Digitaler Nachholbedarf für „Generation Smartphone“

In Zeiten, in denen Kinder bereits im Grundschulalter ein Smartphone bekommen und fast täglich das Internet nutzen, ist es doch eigentlich selbsterklärend, dass die sogenannte Generation Z fit im digitalen Bereich ist. Die Ergebnisse der aktuellen ICILS Studie zeigen jedoch, dass es genau da ganz schön viel Nachholbedarf gibt, denn: während Heranwachsende am Smartphone fit sind, schneiden sie im Umgang mit dem Computer nur mittelmäßig ab.

 

International Computer and Information Literacy Studie

ICILS – das steht für International Computer and Information Literacy Study. Dabei handelt es sich um eine internationale Vergleichsstudie, die erstmalig im Jahr 2013 vom IEA (International Association for the Evaluation of Educational Achievement), einem unabhängigen internationalen Verbund von bildungswissenschaftlichen Institutionen, durchgeführt wurde. Die Studie untersucht die computer- und informationsbezogenen Kompetenzen von Achtklässlerinnen und Achtklässlern. Damit sind Kenntnisse und Fähigkeiten gemeint, die das digitale Recherchieren, Gestalten, aber auch Kommunizieren von Informationen am Computer implizieren. Methodisch wird hierbei mit computerbasierten, interaktiven Tests gearbeitet, in denen die Schülerinnen und Schüler Aufgaben zu verschiedenen Medienkompetenzbereichen bekommen. So sollen sie beispielsweise nach Informationen recherchieren, Grafiken und Präsentationen erstellen und auch Informationen selbst erzeugen und austauschen. Je nach Leistung werden die Schüler/-innen einer Kompetenzstufe zugeordnet. Die Bandbreite reicht dabei von rudimentären, vorwiegend rezeptiven Fähigkeiten (Kompetenzstufe 1) bis hin zu sehr selbstständigen und sicheren digitalen Informationskompetenzen (Kompetenzstufe 5).

 

Rudimentäre Kenntnisse und internationales Mittelmaß

Die aktuellen Ergebnisse zeigen, dass Deutschland im internationalen Vergleich nur mittelmäßig abschneidet. 33 Prozent der deutschen Schüler/-innen verfügen lediglich über einfachste, rudimentäre Computer- und Informationskompetenzen. Bedeutet: sie können eine E-Mail öffnen, einen Link in einem Dokument anklicken, jedoch Informationen nicht reflektiert bewerten. Fast jede/r dritte Schüler*in landet somit auf einer der unteren Kompetenzstufen.

Dieser Wert allein ist schon bedenklich, doch noch besorgniserregender mit Blick auf die Tatsache, dass sich diesbezüglich seit der ersten Untersuchung im Jahr 2013 keine signifikante Veränderung zeigt. Nur ein sehr kleiner Teil, gerade mal 1,9 Prozent, lässt sich in den aktuellen Daten der Kompetenzstufe fünf zuordnen. Mädchen in Deutschland schneiden insgesamt besser ab als Jungen, womit wie bereits 2013 Geschlechterunterschiede deutlich werden. Auch die soziale Herkunft und die Schulform sind Einflussfaktoren auf die Ausprägung der untersuchten Kompetenzen. Entsprechend schneiden Jugendliche aus sozioökonomisch weniger privilegierten Haushalten und nicht gymnasialen Schulformen schlechter ab.

 

Die Schule als digitaler Kompetenzkiller?

Neben den sozioökonomischen Bedingungen sowie dem Bildungshintergrund der Schüler/-innen sehen die Forscher/-innen auch den Kompetenzerwerb im schulischen Rahmen als zentralen Einflussfaktor auf die untersuchten Kompetenzen. So wurde das Augenmerk ebenfalls auf die digitale Infrastruktur in Schulen sowie die Einstellungen und Kompetenzen von Lehrkräften hinsichtlich digitaler Informationstechniken gelegt. Die zentralen Erkenntnisse: zwar wird das Lernen mit und durch digitale Medien im Vergleich zum Jahr 2013 zunehmend als Ziel und Priorität in Schulen gesetzt, dennoch fehlt es in vielen Einrichtungen weiterhin an technischen und pädagogischen Unterstützungen. Konkret gesprochen: es mangelt am Zugang zu stabilem schulischen WLAN, Computern und mobilen Endgeräten für den Unterricht, digitalen Lernmaterialien sowie der Kompetenz und Bereitschaft von Lehrkräften, digitale Medien im Unterricht einzusetzen. Wie auch schon 2013 gibt es nur einen geringen Anteil an Lehrkräften, die an digitalisierungsbezogenen Fortbildungen für das Lernen und Lehren mit Medien teilnehmen beziehungsweise sich selbst kompetent genug für die unterrichtsbezogene Anwendung von Medien einschätzen.

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Dänemark als Vorreiter und Paradebeispiel

Die Ergebnisse der schulischen Rahmenbedingungen lassen Deutschland im internationalen Vergleich eher schwach aussehen. Vorreiter und Paradebeispiel der Studie ist Dänemark: doch was wurde dort anders gemacht? Während der Digitalpakt Schule in Deutschland noch in den Startlöchern steht, hat Dänemark bereits vor mehreren Jahren eine Milliarde Euro in einen Digitalpakt für dänische Schulen investiert. Im Zuge dessen wurde ein flächendeckender Internetzugang geschaffen und Schulen mit neuer Technik sowie ausreichenden Endgeräten zur Unterstützung des Unterrichts ausgestattet. Zudem wurde die Überlegung umgesetzt, dass Schüler/-innen für die Begleitung im Unterricht ihre eigenen Endgeräte von zu Hause mitbringen können. Diese Bemühungen haben sich ausgezahlt. Entsprechend gaben alle befragten dänischen Schüler/-innen an, eine Schule zu besuchen, in der für sie selbst, aber auch für die Lehrkräfte Zugang zu einem schulischen WLAN besteht. Zudem zeigen die Ergebnisse für Dänemark, dass überdurchschnittlich hohe Anteile der Lehrerschaft und der Schülerinnen und Schüler täglich digitale Medien zur Arbeit im Unterricht einsetzen und Schüler/-innen dabei überwiegend mit ihren eigenen digitalen mobilen Endgeräten arbeiten.

 

Schneller Handlungsbedarf ist gefragt

Mit Blick auf die Ergebnisse für Deutschland lässt sich resümierend feststellen, dass noch viel Arbeit getan werden muss. Der hohe Anteil von Schülerinnen und Schülern auf den unteren Kompetenzstufen ist besorgniserregend. Bereits nach Veröffentlichung der Ergebnisse im Jahr 2013 befürchteten Vertreter der deutschen Bildungspolitik, dass Schüler/-innen für den zunehmend digitalisierten Arbeitsmarkt nicht ausreichend vorbereitet seien. Doch auch mit Blick auf das alltägliche, gesellschaftliche Leben werden digitale informationsbezogene Kompetenzen immer relevanter. So argumentierte Birgit Eickelmann, eine Autorin der Studie, dass Schüler/-innen, die nur rudimentäre informationsbezogene digitale Kompetenzen aufweisen, mit hoher Wahrscheinlichkeit besonders anfällig für Phänomene wie Fake News sind. Hierbei besteht Handlungsbedarf und dieser sollte, so argumentieren die Autor/-innen der Studie, vor allem bei den Rahmenbedingungen und damit beim schulischen Kompetenzerwerb anfangen.

„Wichtige zukünftige Schritte sind der flächendeckende Internetausbau, aber auch die umfangreiche technische Ausstattung von Schulen.“

Mit Blick auf die befragten deutschen Schulen zeigt sich ein insgesamt eher widersprüchliches Bild. Zwar gibt es neue digitalisierungsorientierte Prioritätensetzungen an den Schulen und eine allgemeine Öffnung gegenüber der Integration von digitalen Medien im Unterricht, dennoch scheitern diese positiven Ansätze nach wie vor an mangelnder IT-Ausstattung sowie an unzureichend ausgebildeten Lehrkräften. Wichtige zukünftige Schritte, das liegt auf der Hand, sind somit zunächst der flächendeckende Internetausbau, aber auch die umfangreiche technische Ausstattung von Schulen. Neben der Bereitstellung von ausreichend digitalen (End-)Geräten wäre zudem die Entwicklung und Bereitstellung von Lernsoftware für den Unterricht eine innovative Weiterentwicklung. Diese Maßnahmen sollen durch den Digitalpakt Schule erreicht werden, doch ist es ausreichend, Schulen ans Internet anzuschließen und sie mit digitaler Technik auszustatten?

 

Die Antwort lautet klar: nein, denn fast noch entscheidender sind die Qualifizierung und Unterstützung von Lehrkräften, damit diese sicher und kompetent jene neu angeschafften digitalen Medien im Unterricht einsetzen können. Diesbezüglich wäre es wichtig, dass bereits im Rahmen der Hochschule die Lehrerausbildung kontinuierlich weiterentwickelt wird und angehende Lehrer/-innen fächerübergreifend lernen, wie sie inhaltlich, aber auch methodisch digitale Lernformate einsetzen können. Dabei sollte es nicht nur um die Vermittlung von rein technischem Know-How gehen, sondern vor allem um Kompetenzen zur Medienkunde, Mediengestaltung und Medienkritik. Zudem sollten Lehrkräfte dazu angeregt und motiviert werden, an Fortbildungen teilzunehmen, aber auch ihre eigenen digitalen Expertisen im Lehrerkollegium weiterzugeben und sich somit gegenseitig zu unterstützen.

 

Quellen und Artikel:

Alle Artikel wurden zuletzt abgerufen am 03.01.2020

Über Lena Wandner

Lena Wandner studierte Kommunikationswissenschaft und Romanistik an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, bevor sie ihren Master in Kinder- und Jugendmedien an der Universität Erfurt begann. Ihr Interesse gilt insbesondere der Medienwirkungsforschung und dem Jugendmedienschutz, weswegen sie sich auch für ein Praktikum bei der FSF entschied.

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