„Prüfalltag“ in Zeiten des Homeoffice

In der Geschäftsstelle der FSF ist es derzeit ruhig. Wie in vielen anderen Einrichtungen wurde die Besetzung auf ein Minimum reduziert. Das bedeutet, nicht nur das FSF-Team arbeitet vom heimischen Schreibtisch aus, auch der komplette Prüfbetrieb wurde ins Homeoffice verlegt. Doch wie läuft so eine mobile Prüfung nun ab? Ich durfte einen Tag „Mäuschen spielen“ und einem Fünfer-Prüfausschuss beiwohnen – natürlich von meinem Sofa aus.

 

Der Ablauf bleibt gleich, wenn auch digitaler

Am Abend vorher erhalten alle Prüfenden eine ausführliche E-Mail mit Informationen zum Prüftag, darunter einen Leitfaden für die mobile Prüfung, Prüfungsunterlagen und die benötigten Formulare. Zu prüfen sind an diesem Tag drei Folgen einer Science-Fiction-Serie aus den 1980er-Jahren und eine Episode einer Reportagereihe, in der eine Dragqueen aus ihrem Leben berichtet.

 

Der Prüftag

Den weltbesten Kaffee gibt es in der FSF-Geschäftsstelle, den zweitbesten bei mir zu Hause. Der Tag startet also relativ gut mit einer vollen Tasse Kaffee in der einen Hand und dem Smartphone in der anderen. Um Punkt 9.30 Uhr beginnt die mobile Prüfung mit einer Telefonkonferenz. Wie in den Präsenzprüfungen informiert der oder die hauptamtliche Prüfer/-in über das Programm und die anstehenden Gutachten werden unter den Prüfenden aufgeteilt. Im Anschluss an das Telefongespräch streamt jede oder jeder für sich die Prüfgegenstände und bewertet sie unter Gesichtspunkten des Jugendschutzes. Ziel der Programmprüfungen ist es, mögliche Wirkungsrisiken zu minimieren und Inhalte, die Kinder ängstigen, desorientieren oder für Gewalt einnehmen können mit einer Altersfreigabe und der entsprechenden Sendezeit zu versehen. Auch alleine im Homeoffice wird jeder Film, jede Serie, jeder Prüfgegenstand, der von den FSF-Mitgliedern eingereicht wurde, nach der Prüfordnung der FSF begutachtet. So sitze ich also bequem mit Kaffeetasse auf meinem Sofa, schaue mir die erste Folge der Science-Fiction-Serie an und verfolge das Procedere. Während des Streams können Kommentare gesetzt werden, die die anderen Prüfgruppenmitglieder einsehen und wiederum kommentieren können – der fachliche Austausch untereinander ist also auch während der Onlinesichtung möglich. Während des Screenings der Folge werden alle jugendschutzrelevanten Aspekte mit Timecode notiert. Im Anschluss verfasst jedes Ausschussmitglied eine Kurzbewertung. So arbeite auch ich peu à peu alle Prüfgegenstände ab.

FSF-Programmprüfung im Homeoffice © FSF
FSF-Programmprüfung im Homeoffice © FSF

Telefonkonferenz oder Videochat?

Den Prüferinnen und Prüfern ist es selbst überlassen, ob sie per Videochat oder per Telefonkonferenz diskutieren möchten. Am heutigen Tag belassen wir es bei der Telko. Wie am Morgen wählen sich alle Teilnehmenden ein. Es folgt ein kurzes „Hallo“, bevor der Prüfer, der das Gutachten der ersten Episode verfasst, die Moderation der ersten Runde übernimmt. Die Besprechungen sind sehr fokussiert und effektiv. Alle kommen zu Wort und tauschen sich über Szenen aus, die ein Wirkungsrisiko beinhalten könnten. Danach erfolgt die offizielle Abstimmung. „Wer stimmt antragsgemäß zu?“. Nacheinander ertönt fünfmal „Ja“ aus meinen Kopfhörern. Damit ist die Serienfolge einstimmig antragsgemäß freigegeben. Wie in der Präsenzprüfung werden die Wirkungsrisiken – Gewaltbefürwortung bzw. -förderung, übermäßige Angsterzeugung und sozialethische Desorientierung – notiert. So einstimmig läuft es nicht immer ab. Manchmal wird heiß diskutiert bis es zu einer Entscheidung kommt. Doch heute haben wir Glück. Die Kultserie aus den Achtzigern ist für Kinder- und Jugendliche kaum noch interessant . Die Ästhetik wirkt antiquiert. Das langsame Tempo der Serie und die klare Verortung in einer fernen Science-Fiction-Welt bieten älteren Kindern und Jugendlichen hinreichend Distanzierungsmomente. Alle drei Folgen erhalten eine antragsgemäße Freigabe ab 12 Jahren und für das Tagesprogramm.

In der vorliegenden Reportage berichtet eine Travestie-Künstlerin über ihre Erfahrungen als heterosexuelle Dragqueen und ihrem Leben zwischen Bühne und Familie. Die Machart ist nicht reißerisch, vielmehr räumt die Folge emphatisch und aufklärerisch mit Vorurteilen auf. Die Sprache ist zurückgenommen und sachlich mit nur wenigen derben Sprüchen. In der Diskussion der Prüfenden wird vor allem die sozial-ethische Desorientierung als Wirkungsrisiko besprochen. Niemanden ins Wort zu fallen, ist hier besonders wichtig, damit die Diskussionen über das Telefon fruchten. So spricht jede Prüferin, jeder Prüfer nacheinander und es entsteht eine virtuelle Sitzordnung. Im Anschluss an die Telefonkonferenz wird für jede Episode ein Gutachten verfasst und damit endet der Prüftag im Homeoffice.

 

Herausforderungen und Chancen

Einzelprüfung, Dreier- und Fünferausschuss, Berufung und Schnittauflagen  – so unterschiedlich die Prüfungen vor Ort in den Prüfräumen der Geschäftsstelle ausfallen, so unterschiedlich und aufwendig unterscheiden sich auch die mobilen Prüfungen.

FSF-Programmprüfung im Prüfraum - derzeit verwaist © FSF
FSF-Programmprüfung im Prüfraum – derzeit verwaist © FSF

Sarah Ehls ist Prüferin und konnte bereits an verschiedenen Prüfausschüssen im Homeoffice teilnehmen. „Die mobile Prüfung erlebe ich in der aktuellen Situation als gute Lösung, um trotz Kontaktsperre und Reisebegrenzungen weiterhin Programme für die FSF prüfen zu können.“, so Frau Ehls. Weiter erklärt die routinierte Gutachterin: „Eine Prüfung vor Ort finde ich insbesondere in den beiden größeren Ausschüssen jedoch etwas besser.“ Eine Telefonkonferenz mit sieben Personen, die nicht selten länger als eine Stunde dauern, sind energieraubend für alle Beteiligten. Es funktioniert, weil alle Prüfenden und das gesamte FSF-Team gemeinsam die aktuelle Lage als Ausnahme betrachten und sich bemühen, das Beste aus der Situation zu machen. Dabei eröffnen sich auch Chancen der mobilen Prüfung. Einzelprüfungen sind beispielsweise im Homeoffice genauso gut durchführbar wie in den FSF-Prüfräumen. Auch kleinere Ausschüsse sind für alle Beteiligten angenehm und zielführend mit Videochats und Telefonkonferenzen umsetzbar. In Zukunft könnte dadurch die Flexibilität der Prüferinnen und Prüfer erhöht und der Reiseaufwand minimiert werden.

Ob nun im Homeoffice oder vor Ort in den Prüfräumen: Auch in dieser schwierigen Zeit konnte der Prüfbetrieb aufrechterhalten werden. Ein besonderer Dank geht an die Prüferinnen und Prüfer für ihr Engagement und für die tolle Zusammenarbeit.

 

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Über Eva Lütticke

Eva studiert Medienwissenschaften an der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF. Nebenbei arbeitet sie als freie Redakteurin und unterstützt das FSF-Team als Werkstudentin.

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