Kurz wirkt nicht!? Oder: Kontext is King!

FSF-Prüferfortbildung „Kurz wirkt nicht!? – Die kurze Form aus Jugendschutzsicht“ am 30. September 2019

Das Tief Mortimer wirbelte am 30. September 2019 nicht nur den Bahnverkehr durcheinander, sondern auch den Fahrplan der Prüferfortbildung. So gestaltete sich die Anreise der Hauptreferentin als ein handfestes Bahnabenteuer, das schließlich mit ihrem Eintreffen zur Mittagspause ein glückliches Ende fand. Sturmresistent wurde der Zeitplan umgebaut, so dass die Tagung mit einem Zwischenresumee startete.

Ein kurzer Blick auf den Stand der Dinge

Claudia Mikat zog zunächst eine Zwischenbilanz zum aktuellen Geschäftsjahr, das mit dem 25-Jahre-FSF-Jubiläum (unter anderem mit dem Versprechen der Politik, eine konvergente Medienregulierung zu ermöglichen), mit Veränderungen in der Geschäftsstelle, einem stabilen Prüfaufkommen und diversen Initiativen zu gesetzlichen und ordungspolitischen Regelungen (JusProg, AVMD-Richtlinie, SK-Systeme, JuSchG/Konvergenz) aufwartet. Brigitte Zeitlmann rekapitulierte kurz Details des Prüfaufkommens 2019 bis zum Monat September (ca. 1.500 Prüfungen). Anhand zweier Fallbeispiele aus der Prüfpraxis (Arthurs Gesetz und Vikings) wurden mit dem Auditorium Fragen von Entscheidungsspielräumen diskutiert.

Deutlich schälte sich hier wieder einmal heraus, dass der Kontext nicht zu vernachlässigen ist. In Zeiten von KI und Algorithmen drängen aber zunehmend auch Überlegungen in den Vordergrund, inwieweit automatisierte Verfahren, sogenannte Selbstklassifizierungssysteme, bei der Bewertung von audiovisuellen Produkten eine größere Rolle spielen können. Das niederländische KIJKWIJZER ist hier eine Variante, die interessante Vorlagen bietet. Konkreter vorgestellt wurde diesmal jedoch MAX. Quasi live präsentierte Kaja Verchow, wie mit diesem Screening-Tool die Möglichkeiten der Programmklassifizierung erweitert werden. Dabei geht es um eine Markierung und Bewertung von Szenen während des Screenings. Vorgefertigte Textbausteine werden zugeordnet, eine wirkungsbezogene Betrachtung sowie die Berücksichtigung des Kontexts sind für die Entscheidung prägend. MAX soll (und kann) aber kein Ersatz für Prüfausschüsse sein, sondern ein Tool, mit dem Klassifizierungen optimiert werden können.

Wie immer geht es bei Fragen des Jugendschutzes insbesondere um Kinder und deren Mediennutzung. Dazu gab Birgit Guth von SUPER RTL einige Einblicke in die Medienforschung des Unternehmens. Ihre Analysen bestätigen die Einschätzungen, die auch von anderen Medienforschungsinstituten (siehe auch: Streaming boomt, Fernsehen unverwüstlich?) vorgetragen werden. Die Nutzung von linearen Fernsehangeboten sinkt auch in der Altersgruppe der 3- bis 13-Jährigen rapide (von 2011 bis 2018 um minus 32 Prozent, entspricht von 93 auf 64 Minuten täglich). Die Nutzung von Streamingdiensten und nicht-kuratierten Medienräumen wie YouTube stieg hingegen signifikant an. Das hat Konsequenzen für alle Beteiligten: für die Kinder, ihre Eltern und natürlich für die Anbieter. Für die Zukunft des Kinderfernsehens, so Guth, bedeutet dies unter anderem die Stärkung von Eigenproduktionen (z.B. Woozle Goozle, eigene Unboxing-Formate), die Ergänzung des Produktionskosmos‘ durch digitale Spiele und Hörspiele und die Nutzung von eigenen YouTube-Kanälen als Promotionsplattform. Ihr Fazit lautete aber auch, dass sich Eltern wieder stärker um Inhalte kümmern müssen.

Nach der Mittagspause ging es um das eigentliche Thema der Prüferfortbildung: die kurze Form aus Sicht des Jugendschutzes. Es gibt verschiedene kurze Fernsehformate, die in ihrem Wirkungspotenzial unterschiedlich zu bewerten sind. Musikclips können sehr prägnant kleine Geschichten erzählen, ihre Protagonisten sind oft starke Identifikationsfiguren. Manches ist narrativ, vieles assoziativ. Wie wirkmächtig sind diese kurzen Formen? Kann sich bei den Zuschauenden in der dargebotenen Kürze überhaupt eine emotionale Anbindung entfalten? Und was bedeutet dies für die Prüfpraxis?

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„It‘s complicated and it depends“

In ihrem Vortrag „It‘s complicated and it depends“ ging Prof. Dr. Daniela Schlütz von der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF diesen Fragen nach. Die Referentin legte eine straighte, wissenschaftsbasierte Einschätzung vor. Es gehe in der Regel immer um eine persuasive Intention, die von Jugendlichen aktiv, habituell und transmedial genutzt wird. Wichtig im Beurteilungsprozess und somit auch für die Prüfpraxis ist die heuristische Informationsverarbeitung. Produktionsseitig geschieht dies durch den Einsatz von Schemata, Stereotypen, Codes und Klischees, also von Kontexten. Diese gelte es zu entschlüsseln. Ob audiovisuelle Oberflächenstruktur, paratextuelle Netzwerke, Tonality – vieles ist hier zu berücksichtigen, was auch eine Herausforderung für die Prüfpraxis darstellt. Dieser Reflexionsprozess habe vor allem eines zu sein: systematisch, deliberativ, kollaborativ, multidisziplinär. In der anschließenden Diskussion wurde dies deutlich.

Einerseits gab es diverse Plädoyers für die intensive Berücksichtigung von Kontexten bei Prüfentscheidungen, andererseits wurde auch nach Aspekten der Anschlusskommunikation gefragt. Auch wenn jüngere Kinder beispielsweise einen Amorelie-Werbespot nicht verstehen, kann dieser Fragen aufwerfen und eine Kommunikationskette nach sich ziehen, die im besten Falle kompetent begleitet wird. Oft aber auch nicht.

Für die Prüfer ergibt sich aus den Darlegungen von Daniela Schlütz auch, noch mehr auf die Kontexte der jeweiligen kurzen Formen zu achten. Signifikantes Beispiel hierfür war die Diskussion hinsichtlich des eingespielten K.I.Z.-Videos Boom Boom Boom, bei dem die Bewertungen weit auseinander gingen (von 12er- bis 18er-Freigabe). Zum heuristischen Verständnis dieses ziemlich gewalthaltigen Clips sind also zahlreiche Kontexte notwendig.

Zuvor war von Claudia Mikat noch die Arbeit an YOU-KIT vorgestellt worden. Anknüpfend an die AVMD-Richtlinie arbeitet die FSF mit YOU-KIT an einem Klassifizierungs- und Informationstool, das das Gefährdungspotenzial von Inhalten visualisieren soll. Es beinhaltet in knapper Form Aussagen über Gefährdungsrisiken, Inhaltekategorien, aber auch positive Kriterien (Gütesiegel), Stichworte zu konkreten Inhalten, die Inhaltsangabe und eine Kurzbewertung in einem kurzen, knackigen Auswertungssatz. Die erstmalige Vorstellung dieses Tools stieß im Prüferkollegium auf großes Interesse. Klar wurde aber auch, dass ein technisches Tool den menschlichen Faktor in der Prüfarbeit nicht ersetzen kann – es kann aber einiges vereinfachen und für Anbieter und die Klassifizierung von User-generated Content ein mögliches Hilfsmittel sein.

Was bleibt von der diesjährigen Prüferfortbildung? Vor allem eine intensive Reflexion hinsichtlich der Prozessmodellierung der Prüfpraxis, worauf David Assmann und Jana Papenbroock in ihrer saloppen Zusammenfassung noch einmal hinwiesen. Oder ganz simpel: It’s the Kontext, stupid! Tief Mortimer verzog sich übrigens im Laufe des Tages, so dass am Ende sogar die Sonne herauskam. Nicht schlecht!

Über Uwe Breitenborn

Dr. Uwe Breitenborn, Publizist und Autor, zahlreiche Veröffentlichungen zur Mediengeschichte, Musiksoziologie, Sozial- und Kulturwissenschaft. Von 2014-2019 Vertretung der Professur Onlinejournalismus an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Zuvor unter anderem Studiengangskoordinator des Masterstudienganges Online-Radio an der Martin-Luther-Universität Halle.

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