es steht außer Frage, dass Kinder und Jugendliche besonderen Schutz benötigen. Das gilt nicht nur für die reale, sondern auch für die digitale Welt. Die 1997 von Bund und Ländern gegründete Organisation jugendschutz.net hat in ihrem kürzlich veröffentlichten Jahresbericht für das Jahr 2019 festgehalten, welchen Gefahren junge Nutzerinnen und Nutzer ausgesetzt sind und welche Maßnahmen dagegen getroffen werden sollten. Hierzu wurden verschiedene Portale, wie z.B. YouTube oder Twitter, eingehend unter die Lupe genommen. Wie schon in den vorherigen Jahresberichten wurde erneut ein besonderes Augenmerk auf die Einhaltung jugendschutzrelevanter Rechtsgrundlagen gelegt. Doch was passiert, wenn der Schutz nur ausreichend oder fast gar nicht vorhanden ist?

 

Die schnelle Verbreitung von Online-Missbrauchsdarstellungen

Wie jugenschutz.net in ihrem Bericht festhält, wurden im Jahr 2019 insgesamt 2.397 Fälle von Missbrauchsdarstellungen Minderjähriger im Internet vermerkt. Das sind im Vergleich zum Vorjahr (2018) zwar fast 1.100 Fälle weniger, jedoch in der Gesamtbetrachtung immer noch zu viele. Die Leichtigkeit der Verbreitung durch moderne Kommunikationstechnik machen sich Menschen aus aller Welt zunutze, auf Inhalte mit sexuellen Gewalthandlungen an Kindern und Jugendlichen zuzugreifen. Der größte Anteil – mit 86% an gehosteten Inhalten – wurde in Ländern wie den Niederlanden, USA, Russland und Frankreich registriert. Jugenschutz.net kritisiert, dass solch anstößige Inhalte gar nicht erst die Chance bekommen dürften, hochgeladen zu werden. Obwohl die Betreiber der Plattformen oftmals zeitnah reagieren und die Videos löschen: Was einmal im Netz gelandet ist, wird sich immer wieder finden und kann somit jederzeit verbreitet werden. Wenngleich in Deutschland die Löschquote bei 100% und im Ausland bei 90% liegt, gingen alleine bei jugenschutz.net mehr als 35.000 Meldungen bezüglich der Darstellung von Missbrauch ein. Diese hohe Zahl verdeutlicht, dass weitere Präventionsmaßnahmen ausgearbeitet werden müssen, um solchen Inhalten keine Plattform zu bieten.

Bild von Alexas_Fotos auf Pixabay

Bild von Alexas_Fotos auf Pixabay

Aus dem Alltag gerissen: Sexualisierung von Alltagsbildern

Nicht nur die bewusste Darstellung von Missbrauch dient im Internet dazu, düstere Fantasien auszuleben. Immer öfter werden Fotos, die Kinder in ihrem alltäglichen Leben zeigen, mit sexuell anzüglichen Kommentaren versehen oder für pornografische Zwecke zum Beispiel in Foren geteilt. Besonders im Fokus der sogenannten „Pädosexuellen“ stehen Bade- und Turnvideos, die sich unter anderem bei YouTube finden lassen. Da es sich bei dieser Form jedoch um eine rechtliche Grauzone handelt, liegt die Verantwortung, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen, bei den Plattformen selbst. Positiv vermerkt wurde jedoch, dass viele Portale im Jahr 2019 eine deutliche Sensibilisierung bezüglich dieses Problems entwickelt haben.

 

Spielplatz Instagram: Zwischen Familybloggern und Kidfluencern?

Dass diese Fotos ohne negativen Hintergedanken von Eltern oder Jugendlichen hochgeladen werden, ist nicht abzustreiten. Schnell wird unbedacht ein Urlaubsschnappschuss von dem Nachwuchs am Strand öffentlich gepostet und schon kann es von jedem eingesehen und verbreitet werden. Besonders auf Instagram kann beobachtet werden, dass Eltern gerne viel über ihre Kinder berichten.
Insgesamt 50 Instagram-Profile, die mehr als 50.000 Follower/-innen aufweisen, hat jugenschutz.net 2019 genauer beobachtet. Von diesen Profilen waren 29 sogenannte „Elternprofile“, die restlichen 21 von Eltern verwaltete „Kinderprofile“. Als Resultat dieser Untersuchung stellte sich heraus, dass es vermehrt zur Verletzung der Persönlichkeitsrechte der Kinder kam. Denn hinter den Fotos stecken häufig lukrative Werbeverträge, die je nach Inszenierung über Erfolg oder Misserfolg entscheiden. Der Gedanke an das schnelle Geld lässt viele die Risiken vergessen, die mit dem Veröffentlichen solcher Schnappschüsse einhergehen.
Dabei ist die Vermarktung von Kindern nicht erst seit Instagram populär. Schon 2018 wurde eine solche Instrumentalisierung festgestellt, wobei damals primär YouTube genutzt wurde. Es muss das Ziel eines jeden Anbieters sein, die Intimsphäre der Kinder zu schützen und dafür genügend Möglichkeiten anzubieten, was jedoch bei vielen nicht vorrangig behandelt wird.

Bild von Fábio Almeida de Oliveira Adônes auf Pixabay
Bild von Fábio Almeida de Oliveira Adônes auf Pixabay

Anonymität als Schutzmantel

Solch private Einblicke können nicht nur Einfluss auf das jetzige, sondern auch auf das spätere Leben der Kinder nehmen. Denn Fotos oder Videos, die in einem Moment noch niedlich erscheinen, entpuppen sich vielleicht Jahre später als Angriffsziel für Hass- und Mobbingattacken. Kinder und Jugendliche werden immer wieder Ziel von Demütigungen und Schikanen, die durch den Schutz der Anonymität der Kritiker noch größere Dimensionen annehmen können. Gerade bei Portalen, die bei Jüngeren beliebt sind, hat jugendschutz.net festgestellt, dass zu wenig Schutzmaßnahmen entwickelt werden. So waren Hilfsfunktionen nur schwer oder gar nicht zu finden. Einziger Lichtblick ist, dass bei Intermediären wie YouTube, TikTok oder Instagram ein Filter für die Kommentarfunktion aktiviert werden konnte. Explizite Beleidigungen und Schimpfwörter werden somit unter hochgeladenen Fotos und Beiträgen geblockt. Ein wirksames Mittel zur Prävention gegen Mobbing wäre die Löschung derartiger Kommentare, unmittelbar nach dem Eingang einer Usermeldung. Bei einem Test stellte sich heraus, dass die Löschquote bei gemeldeten Beiträgen gerade einmal bei 60% liegt, was im Vergleich zum Jahr 2018 immerhin deutlich mehr ist, jedoch noch einigen Spielraum nach oben bietet. Facebook schnitt hierbei mit einer Quote von 82% am besten, YouTube mit 29% am schlechtesten ab.

 

Online Challenges: Die unterschätzte Gefahr

Kommentare, ob nun anonym oder nicht, verleiten zu Reaktionen, die oft schwerwiegende Folgen haben können. 2019 wurden von jugendschutz.net insgesamt 151 Aufrufe zu sogenannten „Online Challenges“ vermerkt. Hinter diesen Mutproben steckt vermerkt der Drang nach Anerkennung und dem Ziel, die meisten Klicks im Internet zu bekommen. So wird beispielsweise gefilmt, wie Nagellackentferner auf der Haut angezündet wird oder beim „Train-Surfing“ auf fahrende Züge aufgesprungen wird. Im Vergleich sind es jedoch nicht die erfolgreich absolvierten Challenges, mit den meisten Klicks, sondern jene die missglücken. Nicht selten gehen die erstellten Mutproben so weit, dass unter der Androhung von der Veröffentlichung privater Dateien, Gewalt oder Suizid gefordert werden. So sollen Teilnehmer der in den letzten zwei Jahren bekannt gewordenen „Momo-Challenge“ dazu aufgefordert worden sein, einen fremden Benutzer mit Namen „Momo“ über WhatsApp zu kontaktieren. Dieser ließ ihnen gruselige Nachrichten zukommen, die darin oftmals mit einer Anleitung zum Suizid endete, wenn gestellte Mutproben nicht erfüllt wurden.

 

Der Schutz muss ausgebaut werden

All diese und noch weitere Gefahren hat jugendschutz.net in seinem Jahresbericht 2019 zusammengefasst. In einer Stellungnahme der Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Dr. Franziska Giffey, deutet auch sie darauf hin, welche Risiken die Nutzung solcher Dienste mit sich bringen. Der Schutz der Kinder und Jugendlichen müsse noch mehr in den Vordergrund gerückt werden, hierbei sieht sie auch die verschiedenen Plattformbetreiber in der Pflicht. Um dieses Ziel weiter voranzutreiben, verweist Giffey auf das Jugendmedienschutzgesetzes, welches „reformiert“ im Herbst 2020 beschlossen werden soll. Dieses soll den Kindern ein risikofreies Nutzen des Internets ermöglichen.

 

Quellen:

  • jugendschutz.net, Pressemitteilung vom 04. Juni 2020: Aus Spaß wird Ernst: Gefährdungen von jungen Menschen im Netz nehmen zu (Link nicht mehr aktiv)
  • jugendschutz.net: Vorstellung des Jahresberichts 2019 von jugendschutz.net mit Videostatements, u.a. von Dr. Franziska Giffey (Link nicht mehr aktiv)
  • jugendschutz.net: Jahresbericht 2019 (als PDF)
  • Sabine Schattenfroh, Medienpädagogin, 03/2019: Zusammenstellung von Informationen über Kettenbriefe und Challenges (als PDF) (Link nicht mehr aktiv)
  • jugendschutz.net: Jahresbericht 2018 (als PDF)

 

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Über Sarah Boost

Sarah Boost hat Geschichte und Deutsche Literatur an der Humboldt Universität zu Berlin studiert. Ihr Interesse an Medien bewog sie dazu, ein Praktikum bei der FSF zu machen. Hier konnte sie ihrer Vorliebe für das Schreiben nachgehen. Als freie Autorin unterstützt sie weiterhin den fsf blog.