Trumps genervte Jugend

Sandra Marquardt im Interwiew mit Peter Lähn

 

Heute startet ProSieben FUN zur Primetime mit der Ausstrahlung der neuen US-Serie Wayne (2019). Die Dramedy lag der FSF vorab zur Prüfung vor. Im fsf blog beantwortet uns Peter Lähn, langjähriger Prüfer bei der FSF und Teilnehmer an der Programmprüfung zu dieser Serie, einige Fragen.

 

Sandra Marquardt: Die FSF hat kürzlich einige Episoden der Serie Wayne geprüft. Die von den Machern von Deadpool geschriebene Story spielt in den USA und zeichnet das Leben des jugendlichen Wayne, der in prekären Verhältnissen lebt und sich mit einigen Problemen konfrontiert sieht. Herr Lähn, Sie saßen als Prüfer mit im Prüfausschuss, worum geht es in der Serie genau?

Peter Lähn: Wayne ist der titelgebende 16-jährige Antiheld dieser Serie. Er lebt in Brockton, Massachusetts, eine im 17. Jahrhundert von Pilgern besiedelte Stadt, Geburtsort des legendären Boxers Rocky Marciano, vormals ein wichtiger Standort der Textil- und Schuhfertigung. Schon im Jahr 1882 wurde dort ein von Thomas Alva Edinson entworfenes unterirdisches Stromnetz in Betrieb genommen. Von diesem Glanz ist nichts mehr übrig, das zeigen schon die Einstiegssequenzen, die paradigmatisch vorgeben, wohin die Serie sich verorten wird: Wayne rast mit seinem Fahrrad über eine Brücke, fährt durch eine Industriebrache und landet bei einem heruntergekommenen Lagerschuppen, vor dem drei Jugendliche herumlungern. Sie wollen Wayne vertreiben, doch dieser nimmt einen Eisklumpen und wirft eine Scheibe im Oberlicht des Schuppens ein. Der Besitzer eilt heraus und will Wayne zur Rede stellen, doch dieser spuckt ihn an, worauf er heftig zusammengeschlagen wird. Als sich der Besitzer entfernt, rappelt sich Wayne auf, nimmt einen weiteren Klumpen und zerstört eine weitere Scheibe. Der Besitzer ist atem- und fassungslos. Verächtlich spuckt Wayne Blut und einen Zahn auf den schneebedeckten Boden aus und entfernt sich.

Sandra Marquardt: Welches Motiv steckt hinter Waynes angriffslustiger Handlung zu Serienbeginn?

Peter Lähn: Das Motiv der Tat erschließt sich erst später, denn im weiteren Verlauf der Serie lebt Wayne immer wieder sein Bedürfnis nach Gerechtigkeit mit einem enormen aggressiven Potenzial aus. Er provoziert damit auch die gegen ihn gerichtete Gewalt, die er klaglos in Kauf nimmt.

Sandra Marquardt: Die Produzenten verstehen Wayne als schwarzhumorige Dramedy?

Peter Lähn: Das ist durchaus passend: Die Gewaltsequenzen sind teilweise grotesk inszeniert bzw. schwarzhumorig überzeichnet. Wayne ist aber auch eine zartfühlende Liebesgeschichte, denn er lernt die 15-jährige Del kennen. Delilah gleichsam genervt von ihrem Leben und den heruntergekommenen Verhältnissen in Brockton sieht ihre Zukunft im Bürgermeisterbüro, um ihrem Ort bessere Zeiten zu bescheren. Schnell freunden sich die beiden an und Wayne „entführt“ Del aus den Klauen des besitzergreifenden und gewalttätigen Vaters und ihren beiden leicht debilen Brüdern. Zum Ende der ersten Episode beginnt auch noch ein Roadtrip mit dem Ziel des fernen Floridas, auf der Suche nach dem legendären Pontiac Trans Am, das Vermächtnis des verstorbenen Vaters von Wayne.

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Vimeo: Trailer zur Serie Wayne

Sandra Marquardt: Es handelt sich also um eine sehr jugendaffine Serie. Können sich Heranwachsende und ihre Lebensumstände in den jugendlichen Protagonisten wiederfinden?

Peter Lähn: Jugendaffin ist die Serie sicherlich, jedoch mit der Einschränkung, dass die Protagonisten durch ein fernes Amerika pilgern, das von Trump geprägt erscheint: gewalttätig, illusions- und haltlos, voller schräger Gestalten ohne jegliche Perspektive.

Sandra Marquardt: Also ist Wayne auch ein Sozialdrama?

Peter Lähn: Während der Prüfungen leuchteten bei mir immer wieder Filme auf, die die soziale Wirklichkeit Amerikas auf sehr unterschiedliche Weise behandeln. Sei es Winter´s Bones aus dem Jahr 2010, wo Drogen und Armut das ländliche Amerika prägen oder Beasts of the Southern Wild aus dem Jahr 2012, einem Märchen aus den Sümpfen Louisianas um die Würde der Armut. Bei Wayne ist es nun 2019 ein langer und steiniger Roadtrip nach Florida, wobei Wayne und Del auf ihrer Reise nicht nur durchgeknallte Protogonisten treffen, wie in der zweiten Episode Lee „fucking“ Murray und seine Freundin Kyle, eine vegane Satanistin. Wayne und Del durchwandern eine soziale Realität, die ihnen durchweg nicht wohlgesonnen ist.

Sandra Marquardt: Gibt es in dieser Serie überhaupt „normale“ Menschen?

Peter Lähn: Ja, natürlich und sie verkörpern durchaus Orientierungspunkte, die allerdings allesamt desillusioniert gebrochen erscheinen. In der ersten Episode ist es zum Beispiel Waynes Schuldirektor, der ihm den Rat gibt, gegenüber Unrecht Distanz zu wahren. Wayne verstößt umgehend gegen den Rat, kaum, dass er das Direktorenzimmer verlassen hat. Die Pflegerin von Waynes krebskranken Vater gibt ihm den mütterlichen Rat, nicht der Wahrheit sklavisch verpflichtet zu sein, sondern sich diese hin und wieder etwas zurechtzubiegen, denn es diene seinem Selbstschutz. Der Rat verfliegt ebenso, als hätte Greta Thunberg den Rat gegeben, die Klimakrise nicht so ernst zu nehmen.

Sandra Marquardt: Inwiefern übt die vielfach von Wayne verübte Gewalt eventuell eine Vorbildfunktion auf die hiesige Jugend aus?

Peter Lähn: Ich sehe da keine Übertragungsgefahren. Wayne wird unmittelbar fast immer mit der Gegengewalt konfrontiert und erduldet sie geradezu masochistisch.

Sandra Marquardt: Warum ist Wayne so gewalttätig? Was steckt wohl dahinter?

Peter Lähn: Simplen Erklärungen entsagt sich die Serie, indem sie die Zuschauenden mit Waynes Gewalthandlungen unzweideutig konfrontiert. Wayne ist nicht auf einem Lern- und Erfahrungstrip, sondern Handelnder, der sich aus keiner Situation heraushält, die er als ungerecht empfindet. Das ist gewissermaßen der dramaturgische Plot, und das gesamte Publikum  – mich eingeschlossen – sind gespannt, wohin das führen wird.

Sandra Marquardt: Wenn es kaum simple Erklärungen gibt, können die Gründe der Gewaltanwendung dann von ab 12-Jährigen verstanden und adäquat eingeordnet werden?

Peter Lähn: Das war die große Frage, die in dem Prüfausschuss während der Programmprüfung ausgiebig diskutiert wurde. Die überwiegende Mehrheit kam zu dem Schluss, dass Jugendliche zwischen 12 und 15 Jahren mit dem eigenwilligen und konsequenten Gewaltsetting überfordert sein könnten. Zudem war sich der Ausschuss unsicher, inwieweit Waynes Verhalten von dieser Altersgruppe nicht als desorientierend wahrgenommen werden könnte. Erlaubt Ungerechtigkeit und ungerechtes Handeln wiederum selbstjustizielle Erwiderung? Die große Mehrheit sah durchaus die humorigen Elemente, die auch in der Inszenierung einiger Gewalthandlungen vorhanden sind, bezweifelte jedoch, dass diese für ab 12-Jährige hinreichend relativierend wirken, zumal der Humor nicht immer offensichtlich ist, sodass sich dieser nicht allen ab 12-Jährigen durchweg erschließen wird.

Sandra Marquardt: Wie argumentierte die Minderheit?

Peter Lähn: Sie berief sich auf die serientypische Fiktionalität, in der die Gewaltdarstellungen deutlich überzogen sind, wobei der schräge schwarze Humor immer wieder für Brechungen sorgt und relativierend wirkt. Wayne und Del sind als Antihelden gezeichnet, ihr Umgang miteinander ist trotz aller Streitereien immer fürsorglich. Eine Übertragung auf Alltagskonzepte im Sinne einer Vorbildhaftigkeit oder einer Angstübertragung sah die Minderheit nicht.

Sandra Marquardt: Da sich die Minderheit nicht durchsetzen konnte, welche Altersfreigabe wurde letztlich entschieden?

Peter Lähn: Die gesichteten Episoden wurden für das Spätabendprogramm freigegeben, also für ein Publikum ab 16 Jahren. Damit stimmt die Bewertung des FSF-Prüfauschusses mit der internationalen Bewertung überein, die die Serie Wayne überwiegend mit 16 bzw. 17 Jahren geratet hat.

Sandra Marquardt: Vielen Dank für Ihre detaillierte Schilderung und den Einblick in die FSF-Programmprüfung.

Peter Lähn: Sehr gerne.


Peter Lähn
Creative Artist und Kulturschaffender, ist seit über 20 Jahren als Jugendschutzsachverständiger tätig, für die FSF ab 2012. In seinem Kulturbüro leitet er als Soloselbständiger das Institut für Geistesgegenwart. Zurzeit entwickelt er als europäisches Kunstprojekt eine Kommunikationsskulptur für den öffentlichen Raum.


Die zehnteilige US-Serie Wayne wird ab heute bis zum 19. Mai 2021 bei ProSieben FUN – jeweils mittwochs ab 20.15 Uhr in Doppelfolge – ausgestrahlt.

 

FSF ab 16 Jahren Spätabendprogramm © FSF

Die wichtigsten Jugendschutz-Infos kurz und kompakt:
Die Dramedy rückt einen sympathischen 16-jährigen Antihelden ins Zentrum, der ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsbewusstsein besitzt. Umgesetzt bedeutet dies, dass er häufig gewalttätig (re-)agiert, um seine Ziele durchzusetzen. Dabei geht er oft zu weit und handelt auch nicht immer aus Notwehr. Zwar gibt es durchaus humorige Elemente, auch in einigen Gewalthandlungen, es wird jedoch bezweifelt, dass diese für ab 12-Jährige hinreichend relativierend wirken und der Humor immer als solcher erkennbar wird. Wayne besitzt aufgrund der Figurenzeichnung als unangepasster, sympathischer Typ und durch sein attraktives Äußeres ein hohes Identifikationspotenzial für Heranwachsende. Zudem erleben hiesige Zuschauende ab 12 Jahren in der Pubertät ähnliche Herausforderungen, daraus ergeben sich Anschlussmöglichkeiten. Die jugendaffine Machart der Serie verstärkt diese Wirkmacht. Die Mehrheit vermutet daher sowohl eine gewaltbefürwortende als auch eine desorientierende Wirkung auf 12-Jährige – auch eine übermäßige Ängstigung konnte nicht ausgeschlossen werden. Somit erhält die Serie die Altersfreigabe ab 16 Jahren.

Zur dieser und weiteren ProgrammInfos auf der FSF-Website geht es hier.

Pay-TV-Anbieter oder Streamingdienste können eine Jugendschutzsperre aktivieren, die von den Zuschauern mit der Eingabe einer Jugendschutz-PIN freigeschaltet werden muss. Somit gelten die üblichen Sendezeitbeschränkungen und Schnittauflagen nicht. Weitere Informationen zu Vorschriften und Anforderungen an digitale Vorsperren als Alternative zur Vergabe von Sendezeitbeschränkungen sind im Jugendmedienschutz-Staatsvertrag (§ 5 Abs. 3 Nr. 1; § 9 Abs. 2 JMStV) sowie in der Jugendschutzsatzung der Landesmedienanstalten (§ 2 bis § 5 JSS) zu finden.”

Bitte beachten Sie: Bei den Altersfreigaben handelt es sich nicht um pädagogische Empfehlungen, sondern um die Angabe der Altersstufe, für die ein Programm nach Einschätzung der Prüferinnen und Prüfer keine entwicklungsbeeinträchtigenden Wirkungsrisiken mehr bedeutet.

Mehr Informationen zur Programmprüfung erhalten Sie auf unserer Website. Dort veröffentlichen wir jede Woche neue ProgrammInfos zum aktuellen Fernsehprogramm. Auch diese Auswahl stellt keine Empfehlung dar, sondern zeigt einen Querschnitt der Programme, die den Prüfausschüssen der FSF von den Mitgliedssendern vorgelegt werden.

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Über Sandra Marquardt

Sandra Marquardt hat 2010 ihr Magisterstudium in Filmwissenschaft und Publizistisk- und Kommunikationswissenschaft an der FU Berlin abgeschlossen. Seit 2011 arbeitet sie als Onlineredakteurin bei der FSF. Dort betreut sie u.a. zum einen den Onlineauftritt der FSF-Website, ist zum anderen für den fsf blog inklusive der Bildredaktion verantwortlich und festes Teammitglied der Newsletterredaktion. Als Praktikumsbeauftragte ist ihr die Betreuung der Praktikantinnen und Praktikanten eine Herzensangelegenheit.

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