Roadkill: „Bambi ist tot“

Britische Polit-Serie Roadkill ab 4. Februar 2021 bei MagentaTV

 

„Bambi ist tot, fürchte ich“, verkündet der Politiker Peter Laurence (Hugh Laurie) bekümmert der Presse, als er nach einem Wildunfall das Krankenhaus verlassen darf. Er hat es vom Möbelhändler über die Tätigkeit als Vermieter und Wohnungsmakler bis zum Justizminister gebracht. Aus der Arbeiterklasse in die hohe Politik. Wo immer der elegante freundliche Mann in den besten Jahren auftaucht, wollen die Menschen ein Selfie mit ihm teilen. Er ist ein Rechter. „Ein Konservativer, der sich auf seine weitere Zukunft freut“, wie er bei seiner wöchentlichen Radioshow dem Moderator Mick „The Mouth“ Murray verkündet.

 

„Früher war Sex Freiheit“

Peter sieht sich als Kämpfer für die Freiheit. Freiheit, die er als junger Mann in den Betten von Notting Hill kennengelernt hat. „Früher war Sex Freiheit“, grübelt er. „Heute ist es Ausbeutung“. Die Freiheit hatte tatsächlich einen langen Weg von Delacroix’s Barrikaden in die Propaganda von wirtschaftsliberalen Politikern, die darunter nur ungebremste, unkontrollierte Vermehrung ihres persönlichen Profits verstehen. Dafür steht auch Peter.

 

„Führen – nicht folgen“

Mit dem erklärten Vorhaben, alles zu privatisieren, will er „führen – nicht folgen“. Er hat vor, mit der British American Development Group unter anderem das britische Gesundheitssystem NHS abzuschaffen.
Die fiktive British American Development Group ist eine Lobby Group, auch genannt Gas Factory oder noch besser ein Think Tank. Und ein Think Tank ist leicht gebastelt. „Man kauft ein paar billige Akademiker, mietet repräsentative Räumlichkeiten an und schon lädt man Senatoren ein“. Bedingungslos unterstützt er auch das British Defense Board der Waffenindustrie.

 

„Werde erwachsen!“

In seiner Familie bedeutet für Peter Freiheit – die Freiheit von Verantwortung, ja sogar von Sympathie. Die jüngste Tochter Lily kompensiert das mit Drogeneskapaden und mit Anklagen. Die ältere Tochter Susan glaubt, dass unser Zeitalter sowieso als einzig Relevantes nur Greenpeace und ein paar Feministinnen hervorgebracht hat und empfiehlt Peter, erwachsen zu werden. Peters Frau Hellen hatte Krebs und ist als Chorleiterin in die Welt der Musik geflohen.

 

„Ich bin eine Gummipuppe mit einem Abschluss in Kunstgeschichte“

Dann fi**t Peter auch noch Madeleine (Sidse Babett Knudsen), einstmals Premierministerin Birgitte Nyborg aus der dänischen Serie Borgen. Er hat sie getröstet, als ihr Sohn starb. „Aus Trauer entsteht Vertrautheit“. Bis sie seine unverbindliche Auffassung einer praktischen Beziehung nach drei Jahren durchschaut und ihn mit Flaschen und Gläsern bewirft. „Ich bin eine Gummipuppe mit einem Abschluss in Kunstgeschichte und einem toten Sohn. Ich existiere nicht“, wirft sie ihm vor. „Ich wollte dich bitten deine Sachen mitzunehmen – aber hier sind keine“.

 

Totale Leichtigkeit und völlige Freiheit

Dabei ist Roadkill kein bisschen didaktisch, wie vielleicht schon dieser Text befürchten lässt. Im Sinne von: Man spürt die Absicht und man ist verstimmt. Bis auf eine kleine Andeutung im Vorspann mit bunten ausgeschnittenen Menschenketten, die zerrreißen und auf denen schließlich ein großer schwarzer Schatten herumtrampelt, schafft Roadkill das Gegenteil von Didaktik. Totale Leichtigkeit und völlige Freiheit.

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YouTube-Kanal der Telekom: Trailer zur Serie Roadkill

 

Das Böse ist nicht nur banal

In einer ständigen Totalen hat man die Möglichkeit, hinzusehen, wo man will. Das Bild ist offen. Demokratische Leinwand. Plansequenzen. Kamerafahrten. Ewige Dialoge, freundliche Gesichter. Untermalt von munterer Klaviermusik wie in Filmen von Jaques Tati. Die verheerenden Informationen muss man sich bei Roadkill mühsam selbst erarbeiten. Und irgendwie auf diesem Weg geschieht es, dass man Peter richtig gerne mag. Das Böse ist nicht nur banal. Es ist sogar lieb. Peter ist doch eigentlich der Feind, er fi**t die Welt, er verrät alles und jeden, nur zu seinem Vorteil.
Aber das führt bei Roadkill nur dazu, dass man den Wunsch entwickelt, endlich ein Selfie mit ihm zu machen. Dass seine Frau den von ihr propagierten Gegenpol zu seiner ständig perpetuierten Freiheit – nämlich Loyalität — beherzigt und seine Lügen und seine Steuerhinterziehungen für sich behält, damit Peter weiter der Premierminister der Herzen bleibt.

 

Nur eine Kunstfigur

PR-Leute bitte wegschauen möchte man schreien. Sollte es gelingen, einen Peter Laurence aufzustellen, dann sind wir verloren! Aber zum Glück ist Peter nicht echt. Wie Birgitte Nyborg hier Madeleine, nur eine Kunstfigur. Er wird von einem vielleicht wirklich sympathischen Schauspieler verkörpert. Mit 50 hat man das Gesicht, das man verdient, sagt Orwell. Und so lange man sein Gesicht in der Politik noch zeigen muss, wird es die eigentliche Absicht offenbaren. Hoffentlich.

 

Unsere langweilige Demokratie verteidigen

Gute Serien bieten immer einen Lebenshilfe-Aspekt. So auch Roadkill: Wir müssen endlich akzeptieren, dass Bambi tot und begraben ist, damit wir auf keinen gefühligen Schmus mehr reinfallen und uns endlich an die Arbeit machen, unsere langweilige Demokratie zu verteidigen, bevor wir endgültig von ihr befreit werden.

 

Weitere Informationen zur vierteiligen britischen Miniserie gibt es u.a. bei MagentaTV.

 

FSF: freigegben ab ..?

 

FSF: freigegeben ab 12 Jahren | Hauptabendprogramm © FSF FSF ab 12 Jahren Tagesprogramm © FSFPolitische Intrigen in Großbritannien: Die Dramaserie Roadkill zeigt das Leben und Handeln des fiktiven Politikers Peter Laurence. Charakterlich bringt er einige Schwächen mit, beim Volk kommt er an.
Mit ihrem Sujet richtet sich die dialogstarke und eher ruhig inszenierte Serie an ein erwachsenes Publikum. Jüngere Zuschauende werden hier kaum Anschluss finden. Enthalten sind kurze angedeutete Sexszenen, sexuelle Handlungen sind jedoch nicht sichtbar. Wenige Schreckmomente und vereinzelte Gewaltszenen kommen vor, entfalten aber keine ängstigende Wirkung auf ein Publikum ab 12 Jahren. Der Umgang mit Drogen wird moderat abgebildet, wobei das Thema Drogenmissbrauch eindeutig negativ eingeordnet wird. Auch wenn die Serie streckenweise etwas düster anmutet, birgt sie insgesamt für ab 12-Jährige kein entwicklungsbeeinträchtigendes Potenzial. Einer Freigabe für das Hauptabendprogramm – für ein Publikum ab 12 Jahren –  konnte somit entsprochen werden. In zwei Episoden wurde sogar eine Freigabe ab 12 Jahren für das Tagesprogramm entschieden.

Zu weiteren ProgrammInfos auf der FSF-Website geht es hier.

Pay-TV-Anbieter oder Streamingdienste können eine Jugendschutzsperre aktivieren, die von den Zuschauern mit der Eingabe einer Jugendschutz-PIN freigeschaltet werden muss. Somit gelten die üblichen Sendezeitbeschränkungen und Schnittauflagen nicht. Weitere Informationen zu Vorschriften und Anforderungen an digitale Vorsperren als Alternative zur Vergabe von Sendezeitbeschränkungen sind im Jugendmedienschutz-Staatsvertrag (§ 5 Abs. 3 Nr. 1; § 9 Abs. 2 JMStV) sowie in der Jugendschutzsatzung der Landesmedienanstalten (§ 2 bis § 5 JSS) zu finden.”

Bitte beachten Sie: Bei den Altersfreigaben handelt es sich nicht um pädagogische Empfehlungen, sondern um die Angabe der Altersstufe, für die ein Programm nach Einschätzung der Prüferinnen und Prüfer keine entwicklungsbeeinträchtigenden Wirkungsrisiken mehr bedeutet.

Mehr Informationen zur Programmprüfung erhalten Sie auf unserer Website. Dort veröffentlichen wir jede Woche neue ProgrammInfos zum aktuellen Fernsehprogramm. Auch diese Auswahl stellt keine Empfehlung dar, sondern zeigt einen Querschnitt der Programme, die den Prüfausschüssen der FSF von den Mitgliedssendern und externen Antragstellern vorgelegt.

Über Uli Wohlers

Uli Wohlers ist DiplSoz Päd. Prüfer bei FSK und FSF. Er studierte u.a. Publizistik und Filmwissenschaft in Dublin und Lüneburg und lebt nun als freier Autor in Hamburg, Berlin, Dänemark und on the road. Wohlers textet nicht nur für den fsf blog, sondern schreibt Romane und Drehbücher. Sein aktuelles Werk heißt Projekt Rahanna, 2011 ist der Krimimalroman Die Spur der Schweinebeides bei Braumüller/Wien erschienen.

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