1992 – Das Jahr, in dem Italien sich die Hände wusch

Ein Jahr – zehn Folgen. Ab heute um 21.00 Uhr auf Sky Atlantic HD präsentieren Sky Italia, Wildside und Beta Film mit der Serie 1992 so das tumultvolle Jahr des Unwortes Tangentopoli (dt. Schmiergeldstadt) in Italien und wie Politiker zu Topsellern wurden.

Die Serie beginnt mitten im Wahlkampf der italienischen Parteien 1992. Für die italienische Bevölkerung ein emotionales Jahr, denn es scheint auf einmal alles möglich zu sein. Dem Korruptionssumpf der Regierung mit ihren unzähligen Schmiergeldaffären wird plötzlich ein Team entgegengestellt: „Mani Pulite“ (dt. Saubere Hände). Das polizeiliche Ermittlerteam soll Italien die verdiente weiße Weste zurückgeben und wird angeführt von Antonio Di Pietro, verkörpert durch Antonio Gerardi. Er wird schnell zum Helden der Nation, denn Italien träumt von einer Neugeburt und ist durstig nach Rache denen gegenüber, die sie jahrelang hintergangen haben. Diese Energie nutzen neue Parteien wie Lega Nord und später Forza Italia mit einem Mann an der Spitze, der die Menschen in diesen Jahren bewegte wie kaum ein anderer: Silvio Berlusconi.

„Wir Italiener sehen 1992 als das Jahr, in dem der Kampf gegen die Korruption eine korrupte politische Klasse hinwegfegte – und den Weg frei machte für eine noch korruptere“, so der Regisseur der Serie Giuseppe Gagliardi.

Die realen Persönlichkeiten der Zeit spielen eine bedeutende Rolle, sind allerdings nie Identifikationsfigur und mit Ausnahme von Di Pietro nicht handlungstreibend. Als Zuschauer begleitet man die sechs fiktionalen Persönlichkeiten Leonardo Notte (Stefano Accorsi), Veronica Castello (Miriam Leone), Luca Pastore (Domenico Diele), Rocco Venturi (Alessandro Roja), Beatrice Mainaghi (Tea Falco) und Pietro Bosco (Guido Caprino), deren Leben von den Turbulenzen in der Politik ergriffen werden.

Luca ist junger Polizist und Teil des Mani-Pulite-Teams. Dabei hegt er allerdings seine ganz eigene Intention: Aufgrund einer kontaminierten Infusion ist er HIV-positiv. Als Schuldigen sieht er Michele Mainaghi (Tommaso Ragno), Politiker und Mogul eines Pharmaunternehmens. Deshalb nimmt Luca Kontakt zu Mainaghis eigenwilliger Tochter Beatrice ‚Bibi’ auf.

Lucas Kollege Rocco Venturi besitzt deutlich schmutzigere Hände, hat Geldprobleme und erpresst Leonardo Notte mit einem dunklen Geheimnis. Notte tritt als moralloser Werbeguru à la Don Draper (Mad Men) auf, zieht die Menschen in seinen Bann und bekommt schließlich den experimentellen Auftrag, ein Werbekonzept für die Politik zu entwerfen. Zu seinen zahlreichen Liebschaften zählt auch Veronica, deren größter Wunsch es ist, ein Showgirl im Fernsehen zu werden. Die bildschöne Frau lebt von männlicher Bestätigung und geht gezielt Affären mit Politikern wie Michele Mainaghi ein, um ein TV-Star zu werden.

Pietro ist Kriegsheimkehrer, Trinker und von dem Tod seines Bruders noch immer ergriffen. Als er eines nachts ein gut situiertes Pärchen vor einem Überfall bewahrt und die Angreifer zusammenschlägt, entpuppt sich der Gerettete als ein führendes Parteimitglied der Lega Nord. Durch die angebotene Parteimitgliedschaft eröffnen sich Bosco neue Welten und Chancen bei Veronica.

So verschlingen sich ein wenig konstruiert die Geschichten der einzelnen Personen zu einem gelungenen Drama aus Politik, Kriminalität und Einzelschicksalen. Musik, Mode, ja der gesamte Stil der Bilder ist den frühen 1990ern angepasst. Die Verknüpfung von Realität und Fiktion erzeugt eine dichte Stimmung der damaligen Geschehnisse. Auch können sich die jungen Autoren Alessandro Fabbri, Ludovica Rampoldi und Stefano Sardo so auf die künstlerische Freiheit berufen, um Klagen von Mario Chiesa oder Silvio Berlusconi abzuwehren, die nach der Erstausstrahlung aufkamen. Die Idee des Politthrillers stammt übrigens vom Schauspieler Stefano Accorsi selbst.

Man kommt nicht umhin, diese Serie House of CardsThe West Wing, Borgen oder Gomorrha gegenüberzustellen. Doch außer den etwas zu kalkulierten Sexszenen (immer dieses Sex sells) ist diese Serie trotz harter Konkurrenz eine wahre Bereicherung für jeden Politik-Crime-Fan.

1992 – Freigegeben ab …
Die italienische TV-Serie zeigt fiktive Figuren vor der Folie einer realen Geschichte mit politischem Hintergrund, einem Geflecht aus Korruption, Amtsmissbrauch und Kriminalität im Italien der frühen 1990er-Jahre. Im Allgemeinen gibt es für den jüngeren Zuschauer ausreichend Distanzierungsmomente, wie die historische Distanz, Thematik, Dialoglastigkeit, fehlende Identifikationsmöglichkeiten und Inszenierung. Als problematisch im Sinne einer Beeinträchtigung für unter 12-Jährige wurden in den einzelnen Episoden vereinzelte Überfall-, Bedrohungs- und Sexszenen diskutiert, jedoch aufgrund der sehr zurückgenommenen Darstellungsebene als nicht nachhaltig eingeschätzt. 1992 wird für Zuschauer ab 12 Jahren im Tagesprogramm freigegeben.

Zur ausführlichen ProgrammInfo auf der FSF-Website geht es hier.

Bitte beachten Sie: Bei den Altersfreigaben handelt es sich nicht um pädagogische Empfehlungen, sondern um die Angabe der Altersstufe, für die ein Programm nach Einschätzung der Prüferinnen und Prüfer keine entwicklungsbeeinträchtigenden Wirkungsrisiken mehr bedeutet.

Mehr Informationen zur Programmprüfung erhalten Sie auf unserer Website. Dort veröffentlichen wir jede Woche neue ProgrammInfos zum aktuellen Fernsehprogramm. Auch diese Auswahl stellt keine Empfehlung dar, sondern zeigt einen Querschnitt der Programme, die den Prüfausschüssen der FSF von den Mitgliedssendern vorgelegt werden.

Über Henrike Rau

Henrike Rau studierte Architektur an der Universität Kassel. Danach begann sie ein Studium der Digitalen Medienkultur an der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF und arbeitet aktuell an ihrem Master in Medienwissenschaften. Neben Uniprojekten wie Sehsüchte, der Kinderfilmuni oder Kooperationen mit dem Filmmuseum Potsdam haben Praktika beim UFALab und bei der FSF ihre Ausbildung mit Praxis belebt.

17. Juli 2015 von Henrike Rau
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